Heft 
(1885) 52
Seite
1246
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Deutsche Roman-Bibliothek.

sie vom Ufer hinabgesprungen. Sie waren ihr nach­gerudert, aber wie eine Meergöttin war sie vor ihnen untergetancht, bis es ihnen gelungen, sie an dem üppigen dunkelgoldigen, jetzt über den Strand ge­breiteten Haar herauszuziehen, aus dem der Mond so blitzte.

Jeder müßte sie kennen, wenn sie keine Fremde wäre- so war die allgemeine Ueberzengung, denn sie war zu groß, Zu schön. Aber jetzt traten Zwei andere Fremde, dem Kommissär folgend, in den Kreis, ein großer, blonder junger Mann und eine junge Signora. Die mußten sie kennen, denn der Schreck stand auf ihren Gesichtern.

Jobst hatte, Lola's Arm lassend, dem Kommissär ein Wort Zngeflüstert; dieser trat zurück, selbst be­troffen durch den Anblick, der sich ihm bot. Die Ueberzengung, daß er vor der Schlußszene eines Dramas stehe, ließ den Beamten unthätig dastchen.

Lola hatte nur einen Blick und mit Grauen in das bleiche Antlitz, in die starr geöffneten Augen zu thun vermocht, und diese Angen schienen ihr zu klagen:Warum nahmst Du Dich meiner nicht an? Sagt' ich Dir nicht, ich fürchte mich, ich fliehe vor mir selber? Sagtest Du mir nicht, ich möchte Dein Gewissen nicht haben? Jetzt sieh', was aus mir ge­worden! Du hättest es hindern können!"

Lola wandte sich schaudernd ab und bedeckte das Antlitz mit dem Tuch. Das Mondenlicht spielte so hell auf den erstarrten Zügen, als belebten sie sich, als klagten die geöffneten Lippen, was ihr eben das Herz in der Brust erzittern machte.

Sie suchte Jobst, sie wollte fort. Mit fast ge­blendetem Auge sah sie, wie dieser mit gefalteten Händen, regungslos, gleich einer Bildsäule, auf das Antlitz der Tobten hinabstarrte. Er sah so bleich ans und er konnte diesen Anblick ertragen!

Eben wollte sie ihm die Hand auf den Arm legen, um ihn fortzuziehen, als seine hohe Gestalt sich über die Daliegende beugte. Seine Hände streckten sich aus und drückten der Unglücklichen die Lider über die Augen. Und jetzt erhob er sich wieder. Lola schaute, staunend über seine Fassung, in sein tief ernstes Gesicht.

Jobst, der in der That scheinbar Herr seiner Stimmung geblieben, wandte sich wieder an den Kommissär, dann reichte er Lola den Arm und ver­ließ den Kreis:

Draußen erst auf der Promenade hielt er schwan­kend inne. Lola begriff, was jetzt in ihm vorging, als die Neugier der Menge ihn nicht mehr umgab.

Ihr Kampf ist zu Ende; ihr Gegner war sie selbst, die Unglückliche!" flüsterte er.

Lola preßte seinen Arm und suchte ihn mit sich zu ziehen.

Ich muß allein sein! Nur wenige Minuten!" bat er vor dem Hotel, unter den Schatten der Pfeffer­bäume zurücktretend, als Albert ihnen entgegen kam.

Dieser hatte inzwischen einen Besuch empfangen, der in ihm den Eindruck des Geschehenen abgeschwächt.

Gianetti entstieg nämlich vor dem Hotelgarten einem Fiaker und schüttelte sich mit ihm die Hand.

Wir haben Sie schon erwartet!" rief Albert, seine Aufregung bewältigend, ihm entgegen.

Ich komme nur, um Ihnen und Lola meine Glückwünsche Zu bringen und in einer Stunde mit dem ti'Lia raxiäs nach Paris zu reisen. Darf ich sie sehen?"

O gewiß! Sie wird hocherfreut sein! Leider sind wir Alle sehr ergriffen durch einen traurigen Vorfall, der heut Abend die Karnevalssreude gestört! Wir wollen Lola hier erwarten, inzwischen erzähle ich Ihnen."

Albert führte ihn aus die Terrasse und Gianetti hörte ihm hier mit großer Theilnahme zu.

Der arme Balsado!" sagte er, die Hände faltend.Ich hatte eigentlich die Idee, mit ihm noch etwas Geschäftliches zu besprechen, aber dazu ist jetzt nicht der Augenblick."

Mir aber werden Sie gestatten, eine Pflicht gegen Sie abzutragen, zu der Sie. .. Ah, da kommt ja Lola... für die Sie mir vor Ihrer Abreise einige Minuten unter vier Augen gönnen werden!" bat er dringend.

Er erhob sich, um Lola entgegen zu gehen, die Gianetti mit Thränen in den Augen empfing.

O, es ist furchtbar, entsetzlich, was heute ge­schehen!" zitterten ihre Lippen, während ihre Hände das Tuch Zn den Angen führten.Sie war noch so schön! Ich habe ihr Antlitz nie so gesehen; erst im Tode fand sie die Ruhe, die sie im Leben nie zu erringen vermochte! ... Verzeihen Sie meine Stim­mung, Herr Gianetti!" bat sie, seine Hand drückend; ich wollt', es wäre mir vergönnt gewesen, mit Ihnen diese vielleicht letzte Stunde... Aber Sie sehen, ich bin glücklich, unendlich glücklich!" Sie nahm Albert's Arm.

Auch Gianetti schien des Letzteren Erzählung sehr ergriffen zu haben. Er suchte indeß Beruhigung in einem Gedanken, dem er Ausdruck gab, indem er sich zu Lola beugte.

Nicht wahr, sie hat doch keine Noth gelitten?" fragte er halblaut.

Unmöglich!" siel Albert ein, der ihn verstanden. Sie ist im vollen Besitz ihres Vermögens geblieben!"

^,So war ihr wohl nicht zu helfen! ... Doch lassen Sie mich scheiden, meine Stunde ruft, Fräulein Lola, der Fiaker wartet ans mich!"

Gestatte mir nur zwei Worte mit Herrn Gianetti," bat Albert, diesen beiseite nehmend. Als er mit ihm zu Lola zurückkehrte, drückte er ihm im Einverständnis; die Hand.

Gianetti war so gerührt, daß ihm die Abschieds­worte fehlten. Zum letzten Mal küßte er Lola auf die Stirn und Thränen standen in den sonst so schlauen Augen des kleinen Mannes, als er ihr noch aus dem Fiaker seinen Abschied winkte.

«-

Die Stimmung kehrte in die einmal aus ihrer Behaglichkeit ausgffcheuchte Familie nicht zurück. Lola wechselte ihr Zimmer, weil sie vom Fenster desselben auf die Stätte schaute, die ihr so entsetzlich geworden; Hildegard fragte, was man noch an der Riviera suche, wenn Jobst allein nach Deutschland zurück müsse, der Winter sei ja so milde daheim, wie alle Zeitungen berichteten, und Lola verschwieg ihre Sehn­sucht nach der Mutter nicht.