Heft 
(1885) 52
Seite
1238
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Deutsche Roman-Bibliothek.

Aber übereile Dich mit dem Weiteren nicht! Ich schätze das Mädchen jetzt höher noch als früher nnd deßhalb wünschte ich nicht, daß Du ihr egoistisch in den Weg tretest. Für jede Andere ist's ohne Frage ein Glück, die Majoratsherrin von Oppenstein zu werden, wenn ihr aber Gott diese wunderbar schöne Stimme verlieh, so hatte er wohl größere Pläne mit ihr, die Zu stören Du nicht berechtigt bist. Nnd wer bürgt Dir denn dafür, daß wenn sie Deine Hand angenommen, nicht später in ihr wieder die Sehnsucht nach den Triumphen erwacht, die für der Künstlerin Herz so berauschend nnd unentbehrlich sind?"

Albert schien anfangs ein wenig verschnupft durch Walbeck's Rede; jetzt unterbrach er ihn lachend.

Siehst Du, das Letzte eben habe ich mir Wohl über­legt! Nur einmal ist sie bisher öffentlich aufgetreten und man hat sie mit Beifall überschüttet, aber den ganzen, vollen Genuß, die ganze Befriedigung kann sie davon nicht gehabt haben, denn die Angst vor dem Gelingen ließ nicht von ihr. Bin ich nun so egoistisch, wie Du Dich ansdrückst und ich bin es allerdings, ich leugne es nicht ihr ans ihrer Bahn zu so großen Zielen in den Weg zu treten, so muß ich es jetzt thun, denn später würde, was ich ihr Zn bieten vermag, kein Aeqnivalent für das sein, was zu opfern ich ihr zumuthe. Später, lieber Jobst, wenn sie nach Gianetti's Versicherung hoch über uns als Stern am Himmel glänzt, würde ich ihr vielleicht nur wie ein verliebter Regenwurm er­scheinen, der trauernd zu ihr hinausschaut, bereuend, daß er den Genius nicht eingesangen nnd ihm die Fügel gebunden, als er noch klein war."

Um so größer ist also Dein Egoismus!"

Das bestreite ich gar nicht! Laß mich egoistisch sein, das steht ja nicht unter den Todsünden, im Gegentheil, ich habe einmal gelesen, daß Petrus Lombardns gerade die Trägheit des Herzens Zn den­selben zählt nnd deßhalb reise ich unverzüglich nach Mailand, um zu hören, was ihr Kummer macht."

Das kann auch ich Dir sagen, denn sie hat an mich ebenfalls geschrieben nnd nieinen Rath begehrt, da ich ihren Bruder wieder nach Deutschland schicken mußte. Ihr eigener Vater ist's, der ihr den Kummer macht, den von ihrer Mutter in seiner Abwesenheit mit Gianetti geschlossenen Kontrakt anzusechten."

O, das ist interessant!" Albert hatte hoch ans­gehorcht.Ich gestehe, daß dieser Kontrakt auch mir schon Kummer gemacht. Sie ist aus fünf Jahre an diesen Gianetti verkauft, der schon am Abend ihres Debüts die Kühnheit hatte, seine Tabaksnase an ihrer keuschen Stirn zu reiben."

Jobst ward ernst. Lola hatte ihm vor Kurzem erst von jenem Vertrage Bettina's mit Balsado er­zählt, der so üble Folgen für Letzteren gehabt. Er sah voraus, daß auch Albert zu einem solchen Handel fähig sein könne.

Ich finde das gar nicht interessant."

So müßte ich mich ja auf die Seite dieses Vaters schlagen."

Was Dir, wenn ich den Sinn Deiner Worte verstehe, wenig nützen würde, denn der Vater ist habsüchtig genug, die Stimme seines Kindes selbst

ansbeuten zu wollen, und das ist die Ursache von Lola's Kummer."

Hm, hm! Das beweist mir nur, wie wichtig es ist, eilig nach Mailand Zn reisen nnd meines Vaters Einladung auszurichten. Bei Gott, ich wäre im Stande, sie dem Gianetti sammt dein Papa zu entreißen und hieher zu entführen! Die Karnevals­zeit ist günstig hiefür. Ich will unterwegs darüber denken... Uebermorgen bin ich zurück!"

Ich begleite Dich bis Monte Carlo, um Deinen Vater dort abznholen; Hildegard wollte ja durchaus das Spiel dort sehen und mich hielt meine Korre­spondenz heute Morgen hier zurück."

Beide trennten sich unterwegs im Bahnhof am Fuße des modernen tarpejischen Felsens, von welchem seit Jahren der Spielteufel seine Opfer in's Elend hinabstürzt, und Jobst erstieg in glücklichster Stim­mung die breite zumKasino" und seinen Feen­gärten hinanführende Steintreppe.

Und er war so glücklich, wie er Lola geschrieben. Was bisher in einsamen Stunden wohl zuweilen noch sein Gemüth schwer gemacht nnd namentlich vor wenigen Monden in Mailand ihn wie eine frische traurige Erinnerung verfolgt, war von ihm gewichen. Hildegard's sanftes, herziges Wesen hatte ihm die Welt der Liebe erschlossen, wie er sich dieselbe gedacht, heiter, sturmlos, bestrahlt von einer Sonne, wie er sie jetzt über sich sah, nnd wie er eben den Blick Zurückwarf auf das zu seinen Füßen mit Sonnenlichtern übersäte Meer, erschien ihm der Nachen, der unter ihm mit einem jungen Pärchen die blaue Bucht durchfuhr, wie ein Glückszeichen seiner eigenen Lebensfahrt.

Nur Eins trübte seit mehreren Tagen seine Heiter­keit: seine Mutter war in traurigen Verhältnissen, so hatte man ihm geschrieben; indeß da ließ sich ja Helsen; aber sein Bruder hatte den Abschied nehmen müssen nnd sein stolzes Weib war, getäuscht in ihren Erwartungen, zu ihren unbemittelten Eltern zurück­gekehrt. Er wollte mit Albert sprechen, ob der ihm eine Verwalterstelle auf einem seiner Güter über­geben könne. Es war nur die Frage, ob er sie an­nehmen werde.

Auf dem Platz des Kasino war es lebhaft, denn der Zug hatte Gäste in Menge mitgebracht, die in das Spielhaus eilten; das Kaffeehaus war über­füllt. Er suchte Hildegard draußen vergebens und folgte deßhalb den klebrigen in die Spielsäle.

Von Tisch zu Tisch nmschritt er die Doppelreihen der Spielenden, er sah die von Leidenschaft erhitzten Gesichter, hörte den nervösen Ruf der Employes und fühlte unwillkürlich mit den Spielern, wenn die schrillende Kugel des Cylinders einschlug und über den Einsatz entschied.

Er ging von Saal zu Saal, unmuthig, seine Braut unter einer weiblichen Gesellschaft zu wissen, die das Laster hier aus dem Abschaum der Gesell­schaft rekrutirt. Zn seiner Ueberraschung aber sprang ihm Hildegard entgegen, ihm eine Handvoll Gold­stücke zeigend, die sie im Spiel gewonnen. Ihre lichtbraunen Augen glänzten in kindlicher Freude; sie müsse noch mehr gewinnen, rief sie, aber der Vater dränge hinaus.