Die tolle Setty von Hans Wachenhusen.
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erstarb auf seinen Lippen; er wagte nicht, es auszusprechen; nur sein Mitempfinden hatte es ihm auf die Zunge gedrängt.
Sie hörte es nicht; sie verschwand in der Thür, die sich hinter ihr schloß. Ein durch dieselbe dringender Aufschrei bannte ihn noch. Aber er durfte nicht hören, nicht sehen und eilte hinaus.
Drenmdfünfzigstes Kapitel.
Winter war's seit lange; an der schönen Riviera aber reiften die Orangen, es blühten die Veilchen, die Jasmine, die Rosen, die Heliotropen, die Hyazinthen und die Nelken, die Margncriten und die Anrikeln — alle in üppigster Pracht neben einander; Palme und Pinie streckten ihre Büschel und Kronen in die blaue Luft, Eiche, Psefferbanm, Eukalyptus und Magnolie, Bambus und Zuckerrohr grünten, die saftige Agave streckte ihren Blüteustab über die Mauern der Wege und der herrliche Nferweg des glücklichen Nizza war belebter als je, denn der Fasching stand bevor und Prinz Karneval sollte in wenigen Tagen seinen Zug am Strande entlang beginnen.
Unsere Geschichte kehrt jetzt zu einem ihrer Ausgangspunkte, zu demselben Hotel am Jardin publique und der Promenade des Anglais zurück, iu welchem der selige Baron Guido von Oppenstein sein Quartier zu nehmen gewohnt gewesen und in welchem gegenwärtig sein junger Nachfolger im Majorat mit den Seinigen dieselben Zimmer bewohnte.
Albert von Oppenstein war seinem Vater und seiner Schwester nach Nizza gefolgt, man sah ihn täglich mit seiner hübschen, braunäugigen Schwester Hildegard am Arm, bis er Jobst diesen Platz räumte, der seine Arbeiten beendet, Egon nach Hause gesandt und gekommen war, um.sich das Jawort des liebenswürdigen Mädchens zu holen, an das ihn schon seit seinem ersten Besuch auf dem Gute des Vaters eine aufrichtige Zuneigung gefesselt.
Jobst hatte Mailand gemieden; der Anblick des bleichen, schönen Weibes, das ihm dort begegnet, wo er sich auch bewegte, das ihn mit den kranken, anklagenden Augen verfolgt, war ihm unerträglich geworden. Er sah diese Augen selbst noch, als er mit den italienischen Ingenieuren sich in das Dunkel der Tunnels vertiefte, um den großen Bohrarbeiten beizuwohnen.
Zwei andere, liebliche und sanfte Augen, ein in sich frohes, sanftes Mädchenherz hatten ihn den Kamps vergessen lassen, den das seinige in seiner Verirrung mit der leidenschaftlichen Seele eines Weibes ans- zunehmen gewagt, der selbst im Glück die Bedingungen des inneren Friedens gefehlt haben würden. Von Nizza aus hatte er Lola die Anzeige seiner Verlobung gesandt mit dem Hinzufügen: „Ich habe gesunden, was ich suchte, ich bin glücklich!"
Und jetzt kam also der Karneval. Jobst sollte nach Beendigung desselben nach Deutschland zurückreisen und seine Braut erst zu Ende des Winters in der Heimat Wiedersehen.
„Ich muß nach Mailand zurück," sagte ihm Albert eines Morgens. „Unsere reizende Lola ruft mich zu sich; sie scheint großen Kummer zu haben.
Zum Karneval bin ich zurück; ich habe von meinem Vater und Hildegard den Auftrag, sie für einige Tage hieher eiuzuladen. Du weißt, Hildegard hat sich in Mailand so au sie attachirt, daß auch sie Sehnsucht nach ihr fühlt."
„Und Du nicht minder!" lachte Jobst. „Du bist ja fortwährend auf dem Wege zwischen Mailand und hier!"
„Nun ja! Warum leugnen! Ich habe eine unheilbare Schwärmerei für das Mädchen und weiß nicht, was daraus werden soll!"
„Eine Künstlerin lieben heißt immer sich eine unruhige Existenz bereiten. Schlag' sie Dir aus dem Sinn und störe nicht die Carriäre des Mädchens!"
„Es geht nicht mehr, lieber Jobst!"
„So willst Du mit ihr auf Reisen gehen?"
„Hm, das geht auch nicht!" Er kraute sich hinter dem Ohr. „Ein Majoratsherr auf Kunstreisen!"
„So willst Du sie heirathen?"
„Es wird nichts Anderes übrig bleiben! Ich habe deßhalb schon im Oppenstein'schen Hausgesetz Hochgeschlagen. Auch mein Vorgänger hat eine Künstlerin geheirathet. Es muß wohl so ein Zug der Art im Oppenstein'schen Charakter liegen."
„Und meinst Du, er sei mit ihr glücklich geworden?"
„Die Chronik sagt wenigstens nicht das Gegenteil."
Jobst zuckte die Achsel.
„Ueberlege ja erst!" bat er mit ernstem, bedenklichem Gesicht.
„Hast Du etwas gegen sie? Du warst ihr größter Lobredner!"
„Durchaus nicht; aber... Sie sagte mir, als ich sie zuletzt sah, ihr Vater sei nach Europa zurückgekehrt und in Mailand."
„Das ist mir durch sie selbst bekannt. Ich danke Dir noch heute, daß Du mich damals batest, die Ehre seines Namens vor der Welt wieder herznstellen. Kann ein Kind für seinen Vater?"
„ Nein; aber der Deinige dürfte Bedenken haben..."
„Mein Papa war so entzückt von Lola, als sie uns an jenem letzten Abend noch einige Lieder sang, daß er noch immer viel von ihr spricht. Uebrigens habe ich allein in dieser Angelegenheit zu entscheiden."
„Um so größere Vorsicht ist vonuöthen."
„Du bist ein Pedant, Jobst! Stelle Dir vor: was beginne ich, wenn dieser Giauetti sie sort- schleppt!"
„Du wirst Dich iu eine Andere verlieben!"
„Das würde mir furchtbare Gemüthskümpfe bereiten und, wenn ich sie überstände, weiß ich denn, ob ich darnach glücklicher würde?"
„Die erste Liebe ist fast immer eine unglückliche, wenigstens selten die rechte; Du sahst das an mir!"
„Auch das trifft nicht zu, lieber Jobst! Ich war schon einmal verliebt und unglücklich, wie Du ganz richtig sagtest, denn sie liebte einen Andern und ich hatte Schulden."
„So ihn', wie Du willst!"
„Ja, das scheint mir auch am besten. Ich will einstweilen heute noch Lola abholeu."