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über legte sie ihre Hand auf des Bruders Schulter und sagte ^ sehr eindringlich und ernst: „Sei aufrichtig gegen mich, Wolfgang: hat mau Dich zu dieser Abendgesellschaft eingeladen?" !
Statt aller Antwort schob er einen Haufen von Briefen bei > Seite und reichte ihr eine große, sauber gestochene Karte. >
„Frau von Brenckendorf und der kommandirende General " begann Marie zu lesen, „ich danke Dir, Wolfgang. Es fällt mir ein Stein vom Herzen, denn diese thörichten Vermnthnngen, denen ich doch gegen niemand Ausdruck geben konnte, fingen schon an, mich ernstlich zu beunruhigen. — Aber wenn man Dich so feierlich einladct, warum kommst Dn nicht ein einziges Mal — und ^ wäre es auch nur der Form wegen auf eine Stunde? Ich glaube nicht daran, daß es Dir so ganz unmöglich ist — es sei q denn, Du hättest besondere Gründe -—" !
„Und wenn ich nun wirklich solche besonderen Gründe hätte," unterbrach er sie ruhig, „würdest Dil mir nicht auch ohne weitere Erklärung glauben, daß sie triftig genug seien? Tn und ich, ^ liebe Marie, wir sind ziemlich fertige Menschen, und wir wollen nicht versuchen, einander zu beeinflussen, nicht wahr? Aber nun dürfen wir Väschen Cilly wahrhaftig nicht länger warten lassen, am wenigsten, wenn sie wirklich so reizbar ist, wie Dn sagst."
Cäcilie von Brenckendorf hatte in der That schon sehr oft mit allen Anzeichen großer Ungeduld das Operationszimmer durchwandert, und als nun die Geschwister eintraten, nahm sie eine steife und hoheitsvolle Haltung an, die gar nicht sonderlich, zu ihrer Erscheinung und zu ihrem ganzen Wesen passen wollte. !
„Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrer Errettung und zu Ihrer raschen Wiederherstellung, verehrte Cousine," sagte Wolf- ! gang in feiner angenehmen, ruhig heiteren Weise, „es hätte wahr- ^ hastig ernst genug werden können."
Er hatte ihr nicht die Hand geboten, weil sie die ihrigen ! mit ganz unverkennbarer Absichtlichkeit in ihrem Nmfschen verborgen hatte. !
„Marie sagt mir, daß ich Ihnen zu besonderem Dank ver- ! pflichtet sei," erwiderte sie, „und ich wollte natürlich nicht gehen, ; ohne diesem Dank Ausdruck gegeben zu haben. — Ist es wahr," ! fügte sie, als Wolfgang sich mit stummem Lächeln verbeugt hatte, ! in einem veränderten, natürlicher klingenden Tone hinzu, „daß Sie ^ den Vorfall mit angesehen haben?" j
„Ich stand gerade am Fenster, und ich würde dem armen ; Droschkenkutscher als Entlastungszeuge dienen können, wenn man ! etwa den unglücklichen Gedanken haben sollte, ihn zur Verant- ! wortnng zu ziehen." j
Cilly streifte ihn mit einem raschen, mißtrauischen Blick. !
„So? — Sie find sehr nachsichtig gegen den Menschen, dessen ! Fahrlässigkeit und Ungeschick Ihre Schwester in Lebensgefahr ge- bracht hat — von mir natürlich nicht zu reden! Es mag ja sein, daß auch ein unglücklicher Zufall dabei mitgespielt hat -—" ^
„Gewiß! Der unglückliche Zufall nämlich, daß Seine Durchlaucht der Prinz Lamvral von Waldburg nicht ahnen konnte, wer ; die Insassen jener Droschke waren, die er mit so viel ritterlichem ! Mnthe niederrennen ließ." !
Es war gut, daß das Müffchen seineil Blicken verbarg, wie sich die kleinen Hände darill zu Fäusten ballten.
„Ah, — Sie wollen ihn denunzieren!" sagte Cilly nach einem tiefen Athemzuge.
„Ich muß gestehen, daß mich in der That vorhin ernstlich die Lust dazu anwandelte, denn es giebt eben Fälle, in denen selbst ein halb amerikanisirter Deutscher das lebhafte Verlangen ^ fühlen kann, den Staatsallwalt in Thätigkeit treten zu sehen. § Aber Sie mögen sich beruhigen, liebe Cousine! — Da alles so ? glücklich abgelaufen ist, und da man dem armen Manne hoffentlich ! den erlittenen Schaden ersetzen wird, mag Seine Durchlaucht in ! Frieden auf den Lorbeeru dieses Heldenstückchens ruhen." !
Schmollend hatte Cilly die Lippen geschürzt. Die Gelassenheit, > mit welcher der Zahnarzt ihre verletzende Bemerkung beantwortet j hatte, brachte sie um den letzten Rest ihrer würdevollen Haltung. !
„Ich denke, Sie wissen recht gut, daß es nicht so gemeint ! war," sagte sie, zwischen Zorn und Verlegenheit schwankend. „Ob ^ Prinz Lamvral zur Verantwortung gezogen wird oder nicht, ist ! mir höchst gleichgültig. Nicht all eine Anzeige beim Staatsanwalt ^ dachte ich, sondern daran, daß es Ihnen augenscheinlich großes i Vergnügen bereitet, mir gegenüber recht übel von ihm sprechen I zu dürfen. Es ist ja auch so überaus wohlfeil — und erfordert I
sogar noch weniger persönlichen Muth, als ihn der Prinz soeben ail den Tag gelegt hat."
Wvlfgang lächelte gntmüthig.
„Ich weiß nicht, warum Sie mich in einem so schwarzen Verdacht haben, liebe Cousine; aber wenn es mich in Ihren Augen reinwaschen kann, so erkläre ich gern, daß ich nicht einen Augenblick daran gedacht habe, Seine Durchlaucht ans dem Genllß Ihrer Freundschaft zu verdrängen. Da ich mich gar nicht der Ehre seiner Bekanntschaft erfreue, kann es mir wohl weder Vergnügen noch Mißvergnügen bereiten, von ihm zu sprechen."
Cilly war von neuem sehr roth geworden, und sie wandte sich plötzlich ihrer Base zu.
„Würde es Dir jetzt genehm sein, Marie, daß wir uns auf den Heimweg machen? Man wird sich bereits in Sorge um uns befinden."
Marie, die in wachsendem Erstaunen der kleinen Auseinandersetzung zugehört hatte, erklärte sofort ihre Bereitwilligkeit, und Wolfgang geleitete die beiden jungen Damen artig hinaus. Als sie schon auf dem Treppenflur standen, kehrte sich Cilly noch einmal hastig gegen ihn um:
„Wenn ich Sie verletzt haben sollte, so bitte ich um Entschuldigung, — ich hätte daran denken müssen, daß Sie mich aus einer sehr peinlichen Lage befreit haben! Nehmen Sie dafür noch einmal meinen Dank! — Adieu!"
Ohne ihm Zeit zu einer Antwort zu lassen, eilte sie leichtfüßig über den weichen Teppich der breiten Marmortreppe hinab. Wolfgang aber hielt seine Schwester noch für wenige Augenblicke zurück.
„Dn wirst dafür sorgen, liebe Marie, daß man im Hause des Generals nichts von meiner Einmischung in diese Geschichte und voll Eurem kurzen Aufenthalt in meinem Hause erfährt. Die Gründe dafür ein anderes Mal! Lebe wohl und unterhalte Dich königlich auf Eurem heutigen Feste, voll dem Du mir später ausführlich erzählen mußt."
„Marie!" klang es etwas ungeduldig von unten herauf, und Wolfgang winkte der Zögernden lächelnd, sich zu beeilen.
Natürlich hatte Cilly unter dem frischen Eindruck der Katastrophe wellig Lust, ihr Leben abermals einer Droschke anzuvertrauen, und erklärte, sie könne den jetzt nicht mehr allzu langen Weg recht gut zu Fuß zurücklegen. So lange sie sich in der belebten Straße befanden, gingen sie schweigend neben einander her, als sie aber das Brandenburger Thor durchschritten hatten, konnte Marie sich doch nicht enthalten, zu fragen:
„Es war also wirklich der Wageil des Prinzen von Waldburg, der das Unheil angerichtet hat? Du hast ihn sogleich erkannt?"
Cilly blieb stehen und legte ihre Hand auf den Arm ihrer Begleiterin, daß diese den Druck fast als einen Schmerz empfand.
„Ich bitte Dich, frage mich nicht und sprich nicht mit mir davon! Wahrhaftig, es ist, als ob jeder ein besonderes Vergnügen darin fälide, mich zu quälen."
Ihre Stimme zitterte von verhaltenem Weinen; Marie aber fühlte sich durch dies unbegreifliche Benehmen endlich im Ernst verletzt und enthielt sich jeder Erwiderung. Nach einer weiteren Wanderung von fünf Minuten schien die Tochter des Generals denn auch zur Erkenntniß ihrer Unart gekommen zu sein. Sie schmiegte sich enger an ihre Begleiterin und sah ihr schmeichelnd ins Gesicht.
„Du mußt mir nicht böse sein, mein Herz," bat sie in jenem weichen Kinderton, der ihr in solchen Augenblicken eigen war ulld dem selbst ein wirklicher Groll kaum hätte widerstehen können. „Ich habe in der letzten halben Stunde so viel dummes häßliches Zeug geschwatzt, daß ich mich schäme, wenn ich nur daran denke. Du wirst Mühe haben, mir zu verzeihen, aber Du wirst es thun, nicht wahr? Es wäre schrecklich, wenn ich nun auch noch eine Einbuße an Deiner Freundschaft erleiden sollte."
„Das ist eine unnöthige Besorgniß, meine liebe Cilly! Ich weiß ein in der Aufregung gesprochenes Wort recht gut von einer absichtlichen Kränkung zu unterscheiden. Aber wenn es mir gestattet ist, einen leisen Vorwurf auszusprechen, so meine ich, Du hättest meinen Bruder immerhin etwas freundlicher behandeln können."
Es war doch schon wieder etwas von dem alten Trotz in Cillys Stimme, als sie erwiderte:
„Ich habe mich ja in aller Form bei ihm entschuldigt! Mehr kann ein junges Mädchen einem Herrn gegenüber doch nicht thun!