Illustriertes Familienblatt. - Begründet von Ernst Keil 1853 .
An Vochennummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pf. An Halbheften: jährlich 28 Hallchefte st 25 Pf. An Heften: jährlich 14 Hefte ä 50 Pf.
L- 1890
M 20
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(Fortsetzung.)
Wadonna im Hlosenfiag.
Roman von Weinbobb HrLmcrrrn.
^7>er Zufall war Hudetz günstiger, als er es fangenen und nüchternen Abwägung aller erwarten können. Wie er nach einem längeren die Räume des Museums in den Oberlichtsaal zurückkehrte und einen vorsichtigen Späherblick zu dem Kabinett der Madonna im Rosenhag hinüberfliegen ließ, sah er mit einer Empfindung namenloser Freude, daß es ganz leer war. Das junge Pärchen, welches vorhin dort gestanden hatte, mochte seine geheimnißvolle Zwiesprache in irgend einem anderen Winkel fortsetzen — der Museumsdiener bemühte sich an der entgegengesetzten Seite des Saales, einem heftig gestikulirenden Herrn, der beständig aus seinen aufgeschlagenen Bädeker Mutete, irgend etwas begreiflich zu macheu, und die Malerin wischte mit hoch gerötheten Wangen in dem Antlitz ihres verunglückten Andreas herum.
Es warseltsam, daß Hudetz vor dieser harmlos aussehenden Dame bei weitem die größte Furcht empfand. Er konnte sich nicht viel Zeit lassen zu ihrer Beobachtung^ aber nichtsdestoweniger prägte sich jede Einzelheit ihrer Erscheinung, von dem schlicht gescheitelten/stumpf braunen Haar bis herab zu den Falbeln an ihrem einfachen, schwarzen Wollkleide, unauslöschlich in seiuGedächtniß ein.
Er hatte noch nie einein Menschen etwas Schlimmes gewünscht, jetzt aber durchzuckte 20
bei einer unbe- ^ es ihn wie ein inbrünstiges Verlangen: wenn sie doch vom Umstände hätte Schlage getroffen würde und tvdt hinunter stürzte von ihrem Streifzug durch j Tische! Jetzt begriff er mit einem Mal, wie es möglich war,
daß ein Mensch zum Mörder werden konnte.
Doch er hatte noch Besinnung genug, um zu erkennen, daß er auf den Eintritt eines so unwahrscheinlichen Ereignisses unmöglich warten durfte. Noch einmal warf er einen raschen, alles erfassenden Blick rings umher: dann ging er schnurstracks quer durch den Saal auf das Ziel seiner Wünsche los. Es war sicher, daß niemand auf ihn achtete. Er hätte einfach nach dem Bilde greifen und es herunter nehmen können; aber in einer jener sonderbaren Anwandlungen, die vielleicht schon die Ausführung manches Verbrechens noch im letzten Augenblick verhindert haben, siel es ihm als eine vermeintliche Nothweudigkeit ein, sich zu überzeugen, ob die Ge- mälde denn auch wirtlich nur lose an den Wänden hingen. Und er faßte nicht nach der winzigen „Madonna im Rv- ienhag", sondern nach dem Ehristnskops desselben Meisters, an dessen Entwendung er schon um seiner Größe willen unmöglich hätte denken können. Er nickte, er hob und rüttelte — aber der Rahmen bewegte sich nicht um eines Haares Breite voll seinem Platze — es war kein Zweifel, daß das Zohann Mepomuk v. Wußbaum. Gemälde durch Schrauben an