Im 2. Jahrhundert v. Chr. trat in Indien Patanjali mit einer Lehre auf, welche die Bekenner des Brahma zu einer besonderen Art von Gottesdienst aufforderte. Die Inder, welche an die Seelenwanderung glaubten, fürchteten die Wiedergeburt, da diese einer Strafe gleich galt; denn nur der Sünder, dessen Seele nicht zur Gottheit, zu der Weltseele zurückkehren durfte, mußte noch einmal die Wanderung durch das Pflanzen- und Thierreich antreten. Der Eingang in Brahmas Schoß konnte aber nur durch den gänzlichen Sieg des Geistigen über die Materie, durch die Erstickung aller sinnlichen Triebe und Leidenschaften erworben werden. Darum wurden auch von den Brah- manen die härtesten Bußübungen erdacht, darum heißt es in ihren Lehren: „Wer einem Blinden gleich nicht sieht, einem Tauben gleich nicht hört, dem Holze gleich ohne Empfindung ist, von dem wisse, daß er die Ruhe erreicht hat." Die Askese der Inder gipfelte schließlich in dem religiösen Selbstmord; in den Fluthen des Ganges oder unter den Rädern des Götterwagens suchten die Frommen ihr Heil.
Patanjali erklärte nun diese strengen Bußübungen als thörichten Wahn und stellte die Lehre von der „Joga" auf. „Joga" bedeutet Vertiefung, Versenkung in das höchste Wesen durch die Kraft des Nachsinnens. Dieses mußte aber auf eine besondere Art ausgeführt werden. „Der sich der Vertiefung Widmende," schreibt Humboldt, „soll in einer menschenfernen reinen Gegend einen einsamen, nicht zu hohen und nicht zu niedrigen, mit Thierfellen und Opfergras bedeckten Sitz haben, Hals und Nacken unbewegt, den Körper im Gleichgewicht halten, den Odem hoch in das Haupt zurückziehen und gleichmäßig durch die Nasenlöcher aus- und einhauchen, nirgends umherblicken, seine Augen gegen die Mitte der Augenbrauen und die Spitze der Nase richten und den geheimnißvollen Namen der Gottheit ,On:Ü aussprechen."
Dann kommt Ruhe über ihn; dann schwindet ihm das Bewußtsein und das Gefühl, und seine Seele kehrt zu Brahma zurück.
Unser Jahrhundert, welches in so vielen Besessenen früherer Zeiten Geistes- und Nervenkranke erkannte, versteht auch die Folgen der Uoga zu deuten. Diese Andachtsübung muß den Uogin in einen ähnlichen Zustand versetzen, in welchen so viele von uns verfallen, wenn sie einen blitzenden Knopf unverwandt anseheu, in den selt-
! samen Zustand, der nicht Wachen und nicht Schlaf ist, aber mit ! dem letzteren so viel Aehnlichkeit besitzt, daß er mit dem Namen „Hypnose" (vom griechischen Worte Hypnos: der Schlaf) bezeichnet wird. Und in der That zeitigte die Nogalehre in Indien allerlei Blüthen des Hypnotismus, die selbst die Leistungen unserer nach Aufsehen ringenden Magier und Hypnotiseure übersteigen.
Im Dabistan, einem persischen Werke über die Religions- - selten in Indien, heißt es an einer Stelle:
„Bei den Nogins findet man den Gebrauch, sich lebendig begraben zu lassen, wenn eine Krankheit sie befällt. Sie gewöhnen sich, mit offenen Augen den Blick starr auf die Mitte der Augenbrauen zu richten, bis ihnen die Gestalt eines Mannes erscheint; erscheint dieselbe ohne Hand, Fuß oder sonst ein Glied, so berechnen sie daraus, innerhalb wie vieler Jahre, Monate oder Tage ihr Leben zu Ende gehen werde. Sehen sie die Gestalt ohne Kopf, so wissen sie, daß ihnen nur noch ein sehr kurzes Leben beschieden ist, .und dann lassen sie sich lebendig begraben."
Dieses geschah nun in der Weise, daß die Büßer durch Unterdrückung der Athmung und Fixiren der Geistesthätigkeit sich in einen dem Winterschlafe der Thiere oder der kataleptischen Starre ähnlichen Zustand versetzten. Die fanatischen Uogins betreiben dies noch in unserer Zeit gewissermaßen als Gewerbe, indem sie sich gegen Belohnung zur Buße für andere lebendig begraben lassen, um nach einigen Tagen oder sogar Wochen wieder ausgegraben zu werden und ins Leben zurückzukehren. Diese Fälle, welche Braid zuerst gesammelt und zu deuten versucht hat, sind so bekannt, daß ein ausführliches Eingehen auf dieselben überflüssig erscheint. Sie lehren uns aber, daß der unnatürliche Schlaf schon in ältesten Zeiten den Menschen bekannt war, daß er ihnen Veranlassung zu Sagen- und Mythenbildnng gab, daß er in den Dienst der Gottesandacht gestellt winde, weil er wie alles Ungewöhnliche räthselhaft und darum überirdischen Ursprungs ! zu sein schien.
Während aber die Dichter den Stoff verarbeiteten und die Legenden in ein poetisches Gewand kleideten, wie dies noch Goethe ! in seinem West-östlichen Divan gethan hat, kam allmählich die Zeit,
^ wo auch die Wissenschaft sich mit der Erscheinung des unnatür- ^ lichen Schlafes näher befassen sollte.
(Fortsetzung.)
Itaminenzeichen.
Roman von G. Wevrrev.
Alle Rechte Vorbehalten.
as hätte ich mir wirklich nicht träumen lassen, Ihnen hier zu begegnen, Durchlaucht," sagte Schönau. „Es hieß ja, Sie würdet: in diesen: Sommer gar nicht nach Rodeck kommen, und Stadinger, den ich vorgestern sprach, wußte noch keine Silbe von Ihrer bevorstehenden Ankunft."
„Stadinger hat auch Ach und Weh geschrieen, als ich ihm so unvermuthet in das Haus fiel," versetzte der junge Fürst. „Es fehlte nicht viel, so hätte er mich aus meinem eigenen Schlosse hinausgeworfen, weil ich meinem Telegramm auf dem Fuße folgte und noch nichts in Ordnung war. Aber die Hitze in Ostende wurde nachgerade unerträglich, ich hielt es nicht mehr aus an dem sonnendurchglühten Strande und bekam eine unwiderstehliche Sehnsucht nach meinem kühlen, stillen Waldschlößchen — Gott sei Dank, daß ich der Hitze und dem Lärm dieses Badelebens entronnen bin!"
Seine Durchlaucht geruhte, in diesem Falle nicht die Wahrheit zu sagen. Fürst Egon war schleunigst vom Strande der Nordsee herbeigeeilt, um einer gewissen „Nachbarschaft" theilhaftig zu werden, von der er zufällig erfahren. Stadinger hatte bei einen: Bericht, in welchem er um Erlaubniß bat, einige Veränderungen in Rodeck vornehmen zu dürfen, erwähnt, daß die betreffenden Einrichtungen bereits in Ostwalden beständen, wo Frau von Wallmoden gegenwärtig weile. Zu seiner Ueberraschung traf drei Tage später statt der erwarteten Erlaubniß sein junger Herr in höchsteigener Person ein, der auf diese Nachricht hin nichts Eiligeres zu thun gewußt hatte, als seine sämmtlichen Reise- und Sommerpläne über den Haufen zu werfen. Auch der Oberforstmeister schien nicht an den erwähnten Vorwand zu glauben, denn er bemerkte etwas spöttisch:
„Dann wundert es mich in der That, daß unser Hof so lange in Ostende aushält. Der Herzog und die Herzogin sind ja dort, auch Prinzessin Sophie mit einer fürstlichen Nichte, einer Verwandten ihres verstorbenen Gemahls, wie ich hörte."
„Ja, mit einer Nichte!" Egon wendete sich plötzlich um und sah den Sprechenden an. „Herr Oberforstmeister, Sie wollen mir auch einen Glückwunsch aussprechen, ich sehe es an Ihrem Gesichte! Wen:: Sie das aber thun, so fordere ich Sie hier mitten im Walde und auf der Stelle."
„Nun, Durchlaucht, ich beabsichtige mir keineswegs eine Forderung auf den Hals zu ziehen," versetzte Schönau lachend. „Aber die Zeitungen sprechen doch bereits ganz offen von einer bevorstehenden oder bereits vollzogenen Verlobung, die besonders in den Wünschen der fürstlichen Damen liegen soll."
„Meine allergnädigster: Tanten wünschen manches," sagte Egon kühl, „ihr allerungehvrsamster Neffe ist nur bisweilen anderer Meinung als sie, und das war leider auch diesmal der Fall. Ich kam nach Ostende auf höchsten Befehl, nämlich auf eine Einladung des Herzogs, die ich nicht ablehnen konnte, aber die Luft bekam nur durchaus nicht und ich durfte meine Gesundheit doch nicht so leichtsinnig preisgeben. Ich spürte bereits die ersten Anzeichen eines Sonnenstiches, der unfehlbar ausgebrochen wäre, und da entschloß ich mich noch rechtzeitig —"
„Selbst ausznbrechen!" ergänzte der Obersorstmeister. „Das sieht Ihnen ähnlich, Durchlaucht, aber nun können Sie sich auch auf eine dreifache allerhöchste Ungnade gefaßt machen."
„Möglich, ich werde das in der Einsamkeit und Selbstverbannung tragen. Uebrigens beabsichtige ich" -- der junge Fürst nahm eine sehr feierliche Miene an — „mich in diesem Sommer