Heft 
(1885) 52
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Die tolle Betty von Hans Wachenhusen.

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zwischen den Händen zerknitterte. Als die Ouvertüre zu Ende, hörte er ein Instrument, ein Cello mußte es sein; es interessirte ihn nicht, desto mehr aber das Publikum, denn es applaudirte lebhaft in den Ruhepunkten des Vortrags, und der erschien Egon ganz endlos.

Eine Pause. Egon schaute auf, als er die Akkorde eines Flügels vernahm. Eine Dame ward von einem Herrn auf die Bühne geführt. Das Publikum applaudirte wieder und begeistert bei ihrem Erscheinen. Sie sang und der Herr am Piano akkompagnirte.

Rauschender Beifall, als sie schwieg, Blumen­sträuße fielen aus den Ecklogen auf die Bühne, und noch einmal ein noch lebhafterer Applaus.Drava! Drava !" schrieen so viele Kehlen...Arme Schwester!" seufzte Egon. Der Gesang mußte enorm gefallen haben und mit dieser Rivalin sollte Lola in die Schranken treten... Er schaute der Sängerin nach; sie war eine große, schöne Person, die eben sich noch einmal dankend, mit so glücklich lächelnden dunklen Augen znrückwandte und dann am Arm desselben Herrn verschwand.

Wieder Orchestervortrag. Er hörte den Namen Rossini um sich her. Sein Sitz ward immer heißer, seine Brust beklommener... Wäre es nur schon aus gewesen!

Ein Tenor löste das Orchester ab; ein schöner junger Mann. Die Damen in den Logen schienest entzückt. Auch er ward mit großem Enthusiasmus gefeiert... Und jetzt vernahm er um sich den Namen Goldani.

Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, das Herz zitterte ihm in der Brust ... Nur einen Blick wagte auch er auf die Bühne, als Alle vor ihm, um ihn her die Hälse reckten, aber betäubt, fast geblendet. Und da sah er sie, seine Schwester, wie sie, von Gianetti geführt, hereinrauschte, eine lange weiße Schleppe hinter ihr her. Ein geschmücktes Opfer­lamm ! Und doch ... welch' einen Muth die Schwester hatte!

Egon war es, als sähe er den Genius des Früh­lings, ein von Jugendfrische strahlendes Mädchen­antlitz, einen blendend weißen, von Diamanten blitzen­den Nacken, ein Paar lebhafter und doch so kindlich um Gnade stehender Augen... Aber sie ließen ihm keinen Raum da vor ihm; Alle hatten sich halb er­hoben, Alle schauten sie hin und jetzt hoben sie die Arme, sie schlugen fanatisch die Hände zusammen ... Dsllistzlma!hörte er mit Emphase neben sich rufen, und Die da oben in den Logen beugten sich vor, sogar die Damen schlugen sich in die zarten Hände; ein einziger Ausruf des Beifalls, der Bewunderung ging durch den großen Raum. Ja, sie hatten Recht, Lola war schön, viel schöner als sonst!

Da plötzlich fuhr der Akkompagnateur, wie Ruhe begehrend, über die Tasten. Tiefe, andächtige Stille trat ein, Alles hatte seine Plätze wieder eingenommen und lauschte athemlos.

Lola's Erscheinung hatte in der Thal das ganze Auditorium bestochen; die Damen in den Logen schauten mit wohlwollendem Lächeln aus die an-

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muthige, jugendliche Gestalt. Die Zeitungen hatten nicht übertrieben, als sie die Schönheit der Debütantin feierten; der italienische 6ntu8la8ioo, der keine Grenzen kennt und im Stande ist, über das Orchester hinweg zu klettern, um sich einer Künstlerin zu Füßen zu legen und den Saum ihres Kleides zu küssen, wartete mit schwer verhaltener Ungeduld auf den Moment des Losbruchs.

Egon saß da, zusammengekrochen, betäubt wie ein Mensch, der eben seinen Kopf auf den Richtblock gelegt. Er hatte während seiner kurzen Anwesenheit in Mailand Gelegenheit gehabt, auch die Rücksichts­losigkeit dieses sanguinischen Publikums kennen zu lernen, wenn es eine Leistung ablehnte, er zitterte unter der Möglichkeit eines Mißerfolgs.

Und jetzt vernahm er der Schwester Stimme, leise, furchtsam, meinte er, viel zu schwach, um den großen Raum zu füllen. Die Andere, die vor ihr gesungen, hatte ganz anders geschmettert... Arme Lola! Er glaubte ein stilles, heißes Gebet für die Schwester zu flüstern, aber es kam kein Laut über seine Lippen... Und jetzt plötzlich lauschte er über­rascht auf. Lola's Stimme schwoll so mächtig an, immer er^esiiäo, lauter, ja leidenschaftlich, wild; sie schallte durch das Haus in gewaltigen Tonwellen; dann wieder sang sie einige Fiorituren, schwärmerisch, wie träumend, wie leiser Harfenlon; er unterschied italienische Worte... und wieder erhob sich die Stimme, noch mächtiger als vorhin, anschwellend bis zu schwindelnder Höhe und mit leidenschaftlicher Bravour. Auch Egon's Kopf schwindelte, heiß und kalt ward's ihm, aber seine Furcht schwand. Alles hinreißend endete Lola ihren Gesang.

Tiefe Stille nur einen einzigen Moment, gerade so lang, um Atheni Zu schöpfen da brach ein Sturm im Auditorium los. Alles sprang ans die Sitze.Drava, bravi88ima, eoeelltzntwZiMa, äa eaxo, bWU schallte es unten, oben, ein Blumen­regen fiel aus den Logen, Kränze schwirrten durch den Salon...

Egon, außer sich, mit jubelndem Herzen, benützte die Gelegenheit, um sich zum Ausgang Zu drängen und hinauszustürzen. Er dachte an die Mutter, sie sollte durch ihn die erste Siegesnachricht erhalten.

Inzwischen stand Lola, bald erbleichend unter dem Jubel, der ihr entgegenschallte, bald hoch er- röthend im Gefühl des Glücks, inmitten der zu ihren Füßen liegenden Blumenspenden. Sich an- muthig verneigend nach allen Seiten, fühlte sie sich nicht im Stande, dem stürmischen Verlangen zu ge­nügen und ihre Arie zu wiederholen, ohne ihre Kraft für ihre zweite Nummer zu schädigen. Das Audi­torium verlangte diese Wiederholung noch stürmischer. Sehnsüchtig, um Hülse stehend, schaute sie in die Coulisse.

Und da kam Gianetti, um sie Zu erlösen. Ab­sichtlich hatte er gewartet, um den Sturm zu ver­längern. Er beugte sich, um ihr einige der zunächst liegenden Kränze zu überreichen, dann griff er zu einem theatralischen Coup, der nie seine Wirkung verfehlte. Er hob sich auf die Fußspitzen und küßte seinen schönen Zögling auf die Stirn.

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