Die tolle Betty von Hans Wachenhusen.
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Oberst von Oppenstein, ein alter Herr von militärischer Haltung und wohlwollendem Gesicht, klagte über die Leidenschaftlichkeit der Frauen angesichts des Hazardspiels, Hildegard werde nicht ruhen, bis sie ihre Sparkasse verspielt.
„Laß mir das Vergnügen, Papa!" lachte das Mädchen. „Ich will wenigstens meinen Freundinnen zu Hause sagen können, ich habe in Monaco gespielt! Komm', Jobst, Du bist nicht so wie der Papa; Du wirst mir Glück bringen!" Damit zog sie diesen an den Tisch und verspielte an seiner Seite ihren Gewinn.
„Es ist schon richtig!" lachte sie. „Man soll nicht überall Glück haben wollen!" Sie preßte Walbeck's Arm, ihn: zulächelnd, und wollte mit ihm den Vater suchen.
Jobst aber schien plötzlich arg zerstreut; nur mechanisch hatte er sich von Hildegard fortziehen lassen.
„Sei nicht böse," bat er, „wenn ich Dich dem Arm des Vaters übergeben muß. Eine Begegnung dort am Tisch, die Dir in Deiner Beschäftigung nicht ausgefallen... Wir speisen in einer Stunde drüben im Hotel de Paris." Er führte Hildegard dem Obersten zu, sagte ihm, wo er sie wiederfinden werde, begleitete Beide zur Vorhalle, kehrte mit sorgenschwerem Gesicht Zurück an denselben Tisch, nahm hinter dem ellek cko xartio, versteckt hinter einigen Anderen, seinen Platz und lugte scharf aus einen der ihm gegenüber sitzenden Spieler.
Oettinghaus war's — Oettinghaus, dessen sonst so rundes und frisches Knabeugesicht, abgemagert, fahl, schweißbedeckt und von Leidenschaft entstellt, sich eben über die Felder des grünen Teppichs beugte, dessen Hand mit fiebernder Hast die Nummern bepflasterte.
Jobst sah, wie er sich darnach auf seinen Sitz zurücksinken ließ, wie sein Auge mit gieriger Spannung hinfchaute, während auch die klebrigen ihren Einsatz machten. Er sah, wie des Spielers Hände vor sich auf dem leeren Raum hin und her tasteten, von dem er wahrscheinlich sein Letztes genommen, nur es einem einzigen Coup anzuvertrauen, wie er zusammenschrak, als die Kugel in den (Minder fiel und klappernd ihren Kreislauf machte, und wie sie endlich einschlug, der Employö sein Nateau ausstreckte, unbarmherzig Alles Zusammenscharrte, und wie Oettinghaus, einem Gespenst ähnlich, sich erhob und mit gesenktem Haupt sich durch die hinter ihm Stehenden drängte.
Das Alles war in kaum einer Minute geschehen. Jobst errieth, als er Oettinghaus nachschaute. So nur konnte ein Spieler fortschwankeu, der sein Letztes gewagt, um Alles zu retten. Er folgte ihm, beobachtend, wie sein Anzug so vernachlässigt, wie das sonst so sorgfältig gepflegte Haar des lebenslustigen Kameraden so wirr um seinen Scheitel hing.
Er erreichte ihn in der Vorhalle und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Oettinghaus, ein Wort!" rief er, ihn sest- haltend.
Dieser, noch im Fieber, schrak zusammen. Furchtsam blickte er,zurück mit dem Auge eines Schuldigen,
wandte sich ab und schaute auf die in der Halle versammelten Gäste. Er fand kein Won; Jobst fühlte, wie er unter seiner Hand zitterte.
„Du bist krank, Oettinghaus! Was ist Dir?" fragte Jobst, noch immer die Hand auf seiner Schulter.
„Ich? ... O nein! Wie kommst Du darauf? Ich wollte eben hinaus . . . Allerdings, ich bedarf der frischen Luft! Es ist so schwül da drinnen!"
„Darf ich Dich begleiten ... aus alter Kameradschaft?"
Es erschien Jobst, als erkenne ihn Oettinghans erst jetzt.
„Ich danke, Walbeck!" stammelte er, immer den Blick des Letzteren vermeidend. „Ich .. . ich habe ein Rendezvous drüben ... im Kaffeehaus." Er drängte zum Ausgang; Jobst blieb an seiner Seite und schritt mit ihm die Stufen hinab auf den Platz.
Hier legte er den Arm unter den seinigen und zog ihn seitwärts in den Gartenweg.
„Laß uns sprechen wie alte Freunde, Oettinghaus! Du hast mich zwar im Herbst in Mailand gemieden, aber ich war nicht böse deßhalb!" Er bemächtigte sich seiner Hand, diese war feucht von kaltem Schweiß. „Du bist krank, ich wiederhole cs Dir, oder, soll ich aufrichtig sprechen — Du hast verspielt.. . Leugne nicht, ich sah es!"
Oettinghaus fühlte sich beleidigt; er biß die Lippen zusammen, wollte mit entrüstetem Blick Jobst zurückweisen, schaute aber wieder vor sich.
„Was kümmert es Dich! Bin ich der Einzige, der hier spielt?" rief er heftig. Er wollte fort.
Jobst hielt mit ihm Schritt und trat wieder vor ihn.
„Ich frage nicht, um Dir durch müßige Neugier lästig zu fallen," sagte er mit fester Stimme, „auch nicht, um Dir Vorwürfe zu machen! Es ist nur die Theilnahme eines alten Kameraden, den Du abschütteln willst! Oettinghaus, verdiene ich denn Dein Vertrauen nicht?" Er packte ihn, vor ihm stehend, bei beiden Armen. „Ich verstehe Dich jetzt erst, Oettinghaus! Du bist ruinirt! Kann ich Dir irgendwie helfen? Ich habe zwar selbst keinen Ueberflnß, aber verfüge über meine geringen Kräfte."
In Oettinghaus übte diese Sprache nicht die von Jobst beabsichtigte Wirkung; er machte seine Arme los.
„Herr von Walbeck," rief er, den Rest des Ehrgefühls eines anständigen Mannes aufbietend, der sich auf schlimmem Wege ertappt sieht, „geben Sie Raum, oder ich vergesse, daß wir einst gute Kameraden gewesen!"
Oettinghaus sprach das so laut und heftig, daß Jobst, der gegenüber die Gäste des nmerieau bue aufmerksam werden sah, betroffen zurücktrat. Schweigend ließ er ihn gewähren, als er vom Plateau hinab in die Anlagen des Gartens schritt, und tief verstimmt kehrte er auf den Platz zurück, um die Seinigen Zu suchen.
„Müßt' ich nur, was ihn so schnell und so weit gebracht! Er war wohl immer leicht, aber doch nicht gerade leichtsinnig; jetzt sieht er einem Selbstmörder so ähnlich wie ein Ei dem andern!"
Seine Stimmung war ihm verdorben. Hildegard fragte vergebens, als sie im Restaurant des Kasino