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Rothkehlchen herstammend. Ich zog mich wieder auf einige Entfernung ins Gebüsch zurück und sah, wie das Kuckucksweibchen noch zwölfmal am Neste vorbeistrich. Doch alle Bemühung, auf dasselbe zu gelangen, scheiterte an der Tapferkeit der Eigenthümer, welche ihren Feind immer wieder in das nahe Dickicht trieben. Die Sonne stand bereits tief am Himmel, als der Kuckuck verschwand. Während der folgenden Zeit besuchte ich fast täglich das Nest. Die Zahl der Eier stieg auf sechs, es befand sich aber unter denselben kein Kuckucksei.
Wenn ich den Vorgang richtig aufgefaßt habe, was ich nicht im mindesten bezweifle, so dürfte das Kuckucksweibchen, dank der Wachsamkeit der kleinen Nistvögel, in vereinzelten Fällen die Nöthigung erfahren, sein reifes Ei in irgend einer Vertiefung des Bodens — auch die Brutstätte des von Müller beobachteten selbstbrütenden Kuckucks war eine Bodenmulde — ablegen zu müssen. Sollte es in einem solchen Falle nicht unter Umständen sich entschließen, die übrigen Eier beizulegen und das Gelege selbst zu bebrüten? Ferner halte ich auf Grund des geschilderten Vorganges die Ansicht, daß die kleinen Vögel, welche man häufig im Gefolge des Kuckucks findet, denselben neckisch umschwärmen, für eine irrige; vielmehr wird der Kuckuck als der bestgehaßte Feind, als der Verderber ihrer Brut von ihnen verfolgt. —
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Anmerkung der Redaktion. Zn den vorstehenden Beobachtungen macht uns Adolf Müller folgende Mittheilungein „Die Bebrütung des Kuckucksgeleges außerhalb eines fremden Nestes durch den weiblichen Kuckuck ist eine Ausuahmeerscheiuung, deren Ursache schwer zu ergründen sein wird. Es mag ein Rückschlag zu der ursprünglich dem Kuckuck ebenfalls eigenthümlichen Gewohnheit des Brütens sein. Die zuerst aufgeworfene Frage des Verfassers, die er selbst fallen läßt, möchte mit Nein zu beantworten fein, weil Einzelwesen die Eigenthümlichkeit der Art schwerlich so vollständig durchbrechen. Eher liegt.ein Grund sür die Bejahung der zweiten Frage in der Gegnerschaft des Rothkehlchen- paares gegen das Kuckucksweibchen. Vollkommen bestätigt finden wir hier aber unsere eigenen Beobachtungen an Rothkehlchen, welche sich
gegen die Absicht des Kuckucks, das Ei in ihr Nest einzuschmuggeln, nachdrücklich wehren, wie es ja andere Vogelarten ebenfalls thun. Wir begrüßen freudig die mit der unsrigen übereinstimmende Beobachtung, daß gerade die streitbaren, unter Umständen todesmuthigen Rothkehlchen den Kuckuck vom Neste fern zu halten suchen; nur gelang es nach unseren Erfahrungell doch jedesmal den: Kuckuck, sein Ei anzubringen, und die tapferen Streiter ergaben sich schließlich in ihr Schicksal. In dem von Stürmer beobachteteil Falle kann allerdings der Kuckuck vom starken Legedrang bewogen worden sein, sein Ei auf dem Boden abzulegen. Dasselbe mag bei anderen Verhinderungen und Störungen oder bei dem Mangel an den nöthigen Bedingungen geschehen. Ob aber daraus auch das Bebrüten sich folgern läßt? Die Möglichkeit möchten wir nicht bezweifeln; bloße Vermuthnngen aber lösen die Ursache des Brütens in der Lebensgeschichte unseres geheimnißvollen Vogels keineswegs.
Inzwischen möge hier noch eine Beobachtung angefügt werden, welche ein Licht wirft auf die Erregung der Rothkehlchen in der Brutzeit und auf die veränderlichen Schicksale, welchen der junge Kuckuck ausgesetzt ist. Dieselbe ist mir im August v. I. von Frau Professor Nenbaur aus Berlin mitgetheilt worden.
Frau Nenbaur begab sich eines Morgens in Begleitung eines Jägers in den Park auf dem Gute ihres Oheims bei Hamburg und hörte dort zankende Vogelstimmen. Sie schlich näher und entdeckte ein Roth- kehlchennest, auf dessen Rande die beiden Nistvögel sich gegenübersaßen, das Weibchen in trotziger, das Männchen in zorniger, gleichsam herrischer Stellung. Die Ursache des Streites war ein Kuckucksei, welches bei drei bebrüteten Eiern des Rothkehlchens in dem Neste lag. Voll einen: nahen Verstecke aus konnte weiter beobachtet werden, daß der weibliche Vogel dem Drängen des Gatten nachgab und das Brutgeschäft fortsetzte. Nach acht Tagen schlüpften drei Rothkehlchen aus, die von den Eltern sorgsam gepflegt wurden. Am dreizehnten oder vierzehnten Tage kroch zur großen Aufregung des Rothkehlchenpaares auch der junge Kuckuck ans. Bald zeigte sich aber, daß er die Nestlinge sehr bedrängte und in stete Gefahr brachte, so daß die Rothkehlchen endlich den Kuckuck mit den Schnäbeln arg bearbeiteten und aus dem Nest zerrten, vor dem er starb. Das Paar pflegte und zog sodann seine Jungen sorgsam groß."
WlÄttcw und WMLHen.
Kleine chesundheitstehre von Nock. Kein gemeinverständliches medizinisches Wer? hat eine so große Verbreitung erlangt wie Bocks „Buch vom gesunden und kranken Menschen". Auch nach dem Tode des Verfassers erfreut es sich in mustergültiger Bearbeitung Or. v. Zimmermanns des altbewährten Rufes; es umfaßt aber einen starken Band von über 60 Druckbogen, und das ist für viele zu viel. Es giebt Leute, die aus Rücksicht auf die Anschafsungskosten so umfangreichen Werken bündigere Darstellungen vorziehen müssen, ebenso wie es andere giebt, die möglichst wenig lesen und dabei möglichst viel erfahren möchten. Professor iOr. Bock, ein Meister der volksthümlichen Darstellung, kannte seine Leute, und so hat er neben dem „großen Bock" eine „kleine Gesundheitslehre" geschrieben, ein kleines Büchlein, in dem das Wichtigste und Nöthigste voll allgemein faßbarem medizinischen Wissen mitgetheilt wurde. Die wiederholten Auflagen haben den Beweis geliefert, daß damit auch das Richtige getroffen wurde. Heute liegt uns die „Kleine Gesundheitslehre", die zum Kennenlernen, Gesunderhalten und Gesundmachen des Menschell dienen soll, in neuer Bearbeitung durch vr. v. Zimmermann vor. Das etwa 12 Druckbogen umfassende Buch kostet gebunden 1 Mark.
Alle Fortschritte der Medizin in der neuesten Zeit sind voll dem Bearbeiter berücksichtigt worden, und so ist die „Kleine Gesundheitslehre" in ihrem neuen Gewände wieder ein trefflicher praktischer Rathgeber, ans dem jedermann Belehrung in Gesundheitsfragen schöpfen kann. Besonders vortheilhast sind die Abschnitte, welche die erste Hilfe bei Unglücksfällen betreffen, ausgezeichnet ist aber der Anhang „Garstige Uebel und häßliche Angewohnheiten", in welchem alle die kleinen Leiden und Fehler erörtert werden, die im gesellschaftlichen Leben Anstoß erregen. Freimüthig wird darin erörtert, was an nnserm Körper den Geruchsinn, das Gehör oder das Auge unserer Nächsten verletzen kann, und es werden dabei auch die Mittel angegeben, wie man solche Fehler und häßliche Angewohnheiten beseitigen kann.
Mitesser, Sommersprossen, geröthete Nasen, Hühneraugen u. dergl., das sind ja alles Themata einer gewissermaßen „kleinen Medizin", für die auf eigene Faust leider oft sehr unnütz viele Mark geopfert werden. Die „Kleine Gesundheitslehre" ist auch auf diesem Gebiete ein ersprießlicher Rathgeber und ein ehrlicher dazu, welcher den Beutel des unter solchen geringfügigen Leiden Seufzenden zu schonen weiß. *
Aas Koller Gustav Adolfs, des Königs von Schweden, welches derselbe trug, als ihn in der Schlacht bei Lützen am 16. November 1632 der Tod ereilte, ist heute noch vorhanden. Das merkwürdige Stück befindet sich in der Waffensammlung im k. k. Artilleriearsenal zn Wien. Das Koller ist von schwerer Elenhaut, innen vollständig zuerst mit starker Leinwand, darüber mit grünem Atlas gefüttert. Die Brusttheile sind zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit noch mit fünffachem abgestepptem Zwilch unterlegt. Von Reliquiensammlern sind das Futter und einzelne Theile des Kollers selbst stark mitgenommen worden. Trotzdem sämmt- liche einst dicht aneinander gereihte Knöpfe fehlen — sie waren wahr
scheinlich von Silber und wurden als gute Beute betrachtet — wiegt das Koller jetzt noch gegen ZH/.Z Kilogramm. Die erste Verwundung erhielt Gustav Adolf am linken Ellenbogen; das Stück mit dem durch die Kugel verursachten Loch ist aus dem Aermel ausgeschnitten, doch sind Blutspuren noch deutlich erkennbar.
Die zweite, jedenfalls tödliche Kugel traf den Schwedenkönig im Rücken; das durch die Kugel erzeugte Loch hat einen Durchmesser von 15 bis 18 mm, die Ränder desselben sind ganz verbrannt, so daß kein Zweifel besteht, daß der Schuß auf geringe Entfernung abgegeben wurde. Auf der linken Brnstseite findet sich ein Loch, das offenbar durch den Stich eines vierseitigen Panzerstechers erzeugt wurde. An der Echtheit dieses Rockes ist nicht zu zweifeln, denn erstens findet sich ein Zettel in der Handschrift der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit der Bestätigung derselben an der merkwürdigen Reliquie; zweitens meldet schon Khevenhiller in seinen „Annales Ferdinandei", daß der Rock auf dem Schlachtfelde von einem kaiserlichen Soldaten erbeutet und vom Generalfeldwachtmeister Duca Oktavio Piccolomilli „noch ganz blutig dem Kaiser nach Wien übersendet" worden ist.
Des Deutschen Weiches Zuckerbüchse. Oestlich von der rührigen Handelsstadt Nordhausen, an der Unstrut und der thüringischen Saale entlang bis hinab zur Elbniederung und dann weiter auf dem linken Elbufer an dem ehrwürdigen Magdeburg vorbei bis in die Gegend von Wolmirstedt — und nun in scharfer Biegung westlich bis nach Braunschweig und Seesen hin schmiegt sich um den Felsenleib des Harzgebirges herum ein fruchtbarer Ländergürtel, iu welchem die „goldene Alle" und die „Magdeburger Börde" als leuchtende Perlen erglänzen: das ist der „Zuckerboden", das vorzüglichste Rübenland Deutschlands. Nicht weniger als 201 Fabriken und Raffinerien, fast die Hälfte der Zuckerfabriken des ganzen Reiches, sind hier auf einem kleinen Fleck vereinigt. Auf Preußen entfällt der Löwenantheil mit 133 Fabriken, dann folgt Braunschweig mit 38 und Anhalt mit 30 Fabriken.
Spärlich sind dagegen die Zuckersiedereien in den übrigen Theilen Deutschlands zerstreut; auf die drei Königreiche Bayern, Württemberg und Sachsen entfallen beispielsweise nur je 5 Fabriken, und so ist in der That das Vorland des Harzes die Zuckerbüchse des Deutschen Reiches.
Kleiner Briefkasten.
(Anfragen ohne volle Namensangabe werden nicht berücksichtigt.) Stammtisch bei Schr., Mülheim a. N. Wir schließen aus Ihrer Zuschrift zweierlei: erstens, daßstich kein Arzt in N-rer Tafelrunde^Mndetz zweitens, daß Sie allesammt ordent-
Flasche „Besseren" miteinander und' wmn besinnen Sw sich noch einmal. ^ ^
M. A. N. in Konstantinopel. Besten Dank für Ihr freundliches Zutrauen. Wir sind inliegender Ansicht, daß ^der Gegenstand für die „Gartenlaube^ sich ^nicht eigne.
^ C. in ^Chemnitz. Die von Ihnen angeführten Buchstaben sind ohne Zweifel als Jahreszahl Lll)X6ll, d. h. 1592, zu lesen.
Anhalt: Madonna im Rosenhag. Roman von Reinhold Ortmann (Fortsetzung). S. 325. — Geheimer Briefwechsel. Bild. S. 329. — Johann Nepomuk v. Nußbaum. S. 330. Mit Bildnis; S. 325. — Bilder aus dem Landsknechtsleben. Von H. Bauer. III. S. 331. Mit Abbildungen S. 331 und 333. — Flammenzeichen. Roman von E. Werner (Fortsetzung). S. 334. — Der Aufschneider. Bild. S. 337. — Wieder einmal der Kuckuck. Von C. Stürmer. S. 339. — Blätter und Blüthen: Kleine Gesundheitslehre von Bock. S. 340. — Das Koller Gustav Adolfs. S. 340. — Des Deutschen Reiches Zuckerbüchse. S. 340. — Kleiner Briefkasten. S. 340.
Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Krön er. Verlag von Ernst Keil's Nachfolger in Leipzig. Druck von A. Wiede in Leipzig.