Heft 
(1885) 52
Seite
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Deutsche Roman-Bibliothek.

Das Publikum jauchzte ihm zu und unter einem letzten, wilden Applaus führte er Lola von der Szene.

Draußen umarmte er die Glückliche und trat mit ihr in den Konversationssaal, in welchem die mit­wirkenden Künstler versammelt waren.

Erschöpft ließ Lola, nachdem auch ihre Lehrerin sie freudig und stolz umarmt und dann in ihre Loge znrückgekehrt, sich in einen Fauteuil nieder; Gianetti selbst brachte ihr Erfrischungen. Die ton­angebenden Kritiker und Enthusiasten kamen, um ihr Komplimente zu sagen; man umringte sie, Alles wollte der neuen Diva huldigen und schüttelte auch Gianetti die Hände, der heute wieder goldene Berge vor sich aufwachsen sah.

Aber auch die Kehrseite des Künstlerthums sollte Lola heute schon kennen lernen. Gianetti ward ab­gerufen und überließ sie einigen ihr unbekannten Herren, die sich in Artigkeiten erschöpften. Die beiden anderen Sängerinnen, die Primadonnen der Scala, sahen sich beeinträchtigt, wie sie eben im Gespräch mit einigen Herren, die Fächer sehr erregt über der Brust bewegend, während der größeren Konzertpause umhersaßen. Sie erblickten in Lola einen Ein­dringling. Die eine, Italienerin, machte laut ihre Bemerkungen über falsche Noten, die andere, eine Französin, erhob sich aufgebracht, schritt mit einem Herrn an Lola vorüber, nannte das Publikum einen tas cts bst68 und sprach von einer oio allomaoäo. Auch einige Elegants, die Anbeter der beiden Prima­donnen , zeigten Lola eine unverholene Mißachtung; man machte sie zur Zielscheibe der beißendsten Be­merkungen.

O Gott, wär' es nur vorüber!" seufzte die Arme.Und Niemand von Denen, die ich so gern jetzt um mich sähe, die mir Muth einsprechen könnten!"

Sie erhob sich indignirt und wollte zur Bühne zurück, um sich ein bescheidenes Plätzchen zu suchen, bis sie wieder auftreten müsse. Auch alle die fremden, neugierigen Gesichter ermüdeten sie.

Da erschien Albert, von einem Theaterdiener hereingeführt. Mit freudestrahlendem Gesicht eilte er auf sie zu, küßte ihre Hand und sein Blick ruhte mit Entzücken aus ihr.

Ich mußte Sie in der Nähe sehen!" rief er mit leuchtenden Augen.Sie sangen wie ein Cherub! Aber zu was sage ich Ihnen, was Alle Ihnen so stürmisch entgegengejauchzt. Sie haben das Publikum im Sturm erobert, Alles ist hingerissen... Wie schön Sie sind!" unterbrach er sich selbst.Aber auch darüber ist ja nur eine Stimme... Auch Wal- Leck war ganz begeistert, und die Meinigen, mein Papa und meine Schwester, schwärmen für Sie! Ich komme in ihrem Aufträge, Sie zu bitten, den heutigen Abend mit ihnen zu verbringen. Darf ich ihnen günstige Nachricht sagend"

Wenn ich mich nicht zu sehr erschöpft fühle, gern!" Sie preßte dankbar Albert's Hand.

Um meinetwillen, ich bitte Sie!"

Ich komme! Aber gehen Sie; ich darf mich nicht zerstreuen! Die Pause ist bald vorüber!"

Albert sah sie erbleichen, als er ging. Lola hatte ihren Vater gewahrt, der eben cingetreten und an Albert vorüber auf sie znschritt.

Du feierst einen großen Erfolg, mein Kind!" sagte er grotesk, ihre Hand nehmend.Ich bin be­rechtigt, das Höchste von Dir zu erwarten! Es wäre wirklich ein Wahnsinn, diese Stimme einem Andern Zur Ausbeutung Zn überlassen; nach diesem Erfolg steht mir jedes Kapital zur Verfügung."

Ich bitte Dich, störe mich nur jetzt nicht! Hat Gianetti Dich gesehen?" Lola fühlte sich tief ver­letzt durch diese Sprache.

Noch nicht! Aber er wird mich sehen."

Nur heute nicht!" bat Lola dringend.Ich muß auf die Bühne!"

Aber es kommen ja noch zwei Nummern vor Dir!"

Lola antwortete nicht. Gianetti kehrte eben zurück; sie sah, wie derselbe, unangenehm überrascht, ihren Vater erkannte.

Sie hier, Herr Goldmannd" hörte sie ihn rufen.

Ich kam, um meiner Tochter..."

Suchen Sie dieselbe an anderer Stelle, hier gehört sie mir!" Damit nahm Gianetti ihren Arm und führte sie zur Bühne.

Lola war verstimmt; Gianetti schwebte ein böses Wort ans der Zunge, er verschluckte es.

Ich möchte die Vorträge von der Bühne aus hören," bat sie.Die Damen waren so garstig gegen mich hier."

Das müssen Sie gewohnt werden!" brummte er.Halten Sie sich nur an den alten Gianetti, der mit ihnen fertig zu werden versteht. In einem Jahre reicht Ihnen keine von Denen da das Wasser!"

Gianetti verließ sie hinter der Conlisse, um den Fortgang des Konzerts zu beaufsichtigen. Hoch bewegt stand Lola, geschützt vor den Augen des Publikums, nur sichtbar aus der Loge des Proszeniums, mit Aufmerksamkeit Zuhörend, bis sie wieder auftreten müsse.

Und doch ward sie bemerkt. Aus der Ecke der Orchesterloge sah sie gerade vor ihrem Wieder­auftreten die großen Augen eines bleichen Frauen­gesichts auf sich gerichtet; die dunklen Handschuhe der ganz in Schwarz Gekleideten richteten wieder und wieder das Glas aus sie und mit einem Interesse, als wolle sie selbst bemerkt werden.

Bettina! Wieder sie... Aber sie soll mich hören!" Und vertrauend ans die schnell errungene Gunst, ermuthigt durch eine Beifallssalve, die sie begrüßte, trat sie hinaus, um abermals einen wahr­haft frenetischen Beifall des Auditoriums zu ernten, das sie beim Schluß ihrer Arie mit den schmeichel­haftesten Zurufen und neuen: Blumenregen entließ.

Egon empfing sie in ihrem Zimmer, das von aufmerksamer Hand mit Blumen geschmückt worden. Der arme Bursche war so zerschlagen gewesen von dem Sturm im Theater, daß er nicht wieder zurück­gekehrt.

Als sie cintrat, warf er sich der Schwester vor Freude weinend an die Brust.

Welch' ein Tag!" rief er außer sich.Die Mutter weiß in diesem Augenblick schon Alles! Lola, ich habe Dir so Vieles abzubitten, daß mir die Worte fehlen! Gehört Hab' ich zwar wenig von Deinem Gesang vor lauter Angst, aber die Anderen