Heft 
(1885) 52
Seite
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Die tolle Setty von Hans Wachenhusen.

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Ausspruch; er taumelte zurück und sank dann halb bewußtlos zusammen. Er hörte nicht den Jammer des alten Mannes, der eben, die Teilnehmenden zurückdrängend, hereinstürzte und sich mit dem Schrei: Mein Kind! Mein Alles!" über die Leiche des schuldlosen Opsers warf.

Wie betäubt standen Jobst und Lola am Ein­gang des Zimmers, nur ein Wink aus trauerndem Auge gab dem mit Hildegard herbeieilenden Albert Kunde von dem Geschehenen.

Der tragische Vorfall inmitten der großen Karne­valsposse sollte am Abend noch ein ebenso trauriges Nachspiel haben.

Der Jubel war verhallt, im Garten des Hotels lagen zertreten die Blumen, die Consetti, die ver­pufften Patronen des Feuerwerks, auf der Promenade verglommen die hingeworfenen Fackeln, die Ballons schaukelten sich im leichten Nachtwinde.

Als die Damen sich tief erschüttert in ihre Zimmer zurückgezogen und vergeblich das Mahl aus sie war­tete, das Albert zur Feier des Tages veranstaltet, saß dieser mit Jobst noch auf der Terrasse.

Beide waren einsylbig und verstimmt, Jeder von ihnen verschwieg die Ahnung, durch die er sich das unheimliche Räthsel erklärte, dessen Zeuge man ge­wesen. Jobst namentlich fand kein Wort und mit innerem Schaudern blickte er hinüber auf die Stätte, wo er die blonde Gattin des Künstlers so glücklich auf den Maskenscherz zu ihren Füßen hatte hinab­lächeln gesehen.

Albert erhob sich eben, um mit den Händen aus dem Rücken eine Promenade auf der Terrasse zu machen, als das Zusammenlanfen von Masken unten am Ufer seine Aufmerksamkeit erregte.

Einer von der Dienerschaft des Hotels, eben im Garten beschäftigt, stürzte hinaus und kam mit der Nachricht Zurück, die Fischer hätten die Leiche eines der Blumenmädchen an's Ufer gebracht, das sich, als der Zug vorübergekommen, vor ihren Augen in's Wasser gestürzt.

Es sei unmöglich eine Nizzarde, setzte er hiyzu, sie sei sehr schön und weiß, aber wer sie sei, das wisse Niemand.

Albert eilte zum Garten hinaus. Jobst wollte ihm folgen, aber er zauderte und blickte mit klopfen­dem Herzen über die Promenade zu dem vom Mond beglänzten Uferrand, auf welchem die Menge der Neugierigen anwuchs.

Er wandte sich ab; er wollte nicht sehen; auf­geregt schritt er hin und her, Albert erwartend und doch vor seiner Rückkehr zitternd.

Großer Gott, kann's denn möglich sein?" flüsterte er vor sich hin.

Albert kam endlich; er nahm Walbeck's Arm und führte ihn beiseite unter den Schatten eines Eukalyptus, da er Lola auf die Terrasse eilen sah.

Ich seh's Dir an, Du hast schon die Wahrheit errathen!" sagte er mit bebender Stimme, seine Hand drückend.Ein solches Ende.. . und mit Schrecken!"

Ein Arm legte sich auf den seinigeu. Lola war hinter ihn getreten mit verstörter Miene; sie schmiegte sich furchtsam an ihn.

Ich finde keine Ruhe!" bebte sie.Mich ver­folgen diese unheimlich glühenden Augen, mit denen ich sie ihr Opfer suchen sah ... Ich erkannte sie ja, als sie unter den Blumenmädchen sich uns näherte, obgleich sie Antlitz und Nacken gefärbt. Ich hätte aufschreien mögen, als sie sich an die Unglückliche drängte und ihr die Früchte reichte. Die Stimme versagte mir vor Schreck; ich rief, aber es verhallte; ich war selbst einer Ohnmacht nahe, als sie ihren Arm auch um seinen Hals schlang... Sag', ist meine Ahnung wahr? Ich sah vom Fenster, wie die Fischer eine Ertrunkene an's Ufer trugen, wie einer derselben eine halb erloschene Fackel vom Boden nahm und der Unglücklichen drüben in's Antlitz leuchtete."

Wahr, Lola!" ... Albert schlang den Arm um sie und drückte sie an sich. Was sie ihm in Mai­land erzählt, hatte auch ihm den Schlüssel zu Allem gegeben.

Jobst stand da, das Antlitz fortgewendet, die Arme gekreuzt, finster vor sich hinblickend.

Ich hatte sie schon am Morgen auf der Pro­menade erkannt und ahnte nichts Gutes," fuhr Lola fort.Sie mußte wissen, daß die Beiden hier seien; ich allein wußte ja, was in ihr vorging. Sie suchte sich schließlich in Mailand an mich anzuklammern, aber ich hätte ja nichts vermocht über eine Natur wie die ihrige! . . . Herr von Walbeck!" Sie sah, wie dieser eben schweigend die Stufen hinab schritt. Ich begleite Sie!" rief sie entschlossen ihm nach.

Lola!" Albert suchte sie zurückzuhalten. Sie machte sich los.

Laß mich!" bat sie.Walbeck und ich, wir standen ihr am nächsten! Was sie gethan, vermag wohl vor keinem Richterstuhl zu bestehen, aber ich weiß es ja, es war ein Akt des Wahns, der sie ver­folgte! Gott wird ihr vergeben, denn sie war sehr unglücklich!"

Sie eilte Walbeck nach und verschwand mit ihm unter den noch immer herbeiströmenden Neugierigen.

Ein Akt des Wahns!" wiederholte sich Albert, als er ihr besorgt nachschaute.Das rettet ihren und unfern Namen! Ich will mit dem Vater sprechen und überlegen, was wir der Unglücklichen schuldig sind!"

Unruhig schritt er, auf Lola's Rückkehr wartend, im Garten hin und her.

*

Der Kommissär erschien eben, als Lola mit Jobst den Ring erreichte, der sich am User gebildet. Es waren meist leichtfertige Masken, die auf der Pro­menade ihre Scherze getrieben, Pierrots und Harlekine, deren bunt gemalte Fratzen oder Larven, wie sie da auf eine Stelle gerichtet, vor der Majestät des Todes erstarrt zu sein schienen.

Nur mit leiser Stimme wagten sie einander ihre Vermuthuugen zuzuflüstern. Sie war so schön, so weiß! Sie war eine Fremde jedenfalls, aber wie kam sie unter die Blumenmädchen, dieses herrliche, stattliche Weib, wenn nicht aus Lust an der Karnevals­freude? Und was hatte sie in das Wasser getrieben? Die Fischer, die am Ufer mit einem von Ballons beleuchteten Boot auf ihre Gäste für eine Abendfahrt im blauen Meer gewartet, hatten sie gesehen, wie