Heft 
(1885) 52
Seite
1244
Einzelbild herunterladen

1244

Deutsche Roman-Bibliothek.

mit großer Feierlichkeit, Feuerwerk und Tanz ver­brannt werden. Sieh' nur, Alles strömt in den Garten, die Promenade füllt sich mit Masken; ich freue mich wie ein Kind auf den Abend, denn ich habe ja noch niemals einen Karneval gesehen!" .. .

Und der Abend dunkelte alsbald herab. Die künstliche Gartenestrade des Hotels füllte sich mit vornehmen Gästen aller Nationen, die von dieser Er­höhung aus den lärmenden Zug erwarteten.

Das Maskengetriebe ans der Straße und drüben ans der Promenade am User ward wilder und bunter, Fiaker und Equipagen, mit Neugierigen gefüllt, fuhren vorüber, ganze Gruppen von Masken Zogen vorbei, ihren Uebermuth treibend; Fackeln und Girandolen, Lampen und Ballons erhellten den Schauplatz fast tageshell.

Arm in Arm standen Jobst und Hildegard, Albert und Lola in der vordersten Reihe, ihnen ganz nahe Balsado mit seiner blonden Gattin am Arm in der auf die Straße gehenden Laube, dem pavillon­ähnlichen Ausläufer einer Pergola derselben, in der einst Camill beim Mondenschein die träumende Bettina überrascht. Zu ihren Füßen tummelten sich die Masken vorüber, der lichtblonden Elfe Küsse und Consetti Znwerfend. Manch' galanter Pierrot reichte ihr ein Sträußchen hinauf und Ellen nahm es lächelnd und dankend.

Kein Zug in Balsado's Antlitz verrieth ein Ge­denken an jene Mondnacht, die einem unerfahrenen, heißblütigen Mädchen so verhängnißvoll hatte werden sollen, und dachte er daran vielleicht flüchtig zurück, das ahnungslose Lächeln der Gattin verjagte die Erinnerung.

Niemand hatte ihm gesagt, was aus dem Herzen geworden, das sich ihm damals an dieser Stelle mit so stürmischer Glut hingegeben; der Weltfahrer, dem die Frauen überall Kränze und Sträuße gewunden, hatte auch wohl kaum gefragt. Was war ihm schließ­lich die kleine Welt eines Frauenherzens, ihm, den beide Welten feierten!

Der Mond stand über dem Mittelmeer gerade so wie damals, aber wie viel Szenen dieser Art hatte der seitdem schon beschienen!

Endlich kam der Zug; ihm voran tummelten sich mit Korybantenlärm und betäubender Musik, Fackel­schein und Feuerrädern ganze Haufen von Bacchanten und Bacchantinnen, die Fischer zogen in phantastischen Kostümen daher, ein Boot mit der Meeresgöttin auf ihren Rücken tragend, in Delphinenhaut kugelte sich ein Rudel ligurischer Knaben vor ihnen her, ans der künstlichen Hülle eines riesigen Seeigels schaute ein Nest von Amoretten.

Jetzt kam ein lustiger, bunter Zug von nizzar- dischen Blumenmädchen in grellfarbigen, hochgeschürz­ten Kostümen, ihre Körbchen im Arm. Mit lautem Beifall von den Zuschauern der Gärten und einem Regen von Consetti aus den Fenstern empfangen, brachen sie aus dem Zuge, traten aus die unterste, sreigebliebene Stufe der Estrade, reichten den Damen ihre Sträußchen oder schleuderten sie aus die Hinteren Reihen derselben, übermüthige Scherze mit den Herren wechselnd, Kußhände werfend, auch wohl Diesem und Jenem flüchtig den Arm um den Hals legend.

Lola und Hildegard hatten namentlich die Auf­merksamkeit einiger der ausgelassenen jungen Weiber erregt; die Einen boten ihnen Früchte aus ihren Körben, die Anderen befestigten Sträuße namentlich an Walbeck's Brust, besser blonder Vollbart sie anzog. Albert hatte sich scherzhaft der Einen bemächtigt und tauschte mit ihr Scherze in italienischer Sprache.

Inzwischen hatten einige Andere dieser lustigen Bande die unterste Stufe vor Ellen und Balsado erstiegen. Während Eine den schönen Künstler mit Blumen bestürmte, reichte die Andere, eine hervor­ragend schöne Gestalt mit üppigem, braungefärbtem Nacken, das Antlitz von dem großen Nizzahut tief beschattet, Ellen ihr Körbchen mit Früchten; sie nahm eine derselben, streckte den Arm und preßte sie ihr graziös lächelnd zwischen die Lippen.

Ellen ließ sich, überrascht und lachend, den Scherz gefallen. Die schöne Spenderin warf den ganzen übrigen Inhalt des Körbchens über die Köpfe der Gäste, die lachend darnach haschten. Elastisch erklomm sie die Stufe wieder und schlang unter großem Gelächter der Nächststehenden den Arm um Balsado's Nacken. Dieser aber, der die Karnevalsgalanterie eines Blumen­mädchens lächelnd hingenommen, beugte sich plötzlich zurück und stieß die Zudringliche von sich. Sie hatte ihm Worte in's Ohr geflüstert und mit einer Stimme, die ihn erschreckt:

Du hast mein Leben vergiftet, ich vergifte das Deine! Such' mich drüben im Mondenschein!"

Die schöne Nizzarde, von ihm lassend, sprang die Stufen hinab und in das Getümmel des eben ans hohem Triumphwagen vorüberfahrenden Prinzen Karneval. Laute hundertstimmigeEvivas!" em­pfingen denselben, die Raketen knatterten, die Kon­fetti flogen hin und her.

Nur die Balsado zunächst Stehenden wurden in ihrer Karnevalsfreude gestört, als dieser den Arm ganz plötzlich um die wie vom Schlage getroffene Ellen schlug. Mitleidige Arme suchten sie zu stützen; man vermuthete, ein Stück Confetto habe sie an der Stirn getroffen, sie sei das Opfer irgend einer nicht gerade seltenen Karnevalsbrutalität geworden.

Während der Jubel um sie her tobte, hatte man nur halbe Aufmerksamkeit für sie; man erwartete, sie werde sich in ihres Gatten Arm erholen. Dieser aber, leichenblaß, die bewußtlose Ellen haltend, beim Leuchten der Fackeln und Schwärmer in ihr Antlitz schauend, gebot plötzlich mit Donnerstimme den hinter ihm Stehenden, ihm Raum zu geben, denn Ellen's Körper lag starr, regungslos auf seinem Arm.

Erst als der Zug mit seinen wilden, lärmenden Trabanten vorüber, als das Getöse sich entfernte und über dem vom Mondenschimmer begläuzten Meer ver­hallte, gelang es Balsado, die noch immer Regungs­lose durch die erschreckende, ihm folgende Menge der Gäste in's Haus Zu schaffen.

Der Arzt des Hotels drängte sich herbei, als man die Unglückliche auf einen Divan gelegt; er beugte sich über sie, nahm ihren Puls, schrak aber zurück.

Hier ist keine Rettung!" rief er, sich aufrichtend. Ein Schlagfluß durch Vergiftung!"

Starr vor Entsetzen hörte Camill Balsado den