Heft 
(1885) 52
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Deutsche Noman-Bibliothek.

saßen; nur dem Oberst gestand er endlich, er sei einem Kameraden begegnet, den das Spiel ruinirt; später wolle er erzählen.

Er wird nicht der Einzige sein!" tröstete der Oberst.

Hildegard hatte noch verlangt, das große Konzert im Saale des Kasino zu hören; es war deßhalb schon spät, als der Zug sie nach Nizza zurücktrug.

Jobst, Du wolltest ja von Deinem unglücklichen Kameraden erzählen!" mahnte ihn Hildegard, als der Zug sich dem Perron von Noquebrune näherte; aber erschreckt hielt sie inne; ein lauter Schrei im anstoßenden Coupe machte sie verstummen.

Der Zug suhr eben in den Bahnhof, während auch Jobst ans die Unruhe in dem Nachbarcoupo lauschte. Man hielt an; mit Ausrufen des Ent­setzens stürzten sich einige Frauen und Männer neben ihnen ans den Perron. Auch Jobst stieg aus, Hilde­gard zurückweisend.

Un suieiäe!" schrieen mehrere gellende Stimmen auf dem Perron. Die Bahnhofbeamteu eilten herbei; auch die Passagiere der übrigen Wagen sammelten sich zu einem Klumpen und Jobst blickte zu seinem Entsetzen in das bleiche, aus die Schulter hängende Antlitz des unglücklichen Oettinghaus, den man eben mit von Blut überspitzter Brust aus dem Coupe hob.

Um Gottes willen, was ist das?" rief ihm Hildegard aus dem Coupe schaudernd zu.

Der Schluß der Erzählung, die ihr verlangtet!" ries er mit hochbewegter Stimme.Fahrt nur! Ich folge euch mit dem nächsten Zuge. Erwartet mich in einer Stunde!" Damit verschwand er in der Menge.

Was da soeben geschehen, war in der Umgebung Monacos nichts gerade Ungewöhnliches, nur der Schauplatz war ein seltsam gewählter. Jobst erhielt auf seine Erklärung, über die Persönlichkeit des Un­glücklichen Ausschluß geben zu können, die Erlaubniß, zu folgen, als man denselben in einen hintern Raum des Bahnhofs trug und ihn hier auf eine Pritsche legte.

Wie gewöhnt man auch au einenueeläsut" dieser Art ist, sind doch Diejenigen immer sehr un­gehalten, denen der Selbstmörder Zur Last fällt. Man war nicht sehr geneigt, zu einem Arzt zu senden, als Jobst dieß begehrte. Er könne jede Minute sterben, meinte einer der Beamten, auf die Brust- wunde deutend, der noch immer das Blut entquoll, während die Augen des Unglücklichen starr zur Decke des Raumes gerichtet waren.

Jobst trat zu ihm; erfaßte in tiefem Mitgefühl die schon erkaltend herabhängende Hand.

Oettinghaus, ich bnfls, Walbeck!" rief er, sich über ihn beugend, in deutscher Sprache.

eneore un rUlemanä, le gailwrä!" hörte er einen der Umstehenden fluchen.

Jobst warf dieseni einen verweisenden Blick zu und beugte sich tiefer.

Oettinghaus, hörst Du mich?"

Ein matter Druck der Hand antwortete ihm. Glasig starrten die Augen in die Höhe.

Ich habe Zum Arzt gesandt; glaubst Du, daß Hülfe möglich? Rede!"

Oettinghaus bewegte verneinend den Kops.

Sterben!" ächzte er.

Jobst fühlte, wie krampfhaft starr die Hand in der seinigen ward.

Warum sterben? Warum thatest Du das? Vertraue Dich in diesem höchsten und vielleicht letzten Augenblick Deinem Freunde an."

Oettinghaus öffnete den Mund; er wollte sprechen; eine kaum merkbare Blutwelle färbte seine Zähne. Er erholte sich; er versuchte zu sprechen. Jobst beugte sich tiefer noch über ihn; die Augen des Unglücklichen wurden trübe.

Sie hat mich so elend gemacht, so verworfen, daß ich ... Ekel vor mir selbst ... empfand. Ich war ein Narr ... ich glaubte, sie liebe mich . . . Sie verhöhnte mich ... Ich besaß nichts mehr. . . ich nahm den Rest und . . . verspielte ihn ..."

Jobst fühlte sich von einer Ahnung ergriffen; er­schloß die Augen und beugte sein Haupt ganz nahe auf den Sterbenden, als dieser das seinige zurück­lehnte.

Wer? . . . Rede, Oettinghaus!" rief er.

Sie! . . . Dieselbe, die ... den Geiger . . ." Ein Röcheln unterbrach ihn; ein Zucken ging durch den Körper Oettinghaus war nicht mehr.

Bleich und zitternd erhob sich Jobst; er wandte das Antlitz ab und trat hinaus.

Armer, unglücklicher Freund!" Er stützte sich draußen ans dem Perron an den Thürrahmen. Der ellek cls lu gare trat zu ihm, ihn um die versprochene Auskunft bittend.

Gern!" Er folgte ihm in das Bureau.

Vierundfünfzigstes Kapitel.

Albert fand inzwischen Lola in der trübsten Stimmung; ihre Heiterkeit, ihre Zuversicht waren dahin; sie ging an ihre Studien ohne Lust und Trieb; sie schien sogar den so ermuthigendeu, er­hebenden Eindruck des glänzenden künstlerischen Er­folges vergessen zu haben.

Ja, ich nehme die Einladung an!" ries sie, als er ihr den Auftrag von den Seinigen mitgetheilt; aber Sie werden eine recht traurige, verstimmte Person in mir haben, die lieber zu Hanse bleiben sollte! Und dennoch ist's mir, als treibe es mich von hier fort; man macht mir meine Kunst, mein Leben zur Last; ich bin so müde, so gebrochen in meinem besten, freudigsten Streben und sehe keinen Ausweg..."

Ihr Vater, gestand sie ihm nicht ohne einige Beschämung, der plötzlich aus Amerika erschienen, er habe ihren Kontrakt mit Gianetti durch einen Advo­katen angefochten, das Gericht habe soeben seine An­sprüche bestätigt. Aber sie werde sich nimmermehr diesem Ausspruch fügen, denn nur die schnödeste Hab­sucht sei die Veranlassung, die ihren Vater zu ihr geführt.

Hm! Auch Jobst hat mir schon davon ge­sprochen! ... Sie lieben Ihren Vater nicht?" fragte Albert.

Woher nähme ich dieses Gefühl für ihn! Ich wäre ja so gern bereit, für ihn zu thun, was ich