Heft 
(1885) 52
Seite
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Die tolle Setty von Hans Wachcnhusen.

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alle... Es war schön, es war groß! Du bist jetzt eine berühmte Künstlerin, wer hätte das ahnen können!"

Auch Lola's Herz schlug hoch, ihr Auge war feucht iu stiller Freude, aber in diese schien sich doch ein herbes Gefühl gedrängt zu haben.

Ich danke Gott, der Alles so gütig gefügt," sagte sie.Ich bin müde vor Aufregung! Geh', Egon, ich bedarf der Ruhe, der Einsamkeit nach so stürmischer Stunde... habe ich Herrn von Walbeck gefallen? Sprachst Du ihn?"

Ich sah ihn nur. Mit wem wäre ich zu sprechen im Stande gewesen! Das Herz saß mir an der Kehle."

Sahst Du denn den... Vater?" fragte sie, das Geschmeide vom Nacken lösend.

Nur aus der Ferne. Ich kann den Ton nicht finden, um mit ihm..."

Ich verstehe Dich, Egon! Fast möcht' ich fürchten, er werde mein größter Feind... Aber geh'... Mein Gott, ich vergaß, man wird mir die Ruhe nicht gönnen..."

Die Dienerin war eben eingetreten, um ihr mehrere Besuche zu melden; aus einigeil Equipagen seien auch vor dem Hause Karten für sie abgegeben. Egon entfernte sich mit sichtbarem Respekt vor der plötzlichen Bedeutung der Schwester, und jetzt, da er kaum hinaus, ließ auch Albert von Oppensteiu mel­den, er sei mit den Seiuigen gekommen, die ihr ihren Dank und ihre Bewunderung zu bringen wünschten; er warte mit einem Dutzend Anderer im Konzertsaal und bitte um freundliche Bevorzugung.

Nur eine andere Toilette," bat sie die Dienerin, so bin ich ja bereit ... Wie muß es erst sein, wenn es mir wirklich gelingt, einen Namen zu er­ringen, wenn ich heute schon..."

Die Last der Berühmtheit!" meinte lächelnd die Zofe des Hauses, die ihrer schon ungeduldig im Ankleidezimmer gewartet.Aber es lernt sich ja nichts so gern ertragen wie das!"

Zweiundfünfzigstes Kapitel.

Lola ward am Abend dieses glücklichen Tages die Königin des kleinen Soupers, das Albert's Vater im Hotel arrangirt. Hildegard von Oppenstein war eine kleine Musikenthusiastin, die sich schnell an die neue Freundin attachirte, und Lola, als sie in dem sich mit anderen Gästen füllenden großen Speisesaal ihre Person zum Gegenstand der allgemeinen Auf­merksamkeit werden sah, athmete Zum ersten Mal den Weihrauch, in den die Welt so gern eine künstle­rische Größe Zu hüllen bereit.

Albert seinerseits schien das Glück mit Zu em­pfinden, das aus ihren Augen leuchtete, die seinigen ruhten oft, wenn sie sprach, mit so inniger Freude auf ihr, daß Hildegard den Bruder Zuweilen heimlich mit dem Finger warnte.

Er sollte die Seinigen nach Nizza begleiten und das that ihm wehe.

Mein Herz bleibt hier," seufzte er,und da werde ich es wohl oft hier suchen müssen!" Aber er sprach das mit so komischer Tragik, daß Niemand es für Ernst hielt.

Ernstlicher schien das vertrauliche Verhalten Wal- beck's und Hildegards zu einander, die Beide den klebrigen kein Hehl aus ihrer Zuneigung zu machen schienen. Lola überraschte dich nicht, denn Egon hatte ihr bereits Andeutungen gemacht, und dich war es eben gewesen, was sie bewogen, Bettina zu warnen.

Sie gedachte der Unglücklichen, als Jobst sich nach dem Souper Zu ihr setzte, um mit ihr zu plaudern; sie sagte ihm von Vettina's sonderbarem Wunsch. Walbeck's Miene aber verdüsterte sich, während er ihr zuhörte.

Ich erhielt heute schon ein Billet von ihr. Sie bat mich um meinen Besuch."

Und Sie werden zu ihr gehen?"

Ich sehe keine Gefahr darin."

Lola's Brust fühlte sich beengt. Sie hatte diese Antwort gewünscht und doch fürchtete sie für diesen Besuch.

Sie werden Bettina so... anders finden!"

Ich bin darauf vorbereitet... Aber Sie sind ermüdet! Die klebrigen rüsten sich schon zum Aus­bruch!"

Am nächsten Mittage that Jobst, was er für ein Gebot der Ritterlichkeit hielt. Im Gesellschasts- anzuge erschien er zur bestimmten Stunde im Salon Bettina's, Angeführt durch deren Gesellschafterin, eine unbedeutende Person von stillem, eingeschüchtertem Wesen, die ihn verließ, um die Herrin zu benach­richtigen.

Kein Gefühl von Bewegung oder Unsicherheit regte sich in dem kräftigen, schönen Mann, als er­wartend dastand und die Luft einsog, die sie athmete. In ihm war Alles abgeschlossen; wäre dieser Schritt ein Wagniß gewesen, er hätte ihn nicht gethau; selbst die unwillkürliche Wirkung eines überraschenden ersten Wiedersehens war vergessen, denn iu seiner Seele lebte das Bild des sanften, liebenswertsten Mädchens, das durch nichts getrübt werden konnte.

Und doch schlug sein Herz schneller, als er Bet­tina in schwarzem Seidengewande, ohne jeglichen Schmuck, bleich und feierlich hereintreten sah.

Beider Blicke begegneten sich flüchtig, ohne ein­ander ertragen zu können. Jobst bemerkte, daß ihre Augen müde und von einer Sanstmuth, die er in ihnen nie gesehen.

Ich danke Ihnen, Walbeck!" Ihre Stimme vibrirte leise; sie deutete auf einen Sessel.Sie werden meine Bitte nicht mißdeuten."

Ich hoffe, sie richtig gedeutet Zu haben!" Jobst bemühte sich, so unbefangen wie möglich zu erscheinen. Auf dem Punkte, diese Stadt wieder zu verlassen, bitte ich doch, über mich zu verfügen, wenn ich dienen kann."

Jobst gewahrte, wie ihre Lippen nervös Zuckten und ihre Hand im Schooße zitterte. Sie schaute vor sich nieder; er konnte ihr in's Antlitz blicken. Und sie erschien ihm schöner, interessanter als jemals; diese Ruhe, wenn sie vielleicht auch nur eine Maske, hatte er in ihren Zügen nie gesehen, die ihm stets nur die Majestät des Trotzes gezeigt.

Sie gedenken bald zu reisen?" fragte sie, die weiße Hand neben sich auf den Tischrand legend und aufblickend.