„Der Schloßverwalter von Rodeck ist draußen und bittet —"
„Ich habe jetzt keine Zeit!" fuhr Schönau unwillig auf. „Sagen Sie dem Stadinger, ich könnte ihn jetzt nicht sprechen, ich hätte Wichtiges vor, Familienangelegenheiten —"
Er konnte nicht ausreden, denn Stadinger, der dem Diener auf dem Fuße gefolgt war, stand bereits auf der Schwelle und sagte in einem eigentümlich gepreßten Tone:
„Ich komme auch in einer Familienangelegenheit, Herr Oberforstmeister, aber es ist eine traurige. Ich kann leider nicht warten,, sondern muß Sie auf der Stelle sprechen."
„Was giebt es denn?" fragte Schönau betroffen. „Ist etwa ein Unglück geschehen? Der Fürst ist doch nicht in Rodeck, so viel ich weiß?"
„Nein, Durchlaucht ist in der Stadt, aber Herr Rojanow ist hier und schickt mich. Er läßt den Herrn Oberforstmeister und den Herrn von Eschenhagen bitten, augenblicklich nach Rodeck zu kommen, und die gnädige Frau—" Stadinger warf einen Blick auf Frau von Eschenhagen, die er von ihren Besuchen in Fürstenstein her kannte — „die thäte wohl am besten, auch gleich mitzukommen."
„Aber weshalb denn? Was ist denn eigentlich vorgefallen?" rief der Oberforstmeister, der jetzt ernstlich unruhig wurde.
Der Alte zögerte mit der Antwort, man hatte ihm offenbar eingeschärft, seine Nachricht vorsichtig anzubringen. Endlich sagte er:
„Excellenz von Wallmvden ist bei uns im Schlosse — und die Frau Baronin auch."
„Mein Bruder?" fiel Regine ahnungsvoll ein.
„Ja, gnädige Frau, der Herr ist aus dem Wagen gestürzt, und nun liegt er da, besinnungslos, und der Arzt, den wir in der Eile gerufen haben, meint, die Sache wäre sehr bedenklich."
„Um Gotteswillen!" rief die erschrockene Frau. „Moritz, wir müssen sofort hinüber!"
Schönau hatte bereits die Klingel ergriffen und läutete.
„Anspannen, so rasch als möglich!" rief er dem wiedereintretenden Diener zu. „Wie ist das gekommen, Stadinger? So sprechen Sie doch!"
! „Der Herr Baron kam mit der gnädigen Frau von Ostwalden ! und wollte nach Fürstenstein," berichtete Stadinger. „Der Weg ! führt ja durch Rodecker Gebiet, nicht weit vom Schlosse vorüber.
! Unser Förster, der mit dem Fvrstgehilfen im Walde ist, giebt dort ! ein paar Schüsse ab und ein angeschvssener Hirsch jagt in wilder ! Flucht über die Fahrstraße, gerade an dem Wagen vorbei. Die ^ Pferde scheuen und gehen durch, der Kutscher kann sie nicht mehr ^ halten. Die beiden Jäger, die das sehen, stürzen hinterdrein, sie hören noch, wie die Frau Baronin ihren Mann bittet: ,Bleib sitzen, Herbert! Um Gotteswillen, nein, nicht hinaus!' — Aber der Herr scheint ganz den Kopf verloren zu haben, er reißt den Schlag auf und springt hinaus. Bei der rasenden Jagd stürzt er natürlich mit voller Gewalt nieder und wird gegen einen Baum geschleudert. Nicht weit davon an einer Biegung des Wegs bringt der Kutscher endlich die wildgewvrdenen Thiere zum Stehen. Die Frau Baronin, die unverletzt war, eilt so rasch als möglich zu der Unglücksstütte und da findet sie den armen Herrn schwer verletzt, bewußtlos. — Die Forstleute brachten ihn nach Rvdeck, das am nächsten lag. Herr Rojanow hat für alles gesorgt, was für den Augenblick nöthig war, und nun schickt er mich, um Ihnen die Nachricht zu bringen." —
Es war selbstverständlich, daß unter dem Eindruck dieser erschütternden Nachricht der eben noch so heftige Familienstreit sofort aufhörte. In Hast und Eile machte man sich zum Aufbruch fertig, Antonie wurde gerufen und benachrichtigt, und sobald der Wagen angespannt war, eilte der Oberforstmeister mit seiner Schwägerin hinunter. Willibald, der mit Stadinger folgte, hielt diesen auf der Treppe noch eiueu Augenblick zurück und fragte halblaut: „Wie hat der Arzt sich ausgesprochen? Wissen Sie Näheres darüber?"
Der Alte nickte traurig mit dem Kopfe und antwortete, gleichfalls in gedämpftem Tone:
„Ich stand dabei, als Herr Rojanow ihn im Vorzimmer fragte. Es ist keine Hoffnung mehr — der arme Herr wird den Tag nicht überleben!"
(Fortsetzung folgt.)
Wreder rinmal der Kuckuck.
Mitgetheitt von
eobachtungen über vereinzelt vorkommendes Selbstbrüten des Kuckucks sind in früheren Jahren schon verschiedentlich zur Veröffentlichung gebracht worden; aber diese Mittheilungen drangen über einen engeren Kreis von Fachgelehrten nicht hinaus, da ihre Zuverlässigkeit von anerkannten Gewährsmännern auf dem Gebiete der Vogelkunde in Zweifel gezogen wurde. Jur Mai 1888 hatte nun der bekannte Naturforscher Oberförster Adolf Müller das seltene Glück, ein brütendes Kuckucks- Weibchen während der ganzen Dauer des Brutgeschüftes zu beobachten. Müller hat seinerzeit irr der „Gartenlaube" (1888, S. 425) zuerst überfeine Entdeckung Bericht erstattet. Beim Lesen seines Aufsatzes drängten sich mir nun unwillkürlich folgende Fragen auf: „Giebt es einzelne Individuen dieser Vogelart, welche, einem mächtigen Bruttriebe nachgebend, jedes Jahr selbst brüten? Oder besorgt der Kuckuck nur unter dem Zwang äußerer Umstände das Geschäft des Brütens selbst und huldigt zu anderen Zeiten wieder der bequemen Weise seiner Artgenoffen?"
Obwohl ich mir sagen mußte, daß es schwerlich jemals gelingen dürfte, unanfechtbare Beweise für die eine oder andere Annahme beizubringen, so war ich doch geneigt, die erste Frage zu bejahen, also als Grund des Selbstbrütens einen individuellen Bruttrieb anzunehmen. Man hat bereits in den Nestern vor: mehr als 70 Vogelarten Kuckuckseier entdeckt. Der Fall, daß der Kuckuck unter Umständen kein fremdes Gelege, auf dem er sein eigenes reifes Ei ablegen könnte, zu finden vermöchte, dürfte also wohl kann: eintreten; ebensowenig habe ich früher beobachtet oder gelesen, daß sich Nistvögel dem Mißbrauch ihres Nestes seitens desselben mit Erfolg widersetzten. Während des letzten Sommers aber hatte ich Gelegenheit, einen Fall zu beobachten, in welchem letzteres thatsächlich stattfand. Da ich der Ansicht bin, daß das Dunkel, in welches das Leben und Weben des Kuckucks noch immer gehüllt ist, in absehbarer Zeit nur dann gelichtet werden kann, wenn sich neben berufenen Forschern auf dem Gebiete der Thierkunde auch Naturfreunde an der Lösung dieser Frage betheiligen, so bringe ich den erwähnten Vorgang hiermit zur öffentlichen Kenntniß.
Am Nachmittage des 4. Juni vergangenen Jahres machte ich mit meiner Frau einen Spaziergang nach einem in der Gemarkung von Hagen (Westfalen) gelegenen Walde. Wir durchschritten zunächst einen jungen Eichenbestand, der wie im vorangcgangenen so auch in diesem Sommer durch die Raupe des Eichenwicklers stark geschädigt wurde. Hier hielten sich seit Wochen einige Kuckucke auf, und ich hatte dieselben durch Nachahmcn ihres Rufes und des sog. Kuckucksgelächters zu verschiedenen Malen in meine Nähe gelockt. Ich machte auch an diesem Tage einen Versuch, der aber erfolglos blieb. Wir kamen bald auf eine abschüssige Lichtung. Vor uns lag niedriges Buchen- und Erlengestrüpp/im Rücken hatten wir den erwähnten Eichen-
K. SLörnner.
bestand; rechts grenzte die Lichtung an einen Wiesengrnnd, während die letzteren: gegenüberliegende Seite mit jungen Buchen und Birken bewachsen war. Plötzlich wurde durch lautes Vogelgeschrei meine Aufmerksamkeit erregt, und ich gewahrte an der höchsten Stelle der Lichtung, am Rande des Buchen- und Birkenbestandes, in einer Entfernung von etwa 60 Metern einen größeren und zwei kleinere Vögel. Da ich glaubte, dieselben würden alsbald im nahen Eichenwalde verschwinden, so beeilte ich mich, meinen Feldstecher, den ich bei meinen Ausflügen irr den Wald fast immer bei mir trage, nach der betreffenden Stelle zu richten. Doch meine Besorgnis; war grundlos; die Vögel hielten sich hin- und herkreisend längere Zeit auf der Lichtung. Hatte ich im ersten Augenblick den größeren derselben für einen die kleineren verfolgenden Sperber gehalten, so erkannte ich in demselben jetzt deutlich einen Kuckuck und ebenso, daß er nicht der Verfolger, sondern der Verfolgte war. Obwohl sich die Farbe seines Gefieders vor meinem Glase sehr matt darstellte, so war ich doch noch nicht überzeugt, daß ich in demselben ein weibliches Individuum vor nur hatte. Nach einer Weile fußte der Kuckuck auf einer jungen Eiche, hart am Rande der Lichtung, und das Geschrei der kleinen Vögel verstummte während dieser Ruhepause. Auch auf die Gefahr hin, die Gruppe zu verscheuchen, näherte ich mich eiligen Schrittes. Doch das Gefürchtete trat nicht ein. Der Kuckuck, den ich jetzt mit bloßen: Auge ganz deutlich als ein Weibchen erkannte, erhob sich zwar, von den kleinen Vögeln, einen: Paar Roth kehlchen, mit zornigen: Geschrei eifrig verfolgt, strich aber nicht ins Dickicht ab. Es fiel mir auf, daß sich der Kampfesmuth der Verfolger immer steigerte und ihr Geschrei jedesmal heftiger gellte, wenn der Kuckuck an einer bestimmten Stelle dicht an der Erde hinstrich, und ich konnte deutlich bemerken, wie sie bei dieser Gelegenheit einige Male in sein Gefieder bissen. An den: betreffende:: Platze glaubte ich das Rotykehlchennest, in welchen: der Kuckuck wahrscheinlich sein reifes Ei abzulegen beabsichtigte, mit einiger Gewißheit vermnthen zu dürfen. Des Kuckucks weit aufgesperrter Schnabel, sowie die Dreistigkeit, mit welcher er, seine sonstige Scheu vergessend, fortwährend so dicht an nur vorbeistrich, daß ich das Rauschen feiner Flügelfchläge deutlich hören konnte, schien mir mit Bestimmtheit auf ein solches Vorhaben hinzudenten. Der Leser kann dasselbe Gebaren bei unser:: weiblichen Hansvögeln beobachten, wenn dieselben einen geeigneten Platz zun: Ablegen eines nahen Eies suchen. Thatsächlich fand ich denn auch an der erwähnten Stelle unter den: Schutze eines morschen Buchenstumpfes in einer Erdvertiefung das Nest, welches ein Gelege von vier Eiern barg. Letztere erkannte ich an der zart gelblichweiße:: Färbung, den rochen Spritzen und Punkten und den: Kranze von bräunlichen Flecken am stumpfen Ende als sämmtlich vom