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Deutsche Noman-Bibliothek.
„In wenigen Tagen; meine Thätigkeit gebietet es."
„Sie kamen nur um dieser willen nach Italien?"
„Nur dieserhalb." Jobst konnte sich einer Ueber- raschung nicht erwehren. Hatte sie glauben können, er sei um ihretwillen. . . Dieser Gedanke mahnte ihn an den langen, vorwurfsvollen Blick ihrer Augen, damals, beim ersten Begegnen. War es möglich, daß sie ihn für so schwach gehalten!
Sie bedurfte der Sammlung, um fortzusahren. Jobst bemerkte Zuweilen ein Glänzen unter den halb gesenkten langen Wimpern. Die Worte schienen ihr schwer, ihre Brust fühlte sich eng; seine Antwort schien einen erstickenden Druck auf ihr Herz geübt Zu haben, denn sie suchte heimlich nach Athem. Endlich schaute sie wieder aus und Jobst erbleichte vor diesem Blick, denn es lag dieselbe Klage in ihren Augen, vor der er beim ersten Begegnen geflohen.
„Ich brauche Sie wohl nicht zu versichern, Walbeck," sprach sie mit Anstrengung, „daß es mich Ueberwindung gekostet hat, diese Bitte an Sie zu richten; daß es aber geschehen, wird Ihnen als ein Zeichen erschienen sein, daß Sie die alte Bettina nicht wiederfinden sollten, die Sie auch wohl kaum gesucht haben würden. Es war das Bedürfniß nach Versöhnung mit Ihnen, das mich nach Ihnen verlangen ließ. Es ist so Manches geschehen, was mich Zn einem Rückblick, zur Unzufriedenheit mit mir selber zwang. Gibt das Unglück eine Anwartschaft auf Verzeihung, so darf ich sie von Ihnen erwarten, wenn ich Ihnen gestehe, daß nur eine blinde, wahnsinnige Leidenschaft mich, die Unerfahrene, die Unerzogene unfähig machte, zu erkennen, daß ich Ihnen Unrecht that...
„Mißverstehen Sie mich nicht, Walbeck!" fetzte sie in anderem Ton hinzu, als bereue sie schon ihre Worte. „Ich wollte Ihnen ja nur sagen, daß es mich schmerzt, Ihnen wehe gethan Zn haben, daß ich... Seit ich allein, sah und hörte ich mich zuweilen, wie ich gehandelt und gesprochen Ihnen gegenüber; ich konnte mich nicht der Einsicht verschließen, daß ich Ihnen ein ganz anderes Gefühl gewidmet haben würde, wenn... O, meine Gedanken, die oft recht krank sind, verwirren sich... Ist es nicht genug, wenn ich das eine Wort schon ausgesprochen ..."
Jobst, in der That von Rührung angewandelt, als er das schmerzbewegte blasse Gesicht sah, streckte feine Hand aus und nahm die ihrige.
„Ich danke Ihnen!" sagte er, jedoch mit gewissem Zwang. „Ich hörte das Wort; ich erwiedere es mit der Versicherung, daß ich vergessen, daß, was geschehen, in mir wenn auch nicht Rechtfertigung, doch stets eine milde Beurtheilung gesunden. .Vergessen' ist das Wort, das unsere Losung sein muß; die meinige war es längst!"
Er ließ ihre Hand, die so zaghaft in der seinigen gelegen; aber es schien, als befriedige sie seine Versicherung nicht. Sie schaute noch immer wartend vor sich nieder; auf ihre Lippen trat ein Zug von Schmerz und Täuschung.
„Glücklichere Verhältnisse, die sich Zu bereiten ja in Ihrer Hand liegt, werden Ihnen wieder gewähren, was Sie vermissen!" setzte er wohlwollend hinzu.
„Glücklichere Verhältnisse!" hörte er. „O, es gibt keine solchen für mich . . . Sie wissen nicht, daß ich krank, daß mein Gemüth krank, ohne Hoffnung! Es ist wohl mein unseliges Naturell! Ich fühle, daß ich an ihm zu Grunde gehen werde, wenn ich keine rettende Hand finde, aber auch, daß ich sie trotzig, argwöhnisch zurückweisen würde, wenn sie sich mir böte... O, die Irrwische, die mich umtanzen!" flüsterte sie, die Hände im Schooße faltend.
Jobst verstand die letzten Worte nicht, aber'er meinte etwas wie Störung in ihren Zügen zu bemerken.
„Mit diesem Bedürfniß wird und kann es Ihnen ja unmöglich fehlen, gute und wahre Freunde zu finden."
Sie schüttelte den Kopf, dann, die gefalteten Hände erhebend und ihm in's Antlitz schauend, sprach sie mit tiefer ans dem bewegten Herzen heraufgrollender Stimme:
„Sie verstehen mich nicht, Walbeck! Und ist es denn so schwer? Empfinden Sie nicht die Demüthigung, die ich mir bereitete, als ich Sie zu Hülse rief gegen mich selbst..." sie sank in plötzlicher Exaltation vor ihm ans die Kniee und verhüllte ihr Antlitz aus Scham mit den Händen... „zu Hülfe gegen die Stimme der Mutter, die mich aus meinem Schlummer weckt und mir zürnst: ,Du wirst nicht eher Ruhe haben, als bis Du mich versöhnt und dem Manne wieder gehörst, den ich Dir zu Deinem Glück bestimmt...' Walbeck, ich war im Begriff, nach Deutschland zu reisen und mich dort Ihnen Zu Füßen zu Wersen!" rief sie, seine Hände heiß umklammernd. „Ich werde wahnsinnig, ich fühle es, wenn sich Niemand meiner annimmt! Vergebens habe ich Lola schon beschworen; sie wies mich zurück, und jetzt flehe ich zu Ihnen..."
Walbeck, der mit Erschrecken auf sie niedergestarrt, versuchte sie aufzurichten; er wagte dieser Ekstase gegenüber kein Wort der Beschwichtigung, und jetzt sah er, wie sie mit geisterhaft großen und unheimlich glänzenden Augen das Antlitz zu ihm aufrichtete, wie sie mit steigender Angst in dem seinigen zu lesen suchte, das so kalt und rathlos aus sie hinabblickte.
„Walbeck!" schrie sie ans, die erhobenen Hände krampfhaft ineinander verschlingend.
„Hören Sie mich an," bat er nach peinlichen Sekunden, ihrem Blick ausweichend, mit schonender Stimme. „Unsere beiderseitige Lage gebietet Aufrichtigkeit!" Er versuchte sie aufzuheben. „Was Sie begehren, ist unmöglich; Sie werden dieß ein- sehen, wenn ich Ihnen gestehe, daß... mich Pflichten des Herzens binden."
Er hielt inne, denn er sah die Daknieende zurückfahren, mit beiden Händen die Schläfen packen, ihn anstarren mit großen, kalten Augen, dann sich langsam erheben und von ihm wenden.
Auch Jobst sprang auf, er wollte begütigend ihre Hand ergreifen; sie erhob dieselbe abwehrend.
„Es sollte nicht sein!" murmelte sie, die Hände aus die Brust pressend... „Leben Sie wohl! Vergessen Sie, was soeben geschehen!"
„Bett..." Das Wort, das einst gewohnte.