Heft 
(1885) 52
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Die tolle Betty von

sie schon damals nicht, wie Du weißt; was damals geschah, mußte eben geschehen."

Auch er hat Dich schon erkannt; er blickt mit so eigentümlichem Interesse herüber."

Eine wirklich originelle Schönheit! Man sollte sie für eine Amerikanerin halten!" wandte sich Hilde­gard an Jobst.Ohne Zweifel ihr Gemahl, der hübsche Mann! Licht und Nacht, die Beiden! Weißt Du schon, wer er ist?"

Jobst fühlte sich einigermaßen verlegen. Albert, der die Frage der Schwester gehört, hatte seine Schadenfreude daran; er schaute auf die ihm gegen­über neben dem Vater sitzende Lola, deren Gesicht bald dunkelroth, bald bleich. Sie hatte ihn bereits vor den Anderen erkannt und zitterte heimlich, denn am Morgen, als sie mit Hildegard am Ufer spaziert, war es ihr gewesen, als habe sie in einer schwarz ver­schleierten Dame, die an ihnen vorüber gestreift, Bettina erkannt, die vor ihr das Antlitz hinter der Ombrelle versteckt. Sie hatte geschwiegen von dieser Begegnung, aber sie gedachte ihrer jetzt. Um Hilde­gards willen legte sie den Finger auf die Lippen.

Albert behielt dieselbe nbermüthige Miene. Die Schwester wußte ja gar nicht, daß der Künstler in irgend einer Beziehung Zn ihrem Verlobten gestan­den; wie hätte sie damals aus ihrem Dorf davon hören sollen?

Es gab so viel andere interessante und neue Physiognomiken an der Tafel, man sprach also nicht mehr von den Beiden. Nach Aufhebung der Tafel führte Jobst seine Braut auf die Terrasse, um dort den Kaffee zu nehmen. Albert folgte ihm mit Lola, die der Oberst bei ihrer Ankunft freudig als Tochter in die Arme geschlossen, obgleich ihm immer vor­geschwebt, Albert werde sich eine Frau aus den vor­nehmsten Geschlechtern suchen.

Plaudernd saßen sie zwischen dem grünen, saftigen Laubwerk, den Arbeiten unter sich in dem nach der Promenade zu liegenden Vorgarten zuschauend, in welchem eine Estrade für die Zuschauer zum Karne- valsznge errichtet ward, als auch Valsado, seine Gattin am Arm, aus dieselbe trat. Mit tiefem Ernst, aber höflich zog er den Hut vor den beiden Herren und schritt die Terrasse hinab.

Jobst und Albert, die überrascht den Gruß er- wiedert, schauten einander an.

Ihr kennt den Herrn? Der Papa sagte mir vorhin, er sei der berühmte Geiger Balsado."

Allerdings! Aber nur flüchtig . . . wie man sich eben kennen lernt."

Lola wechselte wieder die Farbe. Hildegard er­hob sich, befriedigt mit dieser Antwort, und bat Lola, mit ihr in den Garten hinab zu gehen und den vor- überstreichenden Masken zuzuschanen.

Er wählte das Richtige!" sagte Albert, den Rauch seiner Cigarre in die Lust blasend und sich in dem Schaukelstuhl wiegend.Schade, daß der arme Oettinghans ihn nicht mehr sehen kann."

Jobst schaute in tiefem Ernst vor sich hin und zerknickte einen vom Spalier herabhängenden Helio- tropenzweig. Um der eigenen Gemüthsruhe willen hatte er Albert nichts von den letzten Worten des Sterbenden gesagt; für diesen hatte Oettinghans als

Hans Wachenhusen.

verzweifelter Spieler geendet, dem er eine anständige Grabstätte bereitet.

Der Anblick des Geigers hatte in der That in Jobst trübe Gedanken erweckt, nicht um seiner selbst willen, denn er schaute mit innerer Befriedigung auf Hildegard hinab, die an Lola's Arm, über das Gitter gelehnt, dem zunehmenden Maskentreiben um den Jardin publique und die Promenade des Anglais zuschaute.

Albert hatte ihm von dem Briese Gianetti's und von dessen Zusammentreffen mit seinerschönen Cou­sine" erzählt. Sie irrte ohne Zweifel wie eine Ruhe­lose umher, während er und gewiß auch Balsado ihr Glück gefunden.

Die Gebote der Gesellschaft mißachtend, außer­halb derselben stehend, nur dem Triebe ihrer wilden Natur, ihres schäumenden Blutes gehorchend, was konnte das Ende dieses unlenkbaren Weibes sein!' Eine Falle, die irgend ein rafsinirter Abenteurer der Unklugen stellte, durch die sie wieder in das Dunkel, in die Armseligkeit ihrer ersten Kindheit zurückver­sinken mußte, wenn Albert seinem Bevollmächtigten nicht Einhalt gebot; ein Ende voll Vorwurf, Ver­zweiflung, wenn sie zurückblickte ans alle die Wohl- thaten und Gnade, die der Himmel über sie ausge­gossen, die sie mit toller Hand zertrümmert, mit Füßen getreten um eines Einzigen willen...

Dieser Künstler er sah ihn, wie er in der Pergola des Gartens da unten stand, den Arm so liebevoll über den Nacken seiner blonden Gattin gelegt, wie er so harmlos theilnahm an dem Maskenscherz des Volkes Balsado trug sicher keine Schuld! Hier an dieser Stelle hatte er mit Lola gestern Abend über sie gesprochen, und so Manches war ihm erst klar geworden, dessen Zusammenhang er sich nicht zu reimen vermocht.

Du bist verstimmt! An was denkst Du?" fragte Albert, sich aus seinem Schaukelstuhl erhebend und die Cigarrette fortwerfend.

An nichts!... Und doch!... An den armen Oettinghans, an manches Andere, was gar nicht hie- her gehört... Ich weiß nicht, warum mir das Herz so schwer wird! Ich wollte, der Mummenschanz da unten, der eben sich zur tollsten Ausgelassenheit ent­faltet, wäre Zu Ende, ich wäre wieder daheim und ihr wäret mit mir!. .. Albert!" er nahm dessen Handwie eben so die Gedanken kommen!... Du selbst erregtest sie in mir . . . Schreib' heute noch an Deinen Bevollmächtigten. Es ist Gianetti's Brief, der mir wieder in den Sinn kommt! Ich fürchte, Dein Anwalt hat schon ein großes Unglück angerichtet."

Ist schon geschehen! Ich habe ihm ja von Mailand aus telegraphirt!"

Jobst drückte ihm dankbar die Hand.

So komm'! Laß uns zu den Damen hinab­gehen!"

Hildegard kam eben schon die Terrasse herauf­gelaufen. Lola folgte ihr, von Albert empfangen, der ihr seine Arme entgegenstreckte. '.

Was ihr Beide da Wichtiges Zu besprechen habt!" rief sie eifrig.Der Zug soll sich eben schon in Bewegung gesetzt haben! Prinz Karneval soll