Heft 
(1890) 21
Seite
351
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In verwirrendem Wechsel hat die bildende Hand der Natur in diesem Grunde von dem unser Künstler als überaus lauschigen Punkt den an der Berg sch miede festgehalten hat das Erhabene mit dem Lieblichen, das Düstere mit dem Heitern, das Farben­üppige mit dem Farbenstumpfen, das Todte, Oede mit sprudelnder Lebensfrische zu einer phantastischen Dichtung verschmolzen. Das kann man nicht schildern, mit keiner Feder, das muß man sehen!

Meinen Heimweg nehme ich über die Hampelbaude nach Krummhübel, durch die Gegenden, welche den Lesern derGarten­laube" ja aus den meisterhaften Schilderungen Fontanes in seinen: RomanQuitt" noch wohl vertraut sind. Auf diesem Wege berühre ich einen wundervollen Punkt, den ich mit ein Paar Zeilen noch er­wähnen muß. Ich meine das Kirchlein Wang, das die Gemeinde Brückenberg dem kunstsinnigen Könige Friedrich Wilhelm IV. ver­

dankt. Gar traulich grüßt es mit seinem abseits stehenden Glocken­thurm von Bergeshölst herunter, äußerlich wie innerlich mit einer Menge alterthümlicher Schnitzereien geziert. Die Lage des kleinen hölzernen Gotteshauses, das ursprünglich in Norwegen gestanden hat, ist eine ungemein anmuthige, zu träumerischer Rast unwill­kürlich einladende.

Ich steige hinab nach Krummhübel. Das Dorf, wo einst die Laboranten ihre Heilsäfte bereitet haben, liegt bezaubernd schön in einem tief eingeschnittenen Thale des Kammes, an der Großen Lomnitz, in deren Bett eine wahre Steinwüste sich auf- gethürmt hat. Hier, in dieser gemüthlichen Sommerfrische, raste ich, im Angesicht der Koppe, und danke dem freundlichen Leser, daß er mich auf meiner Geist und Gemüth erfrischenden Bergfahrt bis hierher begleitet hat.

Der Ufingstlotter.

Eine Sichre ans dem steirischen Volksleben von K. Wcfteggev.

(Zu dem Bilde Seite 333.)

arum sie sich doch gar so feind waren, die zwei jungen Leute! Sie lebten nicht beisammen, sie waren nicht miteinander verwandt, sie hatten miteinander nichts zu thur:, sie waren sich ganz fremd, ja mit­einander nicht einmal verheirathet und doch die große Feindseligkeit! Er war der Jungbauer des Zeiselhofes und ging sie nichts an; sie war Wiesendirn beim Teutbaner und ging ihn nichts an. Daß beide jung, sauber und frisch, ist denn das eitle Ursach, sich spinnefeind zu sein?

Ter Zeiselhof und das Teutbauernhaus lagen weit voneinander ab, es zog sich zwischen beiden eine tiefe Schlucht, in welcher Dornstrüucher wuchsen, gleichsam, als wollte die Natur selbst mit scharfen Ruthen winken: Jnngleute! bleibt euch einander vom Leibe! Doch an: Sonntage kanten die Leute zusammen auf dem Dorfplatze und in der Kirche und da war der Teufel los.

Das einemal drängte der Gregel, der Zeiselsohn, sich wie zufällig an der Susi, der Teutbäuerischen, vorüber und trat ihr wie zufällig auf die Zehen.Auweh!" fühlte sie,Auweh!" dachte sie, aberAuweh!" schrie sie nicht. Wart' nur, mein lieber Gregel, es kommt der zahlende Tag! Einstweilen hing sie ihm Spottnamen an, und das sei ein jämmerlicher Zwerg, der den armen Mädeln auf die Zehen steigen müsse, um in die Welt gucken zu können. Ein anderes Mal versetzte er ihr einen gelinden Ellbogenstoß, der zwar nicht wehthat und doch wieder wehthat, weil er höchstwahrscheinlich in der Absicht gegeben war, daß er wehethun sollte. Im Gedränge erwischte sie seinen Hut, that heimlich die Hahnenfeder herab und steckte dafür eine Brettnessel hinauf. Der Gregel sah die Missethäterin nicht, ahnte sie aber, und bei einer nächsten Gelegenheit steckte er ihr eine handvoll Sägespäne am Nacken hinter das Kleid hinab.

Zeiselbua! Zeiselbua!" schrie sie ihn: zornglühend ins Gesicht. Zeiselbua! Zeiselbua! hallte es noch lange nach in ihrem bitteren Herzen. Und auf einmal wurde in der Gegend folgendes Liedchen gesungen:

Zeiselbua! Zeiselbua!

Zeiselbua Gregel!

Er spannt drei Paar Ochsen zsarnrr:',

Fahrt um zwei Vögel!"

Und wie nach solchen Tücken und Torten ihre Blicke sich begegneten! Herrgotts Kreuz! War das eilt Feuer in den Augen! Wenn das nicht gut bewacht wird, wenn es jählings losbricht...!

Einmal war im Sternstammhofe ein Brechelfest. Volt der Nachbar­schaft waren die jungen Leute zusammengeladen worden zum Flacks- brechelr: und zu einem Tanz am Abende. Vor dem Tanz war eine Mahlzeit, bei welcher Weinbeersterz aufgetragen wurde. Die Wiesen­dirne Susi war auch anwesend und der Zeiselhofer Gregel war ebenfalls vorhanden, und der Gregel wußte, daß die Susel den Weinbeersterz so gern esse. Vor dem Essen entwendete er ihr den Blechlöffel, feilte ihn heimlich am Halse zum größten Theile durch, und als sie nachher ihren Löffel zur Hand nahm und harmlos mit demselben in die Weinbeer- sterzschüssel fuhr, hatte sie auf einmal nur den Stiel in der Hand und die Schaufel stak losgebrocknm im Sterz. Das Gelächter war erschütternd, die Tischnachbarn wollten sie entschädigen und ihr mit den eigenen Löffeln Sterz in den Mund führen. Die Susi aber sagte trotzig, sie könnte sich schon selber ernähren, nahm einen andern Löffel, that, als kümmerte sie sich nicht um den Spott, der ihren Schaden begleitete, tapfer drauf los und dachte:Weiß es recht gut, wer rnir's gethan hat. Wir wollen schon einmal abrechnen, falsches Bübel!"

Nicht lange hernach war Kirchweih. Der Gregel stand in Hemd- ürmeln, denn so einen: Burschen ist immer warm, vor einer Bude und feilschte um eine Tabakspfeife; das Rauchen thut ihn: zwar nicht gut, aber endlich wird es doch gelernt werden müssen, sonst glauben die Weibs­bilder, er könne nichts vertragen. Das Gedränge war groß, und als der Bursche sich aus demselben hervorgewunden hatte, um ins Wirthshaus zu gehen, merkte er auf einmal, daß ihm sein Beinkleid niederwärts rutschte. Waren ihm unversehens die Hosenträger abgezwickt worden, und nun mußte er zum Gaudium der Leute das flüchtige Kleidungsstück mit den Händen halten, bis die Wirthin ihm mit frischen Banden zu Hilfe kam.

Ter Gregel ahnte den Feind sofort. Und zun: Ueberfluß rief ein Kamerad:Tu, das schaut der Teutbauerndirn gleich! Willst Du Dir das gefallen lassen? Der wollen wir aber doch auch einmal etwas anthun, komm!"

Was geht Dich die Teutbauerndirn au!" brauste der Gregel auf. Mit funkelnden: Auge und mit geballten Fäusten stand er vor den: unter­nehmungslustigen Kameraden, daß dieser schwieg und sich verzog.

Wenige Monate später war Nikoläusabend. Als die Susi in ihre Kammer ging und sich ins Bett legte, that sie eine,: Schreckruf. In: Bette raschelte es, Knoten und Knollen rollten durcheinander, und bei Lichte zeigte sich's, das Bett war voller Nüsse. Jetzt, das war eigentlich kein Unglück, Nüsse naschen, das that sie gerne, und den Nikolo,' der ihr sie gebracht hatte, glaubte sie auch zn erratheu. Sie untersuchte nur noch die Kammer, ob sich am Ende nicht auch etwas anderes vorfiude gottlob, das war nicht. Auch vor ihren: Dachfenster keine Leiter. Sie verschloß sorgfältig die Thür, begann Nüsse zu knuspern und schmiedete Rachepläne gegen den muthwilligen Störer ihrer nächtlicheil Ruhe.

Die Leser bangen wohl nicht mit Unrecht davor, daß aus solchem Ver­hältnisse sich allmählich eine förmliche Blutrache herausbilden werde. Und in der That, die Susi wie der Gregel hattei: kann: mehr einen andern Gedanken als den, was sie einander zufügen könnten. Den Winter über war wenig Gelegenheit, nur daß bei den: Faschingball der Gregel die Susi auf der Bank sitzen ließ und mit einem alten Weibe tanzte. Dafür schickte sie ihn: nachher ein schön rothgefärbtes Osterei, dessen Inhalt aber schlotterte, weil es von: vorigen Jahr war. An: ersten Mai schickte ihr der Gregel einen großer: Maibuschei:; aber anstatt Bänder und Blumen waren dürre Befer: dran.

Nur: kamen die Pfingsten. Und da giebt es in: Lande einer: wunder­lichen Brauch. Wer am Pfingstmorger: der: Sonnenaufgang verschläft, den: setzen die Dirndeln einen Strohkrarrz aufs Haupt und rufen ihn als Pfingstkönig" oderPfingstlucken" oderPfingstnudel" aus.

Die Susi, der keine Schwäche ihres Feindes entging, wußte auch, daß der Gregel an Sonn- und Feiertagen, wenn er sein eigener Herr war, gerne ein Stündchen über die Zeit in: Bette duselte, um sich zu ent­schädigen für das Frühaufsteher: ar: Werktage!:. Also blieb die Susi in der Pfingstnacht wach und flocht einen schöner: Strohkranz. Und als er fertig war, rief sie mehrere Genossinnen zusammen und ging mit ihnen in: Morgengrauen hinüber zurr: Zeiselhof. Eiue Dienstmagd dieses Hofes übte Hochverrat!), und sie schlichen sich vorsichtig ir: das Gelaß, ir: welchen: der Gregel tatsächlich noch süß schlief. Ganz'sachte, sachte legte sie ihn: der: Strohkranz aufs Haupt und befestigte ihr: noch mit einen: Bündchen. Dann zog die Susi eine Schere hervor und schnitt dein schlummernden Burschen der: Schnurrbart weg, aber nur auf der einen Seite, auf der andern ließ sie ihr: stehen.

Als solches vollbracht war, schlichen sie kichernd wieder davon. Und als sie vor den: Hause standen und die Sonne emporstieg über der: wald- zackigen Bergen, Huber: sie an zu rufen:Pfingstlucken! Pfingstlucken!" Und um die Wette mit ihnen schriee::, sangen die Vögel ir: der: blühender: Kirschbäumei: und auf der: Giebel:: des Hofes.

Jetzt erwachte der Gregel. Er richtete sich auf, da gewahrte er den Strohkranz; der: riß er rasch vom Haupte, und sein erster Gedanke war: Das hat sie nur gethan!" Wollte trotzig der: Schnurrbart spitzer: und fand nur mehr die eine Hälfte.Susi, Snsi, diese Ernte wird Dir theuer zu stehen kommen!" Er schnitt sich die andere Hälfte seiner Manneszier weg, zog sein Feiertagsgewand au, ging ir: die Kirche und that, als ob nichts geschehen wäre.

Unter ^ solcher: und ähnlicher: Begebenheiten verging die Zeit. Der Zeiselhofersohr: aber hegte unheimliche Pläne. Was geschieht, wenn am Pfingstsonntage der Knab' zr: lange schläft, das Haber: wir gesehen. Wie aber, wenn das Dirndl den Sonnenaufgang verduselt ir: seinen Kissen? Giebt es dafür kein Gericht? O ja, ein noch viel strengeres. Uralter Brauch in der Gegend ist folgender: wenn an: Pfingstsonntage das Dirndel der: Sonnenaufgang verschläft, so kommen die Nachbarsburschen mit einer aus Stroh und Lapper: Hergestelltei: Puppe, die einen: zerfetzter: Vaga Kunden ähnlich sieht und lebensgroß ist. Diese Gestalt, derPfingst­lotter" genannt (Lotter bedeutet auch so viel als wilder Liebhaber), hängen sie vor den: Fenster der Langschläferin ar: einer: Baurnast zun: ewigen Spotte. Denn heilig ist die Morgenstunde der Pfingsten, sie ist voller Herrlichkeit und voller himmlischer Gnaden kein Sterblicher sollte sie verschlafen! Und wer sie verschläft, für der: hat das Volk Hohn und Spott, und der Gregel ergreift freudig diese Sitte, um ar: seiner so bösartiger: Gegnerin die Schmach des StrohkrauzeS zu rächen.