Heft 
(1885) 52
Seite
1241
Einzelbild herunterladen

Die tolle Betty von Hans Wachenhusen.

1241

vermag, sobald ich selbst dazu im Stande; Gianetti, was mau mir auch von ihm sprechen und welches seine Motive gewesen sein mögen, hat bisher edel gegen mich gehandelt, ich weiß, was ich ihm schuldig bin, aber trotz der besten Advokaten hat er kein Recht bekommen."

Albert suchte sie zu trösten.

O, dieser Hader um meine armselige kleine Person ist mir entsetzlich!" ries Lola.Er lähmt mich in Allern; ich fühle, daß ich in meinen Studien nicht mehr vorwärts komme! Was wird aus mir, wenn ich eine Stümperin bleibe! Und was würde selbst mein Vater an mir haben, nachdem er sich mit einem reichen Mann meinetwegen associrt, als wäre ich ein unerschöpfliches Bergwerk, das er ausbeuten möchte! Ohne Freude an meiner Kunst werd' ich es nimmer weit bringen und Alles ist umsonst!"

Albert rückte ihr näher und ergriff ihre Hand; mit Pfiffigem Lächeln blickte er ihr in das so traurige Gesichtchen.

Ich wüßte schon einen Richter, der die Sache glücklich entscheiden könnte," sagte er scherzend und doch mit einer gewissen Feierlichkeit.Es fragt sich nur, ob Sie sich an diesen wenden wollen."

Herr von Oppenstein, es ist mir ernster und trauriger zu Muthe, als Sie zu glauben scheinen!" antwortete Lola unmuthig.

O, auch mir ist ernst, sehr ernst zu Muthe," ver­sicherte er in demselben Ton, ihre Hand pressend und sie behaltend.Wollen Sie von dem Richter hörend Er hat schon viel schwierige Prozesse entschieden."

Lola schaute ihn nicht verstehend an.

Dieser Richter ist das Herz!"

Das Herz! O, ich hatte es wohl als Kind für meinen Vater, aber er selbst hat es sich so ganz entfremdet."

Albert lachte kopfschüttelnd.

O, für den Klienten will ich ja diesen Richter gar nicht bestechen! Ich verstehe Ihr Gefühl und billige es vollkommen. Es mischt sich in diesen Prozeß nun eben noch eine dritte Partei, die sonst immer die besten Aussichten hat, wenn Zwei sich streiten. Diese Partei bin ich nämlich, und stehen meine Rechtsansprüche vielleicht auch nur aus schwachen Füßen, ich bin gekommen, um als hartnäckiger Streiter in diesen Prozeß einzutreten. Es fragt sich nur, ob der Richter, von dem ich sprach, mir geneigt ist!"

Lola's Antlitz war während seiner letzten Worte in hohe Glut übergegangen; ihre Hand zitterte in der seinen; sie wandte das Gesicht ab. Albert be­deckte ihre Hand mit Küssen.

Er kann mir nicht abgeneigt sein, wenn ich ihm sage, daß ich in der tiefsten afrikanischen Wildniß nur an die schöne Lola gedacht, daß ich keine Ruhe hatte, ehe ich sie wiedersah und daß ich erst recht keine Ruhe mehr hatte, als ich sie endlich wiedersah ,.. Lola, wie denkt dieser Richterd" rief er.Der erste Gesetzesparagraph unserer christlichen Gemeinschaft lautet ja: ,Jch liebe', und ich kann ja nicht Unrecht bekommen, wenn ich nach ihm handle!...

Aber ich habe ja schon gewonnen!" rief er auf­springend, ihre Hände ergreifend, sie an sich ziehend

Deutsche Roman-Bibliothek. XII. 26 .

und die seiner stürmischen Weise gegenüber Willenlose umschlingend. Dann, als sie ihm vergeblich gewehrt, als sie in ihrer Verwirrung umsonst nach Worten gesucht, fuhr er lachend fort:Ich weiß ja Alles, was Du einwenden willst! Du sagst dem Herrn Papa mit aller Entschiedenheit, Du habest einen andern Vertrag geschlossen, und zwar mit dem Herrn von Oppen­stein; nach diesem Vertrage dürfest Du ohne seine Zustimmung für keinen Andern singen als für ihn. Wir heirathen uns selbst ohne seine Zustimmung, denn es sollte ihm schwer werden, irgend einen rechts­gültigen Einwand dagegen aufzubringen, und damit er nicht leer ausgehe, geben wir ihm eine Abfindung, mit der er nach Amerika zurückgehen mag. Bist Du einverstandend"

Lola hatte Mühe, sich wiederzufinden. Sie und Albert von Oppenstein! Sie hatte ihn lange lieb gehabt; von dem Moment an, wo er so großmüthig die Ehre ihrer Familie gerettet, hatte ihr Herz nur innig­sten Dank für ihn gefühlt. Wohl hatten sich ihre Gefühle für ihn nie erkühnt, in ihm etwas Anderes als einen liebenswürdigen Wohlthäter zu erblicken, aber die Briefe, die er ihr von Nizza so regelmäßig geschrieben, seit er Mailand verlassen, hatten stets einen so warmen Ton, der in ihrem Herzen ihr un­bewußt den schönsten Wiederklang gefunden.

Daß er eiligst kommen werde, als sie ihn ries, um in ihrer Noth seinen Rath zu hören, das wußte sie; daß sie nach ihrem Debüt eine andere, berech­tigte Stellung zur Welt habe als vorher, das sagte ihr das Künstlerbewußtsein, und daß er diesen Rath gesunden, das ließ ihr bedrängtes Herz heimlich in Freude ausjauchzen.

Und doch legte sich ein Schatten wieder über ihre Stirn; sie wand sich aus Albert's Armen.

Du hast mich noch eitler gemacht mit den Schmeicheleien Deiner Briefe, als die Welt es schon gethan," sagte sie.Ja, ich will nur Dir singen, so oft Du es wirst hören wollen, und Anderen, so oft Du es gestatten wirst; aber was sagen wir dem armen Gianetti, der in Verzweiflung ist? Er soll enorme Verluste an seinem Vermögen erlitten haben, der ganze Gewinn seiner Reise durch Amerika soll durch sein Bankhaus in New-Iork verloren gegangen sein! Ich, die ich ihn bisher durch die heiligsten Versicherungen zu trösten gesucht, muß auch noch an ihm zur Verrätherin werden! Ich möchte nicht un­dankbar gegen ihn sein. Auch Balsado ist für ihn verloren, und so sitzt denn der Aermste jetzt trauernd in seiner neuen Villa am Seeuser, die Alles sein soll, was er gerettet. Sieh' hier den Brief, den er mir vorgestern schrieb; er gerade gab mir Veran­lassung, bei meinen Freunden Rath zu suchen, als sie mich alle verlassen; er schreibt in vollständiger Resignation. Lies dort die Stelle."

So ist denn mein Mühen abermals umsonst gewesen," las Albert.Balsado, der mir Alles zu danken hat, wendet mir den Rücken, seit er reich ge­worden, und Sie, meine gute Lola, die der Stern an meinem Lebensabend werden sollte, mit der ich ein letztes Mal noch die Welt durchziehen wollte... Aber ich zürne Ihnen nicht; Ihr gutes Herz hat ja

156