Heft 
(1885) 52
Seite
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Deutsche Noman-Bibliothek.

Alles versucht, um wenigstens einen Vergleich mit Ihrem Vater zu Stande zu bringen. Es war meine Schuld, meine Thorheit; ich hätte ihm drüben in Amerika, als er in meinen Dienst trat, sagen sollen, was ich mit seiner Tochter vorhabe; er wäre glück­lich gewesen, wenn ich ihn mit einigen tausend Dollars abgefunden'hätte. Ich, der gewiegteste aller Manager, mußte so unbesonnen sein!

Jetzt sitz' ich allein; mein Muth ist gebrochen. Mein Landhaus, das ein Tempel der Kunst werden sollte, in dem ich die Priester derselben und die Gläubigen zu sammeln beabsichtigte, es steht ver­ödet; Niemand sucht mich, seit Alle wissen, daß der alte Gianetti kein Geld mehr hat. Nur Eine war bei mir, die Baronin von Oppenstein, dieselbe, die mich, ehe ich Sie nach Mailand führte, in Wien aufsuchte, um den Marchese Balsado aus meinen Händen Zu befreien, wie sie sagte. Es ist möglich, daß ich nicht recht that, als ich jenen Vertrag mit ihr schloß. Balsado selbst wies ihn Zurück und sie zerriß ihn darnach vor meinen Augen..."

Mir geht ein Licht auf!" rief Albert.Den Brief muß Jobst lesen; er wird ihn aufklären über einen Moment, der ihm selbst noch dunkel geblieben war!"

Er las weiter:

Ihr Geld hat mir keinen Nutzen gebracht, denn es ist mit dem Uebrigen verloren gegangen. Sie suchte mich auch nicht auf, wir begegneten uns viel­mehr am Seeufer. Ich lud sie in mein Haus, denn sie war allein und schien sehr unglücklich. Sie ge­stand mir, auch ihr drohe ein schwerer Schicksals­schlag; der Bevollmächtigte des Majoratserben ihres verstorbenen Pflegevaters habe auf ihr Vermögen bei der Bank Beschlag gelegt und verlange eine Schadlos­haltung, die nach Hunderttausenden Zähle..."

Das hat Doktor Ebert gethan! Davon weiß ich gar nichts! Die arme Frau! Ich will an ihn schreiben!" rief Albert überrascht.Ich erinnere mich; Ebert sagte mir etwas derart bei dem Be- gräbniß. Aber weiter:

Sie verschwand wieder, und ich hoffe nicht, daß sie das Ufer des Sees ausgesucht, um sich etwas an- Zuthun; sie scheint ein entsetzlich aufgeregtes Weib zu sein. So erschien sie mir ja schon damals. Aber ich empfand durch sie wieder, wie eitel all' unser Streben ist, wenn das Glück nicht mit uns.

Ich vollende heute mein siebenzigstes Jahr und da will ich denn abschließen. Von Ihnen, gute Lola, begehre ich keine Schadloshaltnng, denn Sie selbst wären nicht im Stande gewesen, mir wehe zu thun. Nur Eins schmerzt mich: die Wahrscheinlichkeit, daß Ihr schönes, ungewöhnliches Talent, durch ungeschickte Hände geführt, nicht zur vollen Geltung kommen könnte, denn das Talent allein thut es nicht. Einem Stern, der leuchten soll, muß man den Dunstkreis zu klären verstehen, der immer be­reit, sein Licht zu verkleinern. Es ist keine Selbst­überhebung, was ich Ihnen sage: Sie werden nicht sein, was ich aus Ihnen gemacht haben würde. Alle sehen gern ein ksu ä'arUüeo, aber Wenige wissen, wie es gemacht wird. Aber glauben Sie nicht, das tröste mich; ich bedaure es von ganzem Herzen, denn

möge man mich einen Seelenverkäufer genannt haben, es gab für mich nie eine größere Freude als die, ein Talent Zu entdecken.

Ich sage Ihnen also Lebewohl, gute Lola; nur eine Woche noch werde ich hier vertrauern, um Bal­sado und seine schöne blonde Gattin zu empfangen, denn der reiche Mr. Hawcourt hat meine Villa für ihn gekauft. Mit dem Wenigen, was mir noch ge­blieben, gehe ich nach Paris zurück, um mein Leben dort zu beschließen. Eine Freude wird es dem alten Gianetti stets sein, wenn er auf seinem dunklen Eck­plätzchen im Cafe du Helder, auf dem er so manche Pläne entworfen, in den Zeitungen von Ihren Triumphen liest; er wird dann seine gute Lola sehen, die Einzige, die ihm ein so liebes und dankbares Herz gezeigt, und sein einziger Lohn wird sein, daß auch sie seiner gedenkt, wenn ihn Alle vergessen. Im Geiste drücke ich Ihnen heute die schöne kleine Hand und einen Kuß aus die klare, kindliche Stirn, wie ich es that an dem Tage, da ich Sie als Künst­lerin aus der Taufe hob. Leben Sie wohl!"

Albert konnte sich einer Rührung nicht erwehren. Er sah, wie sich auch Lola's Augen gefeuchtet.

Er ist doch besser, als ihn die Leute verschrieen!" sagte er, den Arm um ihren Nacken legend.Wir telegraphiren ihm aus der Stelle, daß Du zu meinen Gunsten auf Deine ganze Carriöre verzichtet, daß wir uns heute angesichts seines Briefes verlobt, und Du ladest ihn zur Feier dieser Verlobung nach Nizza ein. Für das, was er an Dir gethan, soll er reich­lich entschädigt werden; das ist meine Sache!"

Lola umschlang ihn freudig dankbar.

Du nimmst damit eine schwere Last von mir!" rief sie frohlockend.

Und Du läßt mir den Brief; ich will ihn Jobst zeigen; er soll ihn lesen!"

F-i'lnfundfiinfzigstcs Kapitel.

Der Karneval war gekommen und die ganze Riviera in ausgelassener Bewegung.

Das große Hotel an der Promenade des Anglais hatte sich mit vornehmen Gästen ans den benach­barten Uferstädten bis znm Dache gefüllt und die Tafel desselben garnirte sich täglich mit einem Damen­flor, unter welchem namentlich eine reizende Blondine auffiel Ellen Hawcourt nämlich, die an der Seite ihres Gatten mit dem Vater soeben in Nizza einge­troffen, in welchem der Letztere seinen Winteraufent­halt zu suchen gewohnt.

Jobst, als er mit den Seinigen an der Tafel saß, machte selbst seine Braut auf das eigenthümlich interessante junge Weib mit dem ährensarbigen Haar aufmerksam, erschrak aber heimlich, als er neben ihr ein Männergesicht erkannte, dessen glänzend schwarzes Haar und dunkle große Augen in ihm Erinnerungen weckten, die er im ersten Momente selbst sich nicht zu erklären wußte.

Balsado! Erkennst Du ihn?" flüsterte Albert, neben ihm sitzend.Was für eine Miene wirst Du ihm gegenüber annehmen, wenn er im Hotel bleibt?"

Ich habe keine Ursache, ihm gram zu sein, hatte