Heft 
(1890) 21
Seite
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Und bei ihm war es auch etwas anderes als bei Dir! Er­halte die Absicht, mich zu ärgern und mir wehezuthun, als er sogleich von dem Prinzen zu sprechen anfing, und alle seine nachträglichen Versicherungen können mich nicht mehr vom Gegen- Lheil überzeugen."

Aber wie in aller Welt sollte er dazu kommen? Ihr habt Euch, so viel ich weiß, seit seiner Rückkehr ein einziges Mal gesehen, und zu dem Prinzen unterhält er gar keine Beziehungen."

Ich habe auch keine Erklärung dafür," sagte Cilly, sehr- angelegentlich nach der andern Seite blickend,aber zuweilen genügt ja eine einzige Begegnung, um eine unauslöschliche Abneigung zwischen zwei Menschen zu erzeugen. Befindest Du Dich denn nicht Lothar gegenüber in der nämlichen Lage?"

O, da mochte ich doch bitten!" erwiderte Marie mit Leb­haftigkeit.Von einer unauslöschlichen Abneigung ist> auf meiner Seite wenigstens gewiß nicht die Rede. Dein Bruder und ich, wir Haben vielleicht verschiedene Ansichten über manche Dinge und werden uns darin schwerlich jemals verständigen; aber das hindert mich nicht, seine vortrefflichen Eigenschaften rückhaltlos anzuerkennen."

Vergieb, wenn das Beispiel also ein schlecht gewühltes war. Aus Deinem bisherigen Benehmen gegen Lothar konnte ich eine solche Gesinnung ja wirklich nicht errathen. Ich aber habe nun einmal entschieden das Unglück, dem Herrn Zahnarzt zu mißfallen, und es wird mir doch wenigstens gestattet sein, mich gegen seine Spöttereien zu wehren. Uebrigens- wir sind ja gleich zu Haus habe ich noch eine große, eine sehr- große Bitte auf dem Herzen! Du mußt mir im voraus versprechen, daß Du sie erfüllen wirst, und zwar ohne Wenn und Aber!"

Da Du gewiß nichts Unmögliches verlangen wirst, sei dies Versprechen hiermit geleistet."

Du darfst weder meinen Eltern noch meinen Brüdern oder sonst jemand, der in unseren! Hause verkehrt, ein Sterbenswörtchen von dem Vorgefallenen erzählen. Am Ende haben wir ja auch nicht einmal eine so glänzende Rolle dabei gespielt, daß uns an dem nachträglichen Erschrecken der Mama oder an den unvermeidlichen Neckereien Engelberts etwas gelegen sein könnte."

Das war also der nämliche Wunsch, welchen! vorhin schon Wolsgang Ausdruck gegeben hatte. Marie vermochte ihr Erstaunen über diese seltsame Uebereinstimmung nicht ganz zu verbergen.

Ihr bringt mich fast zu dem Glauben, daß wir ein sträfliches Unrecht begingen, als wir uns umwersen ließen," sagte sie. Könntest Du es mir übelnehmen, Cilly, wenn ich zu erfahren wünschte, welches Deine eigentlichen Beweggründe für dies Heimlichthun sind?"

Ich will mich nicht anslachen lassen! Ist das noch nicht Grund genug? Und wenn ich nun wirklich noch eine andere Ursache hätte, würde es Dir schwer fallen, mir das kleine Opfer zu bringen?" K

Gewiß nicht! Bermuthlich geschieht es aus Rücksicht für den Prinzen Lamoral, daß Du Deinen Eltern die Heldenthat seines Kutschers verbergen willst."

Nur zwei Häuser trennten sie von der Villa des Generals. Cilly verlangsamte ihren Schritt, und indem sie das Köpfchen stolz' erhob, sagte sie mit einem lebhaften Aufsprühen in den dunkeln Augen: ,^Ja da Du es denn doch schon erratheu hast! Es geschieht zum guten Theil auch um seinetwillen! Aber ich bitte Dich, daraus keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Heute abend wirst Du erfahren, wie es gemeint war."

Sie traten in das Haus und konnten sich aus der Begrüßung, die ihnen zu theil wurde, leicht überzeugen, daß man ihretwegen ganz ohne Sorge gewesen war. Cilly bekundete im Kreise der Ihrigen sogleich eine Heiterkeit, welcher niemand anmerkte, daß sie nicht ganz natürlich war, und Marie, hielt gewissenhaft das gegebene Versprechen. Keiner im Hause des Generals ahnte etwas von der Lebensgefahr, welcher sie kaum entronnen waren, und von dem. unfreiwilligen Besuche, welchen Cilly dem Operations­zimmer ihres zahnärztlichen Vetters abgestattet hatte.

Der reich geschmückte Festsaal der Billa und die behaglichen Räume, welche sich unmittelbar an denselben anschlossen, wurden aus Gäskronen, Wandleuchtern und Kandelabern bereits mit einem Meer von Licht überfluthet; aber von den erwarteten Güsten war

noch keiner vorgesahren. Bis auf die Generalin, die schon seit geraumer Zeit in einem moosgrünen Sammetkleide mit unendlicher Schleppe umherrauschte, um die Anordnungen an den Büffetts wieder und wieder mit Kennerblicken zu prüfen und hier und da ^ einige auf die leiblichen Bedürfnisse der Gäste bezügliche Anweisungen ! zu ertheilen, und bis auf den Assessor, der in seinem Arbeits­zimmer über einem Aktenbündel saß, als hätte er von den festlichen j Vorbereitungen in seinem Elternhause überhaupt keine Ahnung - - befanden sich sämmtliche Mitglieder der Familie noch in ihren Zimmern, mit ihren! Anzug beschäftigt.

Cilly war bei ihren Angehörigen ein wenig dafür verrufen,

, daß sie mit den! wichtigen Geschäft des Ankleidens trotz aller - Hilfe der Zofe niemals rechtzeitig fertig werden könne. Sie ^ hatte um dieser leidigen Gewohnheit willen schon unzählige Neckereien Engelberts über sich ergehen lassen müssen, und vielleicht ^ nur, um ihr für den heutigen Tag eine Wiederholung derselben > nach Möglichkeit zu ersparen, beeilte Marie ihrer! eigenen Anzug ! so sehr, daß sie noch Zeit genug behielt, auch ihrer Base Beistand zu leisten. Sie selber hatte jede Hilfe abgelehnt, ja, sie hatte trotz alles Zuredens nicht einmal die weitberühmten Frisirkünste vor! Cillys Jungfer in Anspruch genominen, da sie ihr prächtiges Haar durchaus nicht anders zu tragen wünschte als an jedem ! sonstigen Tage. Und ein Blick in den Spiegel konnte sie belehren, daß sie recht daran gethan hatte. Die einfache Anordnung der ! dicken, lichtblonden Zöpfe, in denen einige frische Blumen als einziger Schmuck befestigt waren, stand ihr ohne Zweifel ungleich lieblicher zu Gesicht als irgend ein kunstreicher Aufbau, wie ihn die an der Seine geschulte Phantasie der Mademoiselle Cheriette zu erfinden liebte. Und dieselbe anmuthige Einfachheit hatte sie auch in Bezug aus all ihren sonstigen Festschmuck walten lassen. Ein weißes Kleid von schlichtem Faltenwurf, durch eine zarte, schön gezeichnete Stickerei belebt und hier und da mit einer kleinen, duftigen Ranke lebendiger Blumen verziert, überließ den edlen Linier! und den weichen Formen ihrer vollkommen ebenmäßigen Gestalt den wesentlich größten Theil der Aufgabe, sich im Wett streit mit den weiblichen Schönheiten, die man heute erwarten durste, zu behaupten.

Von kindlicher Freude über das liebliche Bild erfüllt, das ihr der hohe Ankleidespiegel zurückgeworfen hatte, verlieh Marie ihr Stübchen, um sich zu dem in demselben Stockwerk gelegenen Zimmer ihrer Base zu begeben. Sie hatte nur den langen Gang zu durchschreiten, um dahin zu gelangen, und sie war so wenig darauf gefaßt gewesen, anderen Personen als etwa einen! der Dienstboten zu begegnen, daß ihr ein Ausruf der Ueberraschnng entschlüpfte, als sie plötzlich Engelberts schlanke Gestalt wie ans ^ dem Boden gewachsen vor sich stehen sah.

Auch er erschien in seinem Paradeanzuge stattlicher, glänzender ^ und siegesgewisser als je, und obwohl Marie während der letzten Stunden gar nicht an ihn gedacht hatte, war es ihr doch nun mit einem Mal, als ob sie sich nur für ihn geschmückt Hütte und als ob eine Aeußerung des Wohlgefallens ans seinem Munde ihr Lohns genug wäre. Und sie brauchte nicht lange auf eine solche Aeußerung zu warten. Nachdem Engelbert sie eine Sekunde lang mit brennenden Blicken betrachtet hatte, beugte er sich plötzlich nieder und preßte seine Lippen leidenschaftlich heiß aus ihren schönen Arm.

Marie meine Herzenskönigin!" flüsterte er.Du weißt nicht, Mädchen, wie berauschend schön Du bist!"

Das Lob war unzweideutig; aber es war vielleicht anders, als Marie es ersehnt und erwartet hatte. Sie wich zurück uud legte die Hände auf den Rücken, als ob sie damit eine Wieder­holung der stürmischen Liebkosung verhindern wollte.

Tu bist unartig, Engelbert," sagte sie schmollend.Würdest Tu gegeu eine andere junge Dame Eurer Gesellschaft etwas der­artiges wagen?"

Aber der Dragoneroffizier ließ sich jetzt nicht mehr so leicht aus der Fassung bringen wie damals im Gewächshanse nach dein ersten Mittagessen. Seinen martialischen Schnurrbart zwischen den Fingerspitzen wirbelnd, sagte er mit dem zuversichtlichen Lächeln eines Mannes, der nicht einen Augenblick an die Ernst' Hastigkeit des ihm ertheilten Verweises glaubt:

Gewiß, mein Herz vorausgesetzt natürlich, daß ich ihr so gut wäre wie Dir! Und nur, weil diese Voraussetzung in das Gebiet der unmöglichen Dinge gehört"