Heft 
(1890) 21
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schlesischen Hauptkamme eingeschlossen, in welchen letzteren die als dieSieben Gründe" bezeichnten Thäler eindringen, deren Wasser zum Theil der Elbe und zum Theil dem Weihwasser zugeht.

Wer nach Spindelmühl, dessen älterer Theil St. Peter- genannt wird, gelangen will, den führt der Weg durch diesen stillen, schattigen Grund. Die beiden Orte an der Stelle, wo das Klausenwasser in die Elbe mündet, sind der Glanzpunkt auf der böhmischen Seite des Riesengebirges und, wie bekannt, all­jährlich von einer wimmelnden Anzahl von Sommerfrischlern be­sucht. Eingeschlossen vom Ziegenrücken, Planur und Ausläufern des Krokvnosch, mit ihren zum Theil sehr hübschen Häusern sich an saftigen Wiesenmatten hinziehend, liegen sie da wie ein ent­zückendes Idyll, ein friedliches Eden, in das kein mißtönender Laut von dem wirren Getriebe der Welt dringt und nur schwer nimmt der Wanderer, der es mit seinen Augen geschaut, voll seinem wunderbaren Frieden gekostet hat, wieder Abschied von ihm.

Vom Elbfalle zurückkehrend, überrascht mich ein Unwetter, das Rübezahl, dasneckrige Gespenst", wie ihn die Leute nennen, beschert hat. Der Donner rasselt über meinem Haupte, der Blitz macht die Berge leuchten mit elektrischem Lichte, der Sturm durch­jagt sie in wüthender Eile, die Regentropfen wie kleine spitze Nadeln in mein Gesicht treibend, und ich bin froh, in der Gruben­baude eine gastliche Herberge für die Nacht zu finden.

Noch heult und pfeift er, der unwirsche Sturm, als wollte er mir gruselig machen, wie ich schon schlafensmüd' mich nieder­gelegt habe. Glücklicherweise schwimmt am frühen Morgen die ganze Bergnatur in eitel Glanz und Sonnenschein, und mit frischem Muth in der Brust und neuer Kraft in den Beinen wandere ich, mir den Hut mit einem blühenden Habmichlieb schmückend, über das Hohe Rad und die Große Sturmhaube, an den Gruppen der Manns- und Mädelsteine vorbei nach der geräumigen, neu eingerichteten Petersbaude und von da nach der Mädelwiese, von deren Einsattelung der schlesische Kamm in zwei Flügel getheilt wird. Versehen mit einem kräftigen Imbiß aus der Spindlerbaude, in welcher man die alte Eigenart des Bandenwesens noch ganz unverfälscht vorfindet, steige ich über die öde Kleine Sturmhaube, oft in die lachende Ebene des Thales schauend, nach dem Mittagssteine zu, einer wunderlich geformten, an der einen Seite einem angelehnten Menschen ähnlichen Fels­masse, um endlich bei dem Gegenstück der Schneegruben, den Teichen, ersehnte und wohlverdiente Rast zu halten.

Eine böse Strecke Weges habe ich hinter mir, erschöpft und schweißtriefend verlange ich nach Erfrischung, und mit Freuden begrüße ich das tüchtige neue Gasthaus, die Prinz-Heinrich- Baude, bei der unser Prinz gleichen Namens Pathe gestanden hat. Ein stattlicher, von Meister Kahl vortrefflich ausgeführter Bau, der nur mit unsäglichen Mühen und Beschwerden unter Dach zu bringen war, steht es an einem der wundervollsten Punkte, an dem Rande des Kessels, von welchem man auf den Wasserspiegel des Großen Teiches hinabsieht.

Daß es da steht, daß man in seinen schönen, stilvollen, mit Bildern und Kunstwerken gezierten, selbst mit einem Pianino ver­sehenen Räumen Einkehr halten kann, verdanken wir dem Riesen- gebirgsverein, der sich schon so unendliche Verdienste um unser schlesisches Hochgebirge erworben und den Natursinn, das Natur­gefühl in immer weiteren Kreisen geweckt und gepflegt hat. Vor allen anderen aber verdanken wir es einem überaus thatkräftigen Manne, dem I)r. Baer in Hirschberg, der unerschütterlich blieb, wenn sich auch der Unternehmung thurmhohe Schwierigkeiten ent­gegenstellten, und immer wieder das Feuer des Eifers anfachte, wenn es schier in Asche begraben schien. Ihm bringe ich einen herzhaften Schluck aus meinem Glase, mit ihm singend:

Unten brüten Sorgen,

Oben sind geborgen

Wir vor aller Erdennoth und Onal

Unten schrei'n die Spötter,

Oben laden Götter

Uns zu ihrem hohen Frendenmahl.

Unten wohnt das Grauen,

Oben dürfen schauen

Wir, soweit der Horizont sich spannt -

Drum in allen Jahren

Laßt zu Berg uns fahren

In dem lieben, schönen Schlesierland!"

Doch nun zu den Teichen! Wie die Schneegruben sind auch sie zwei so erhabene Naturbilder, daß sie all unsere Gedankön zu lebhaftester Bewunderung Hinreißen. Namentlich am Großen Teiche, vom Volke derSchwarze See" genannt, ist das der Fall. Starr, unheimlich, unbeweglich, in finsterem Schweigeil schaut er zu uns herauf aus seiner voll hohen Steinwänden und übereinandergeschichteten Trümmern umschlossenen Vertiefung. Wir meinen, in seinem Wasser könne kein Wesen gedeihen. Und doch regt sich auch in ihm, wie I)r. Zacharias bewiesen hat, ein Ge­wimmel von Geschöpfen, kleinen Krebsen, Würmern, Käfern und Alpensalamandern.

Der Kleine Teich, über dessen Wände wie über die des Großeil Teiches nicht selten eine Lawine hinabdonnert, hat ein ganz anderes Gepräge als dieser. Schon seine nächste Umgebung ist viel anmnthender durch die frische Wiese, die um die Teichbaude sich ausdehnt. Sodann blickt dieses Bergauge nicht so eisig starr, so finster zu uns auf wie der todtöde Große Teich; im Gegen- theil, es ist reges Leben in diesem Wasser, es bewegt sich, es bildet Welten, lind wenn die Sonne freundlich darauf scheint wie hellt, so können wir die flinksten aller Fische, die Forellen, sich munter iil ihm tummeln sehen. Der Kessel des Teiches ist an der einen Seite offen und gestattet dem Wasser einen Abzug, welcher mit dem aus dem nachbarlichen See vereinigt nachher die Große Lomnitz, im VolksmundeLunze" genannt, bildet. Die Länge des Kleinen Teiches beträgt 240, seine Breite 150 Meter, während der Große Teich eine Länge von 550 und eine Breite von 160 Metern hat.

Ich setze den Wanderstab weiter, noch ganz von dem tiefeil Eindruck befangen, den ich gehabt, und gelange endlich auf den Koppenplau, eine feuchte sumpfige Hochebene, auf der das Knieholz, das nur leider stark allsgerottet wird, vortrefflich gedeiht.

Ich pflücke wie fast alle Koppenwanderer Intzinono nlpiiui, nach ihren langhaarigen FrüchteilTeufelsbart" genannt, stecke mir auch einen Veilchenstein in die Tasche und schaue mir die Koppe, die sich wie eine kahle, riesenhafte Pyramide vor mir erhebt, erst einmal gründlich von unten an. Dann rüste ich mich zum Aufstieg, nachdem ich noch kurze Rast iil der freundlich ein­ladenden Riesenbaude gehalten habe. Der Herr der Berge scheint nicht bei bester Laune; unten im Melzergrunde hat er einen Sturm losgelassen, der das ohnehin beschwerliche Klimmen nach dem Ziele noch beschwerlicher macht. Ich stemme mich, soviel ich kann, gegen seinen brausenden Anprall, den Blick zur Kräftigung meinem Willens immer auf das mächtig lockende Koppenhaus gerichtet, des über dem nach ihm emporführenden Zickzackwege in 1601 Meter Meereshöhe sich erhebt. Endlich habe ich's, mit über das Gesicht rieselndem Schweiß, trotz der mich umwehenden, keineswegs mai­lauen Luft, erreicht! Lustiges Musikantenvolk, das sich da oben eingenistet hat mit einer ebenso luftigen, bunt zusammengewürfelten Gesellschaft, empfängt mich mit einer Millöckerschen Operetten­melodie und frischt mir den Humor, der schon bedenklich zu er­müden begann, wieder auf -- selbstverständlich iil Verbindung und unter Mithilfe eines guten Tropfens. Ich bin so glücklich, ein Bett für die Nacht zu erobern; aber von Schlafen ist nicht viel die Rede. Das junge Volk in dem Hospiz, in dem ich übrigens auch den unvermeidlichen Skat spielen sah, schwingt, wer weiß wie lange, das Tanzbein. Frühzeitig schon ruft mich Glockenschall aus den Federn. Die Sonne geht auf! Ich bin einer von den wenigen Glücklichen, denen es vergönnt ist, zu schauen, wie das Licht des königlicheil Tagesgestirnes voll der Koppe nieder rosig von Berg zu Berg gleitet und dann in die Thäler hineinleuchtet, ein so über alle Beschreibung schöner, großer, wunderbarer Vor­gang, daß sich kaum etwas mit ihm vergleichen läßt.

Wie gebannt stand ich ihm gegenüber und wie ich über die Berge yinsah, über diese stille, einsame Welt, in der die Seele sich, um mit der Königin Luise zu reden, Gott näher fühlt, da grüßt' ich begeistert mein herrliches, schlesisches Land!

Allmählich kam die Zeit zum Abstieg. Noch einmal ließ ich an der kleinen, runden Laurentiuskapelle mein Auge umher­schweifen weit ill die Ferne, dann nahm ich Abschied von der erhaben thronenden Koppe, um noch einen Abstecher nach dem Riesengrunde, der vielleicht die großartigste Partie der Sudeten bildet, zu machen. Wenn ein Maler ihn durchwandert, muß er in Wonne schwelgen; denn soviel fesselnde Vorwürfe zu wirkungs­vollen Bildern findet er nicht bald wieder beisammen.