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Deutsche Noman-Biüliothek.
Die Lotte
Roman
von
»
Hans lvachenhusen.
(Schluß.)
EinundsilnfzigsteS Kapitel.
3: großen Buchstaben las man schon wenige Tage später den Namen Lola Goldani auf allen Anschlagzetteln; die Zeitungsannoncen erzählten von dem ersten Auftreten der jungen und schönen Sängerin und einiger anderen Künstler und Künstlerinnen ersten Ranges.
Gianetti hatte von Locarno aus Alles vorbereitet und fand seinen Zögling in der Seelenangst, die in jedem echten Künstlerleben solchem Momente vorangeht. Er selbst indeß war des Erfolges um so sicherer. Schon vor seiner Reise nach Locarno hatte er eine kostbare weiße Seidenrobe für Lola bestellt, ein Brillantschmuck, ein großes Bouquet vollendeten die Toilette, in welcher sie durch natürliche Jugend- frische und Eleganz das Auditorium blenden und die Zwei anderen mitwirkenden Sängerinnen schlagen sollte.
Der bewährte Manager versäumte nichts, denn er wußte, was von diesem Tage abhing. Die Kritik war günstig gestimmt, der Chef der Claque hatte seine Instruktion; Lola's Angst beunruhigte ihn nicht; er hatte schon an ihr beobachtet, wenn sie erst im Feuer stand, so kam ihr auch die Courage. Er störte sie an diesem Morgen auch nicht; nur ein Billet von ihm sagte ihr einige freundliche, ermuthigende Worte.
Und Gianetti hatte Recht. Lola fühlte, als sie sich erhoben, eine Zuversicht, die sie selbst überraschte... Sie empfing Niemanden, nur als ihr Vater Zutritt begehrte, ging ihr das Herz in unregelmäßigen Schlägen. Sie empfing auch ihn nicht und ihre Ruhe kehrte zurück.
Während ihrer Toilette erhielt sie ein Billet von Albert. Er schrieb, er sei mit seinein Vater und seiner Schwester eingetroffen, für die er soeben noch Billette erkämpft. Egon kam gegen Mittag, er bat um die Erlanbniß, sie, ehe sie zum Konzert fahre, in ihrer Toilette sehen zu dürfen; er werde geduldig warten, bis sie ihn rufe.
Und wie erstarrend blieb Egon in der Thür, als er gerufen wurde und Lola sich vom Spiegel lächelnd zu ihm wandte. Dieses stolze, schöne Geschöpf war seine Schwester, mit der er vor gar nicht langer Zeit in kindischem Gezänk gelegen!
Er blickte in die von künstlerischer Begeisterung leuchtenden Augen, sah die Weihe, die über diese ganze Feengestalt ausgegossen, sah, wie sie ihn so freudig bewußt anlüchelte, nahm ihre Hand und küßte sie auf die frischen Lippen.
„Lola, ich habe nie geahnt, daß Du so schön sein könntest!" rief er, zurücktretend und die schlanke Figur messend, wie sie in der von echten Spitzen garnirten Seidenrobe vor ihm stand, wie die Brillanten im Haar, auf ihrer Brust glitzerten und wie das schelmisch zuversichtliche Lächeln ihren Mund umspielte. „Wie schnell ihr Mädchen zu großen Damen heranwachset... Wer hätte das geahnt, Lola!" rief er, von trüben Erinnerungen angewandelt.
„Geh', Egon!" bat sie, ihn verstehend. „Der Wagen kann jeden Augenblick kommen. Laß mich nicht im Stiche; Du wirst wohl fleißig applaudiren müssen! Später wirst Du mir sagen..."
Sie reichte ihm die schon in den Handschuhen steckende Hand; die Angst, die sie nicht fühlte, überfiel ihn, wie ja gewöhnlich die nächsten Angehörigen mehr davon ausstehen als die Debütanten selbst. Ohne ein Wort trat er hinaus, und draußen war's ihm, als schwankten seine Glieder. Ihm war der Schwester Muth so unbegreiflich. Wenn sie zu Hause in ihrem Zimmer gesungen, hatte er, der unmusikalischste Mensch der Welt, verlangt, sie solle mit dem Geschrei aufhören, und hier nannten die Zeitungen sie eine Diva, die eben von den Musen in ihren olympischen Götterkreis ausgenommen worden — so hatte er heute Morgen erst gelesen, als ihn die Angst um die Schwester so früh ans dem Bette gejagt.
Als er den Konzertsaal betrat, war dieser bereits gefüllt. Walbeck war da, neben ihm saß ein hübsches junges Mädchen, neben diesem ein älterer Herr und hinter ihnen Albert von Oppenstein. Kopf an Kopf saßen sie da, über ihnen brannte am Hellen Tage der ungeheure Lüstre. Ein großer Damenflor entwickelte sich in den Logen; Männer mit gelehrten, kritischen Gesichtern plauderten in den Zugängen mit einander; er hörte den Namen der Schwester aussprechen, und da hinten entdeckte er. . . den Vater, der eben mit zwei anderen Männern eingetreten und sich mit diesen angelegentlich unterhielt.
Er wollte ihn nicht sehen, nicht gesehen werden und duckte sich nieder auf seinen Platz, entschlossen, jetzt Alles über sich ergehen zu lassen, was auch geschehen möge.
Und das Konzert begann, als endlich das Klappern der Sitze anfgehört. Tiefe Stille trat ein beim Jntoniren des Orchesters; alle Räume bis hoch hinauf hatten sich jetzt gefüllt, und das waren alle, alle die Richter der armen Schwester!
Egon sah und hörte fortab nicht genau, was vor ihm auf der Bühne geschah; er hatte auch nicht den Muth auf den Zettel Zu blicken, den er angstvoll