Heft 
(1890) 22
Seite
364
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ganz meinen Gütern zu widmen, besonders meinem Rodeck. Es soll da ein Umbau stattfinden. Stadialer hat mir bereits darüber geschrieben, aber ich hielt eine persönliche Besichtigung doch für nvthwendig."

Wegen der Schornsteine?" fragte Schönau verwundert. Stadinger meinte, die Kamine im Schlosse hatten im Winter geraucht und er wolle einen neuen Schornstein bauen."

Was weiß denn Stadinger davon!" rief Egon, ärgerlich darüber, daß sein alterWaldgeist" ihm schon wieder mit seiner unbequemen Wahrheitsliebe dazwischen kam.Ich habe sehr groß­artige Verschönerungspläne ah. da sind wir schon am Ziel!"

Er setzte sein Pferd in schärferen Trab und der Oberforst­meister folgte seinem Beispiel, denn Ostwalden lag in der That vor ihnen. Der große Umbau, mit dem der verstorbene Wall­moden es zu einem Prachtsitze umschaffen wollte, war allerdings unterblieben; aber das alte, epheuumrankte Schloß mit den beiden Seitenthürmen und dem schattigen, wenn auch ein wenig ver­wilderten Park hatte etwas ungemein Malerisches. Die jetzige Herrin beabsichtigte, wie man hörte, eine Veränderung so wenig wie einen Verkauf. Für eine Erbin des Stahlbergschen Ver­mögens kam es auch in der That nicht darauf an, ob sie einen Landsitz mehr oder weniger zu ihrer Verfügung hatte.

Die Herren vernahmen bei ihrer Ankunft, daß Frau von Wallmoden im Park, Frau von Eschenhagen dagegen in ihrem Zimmer sei. Der junge Fürst ließ sich bei der Dame des Hauses melden, während der Oberforstmeister zunächst seine Schwägerin aussuchte, die er seit dem Winter nicht gesehen hatte. Er schritt nach ihrer Wohnung und trat ohne weiteres bei ihr ein.

Da bin ich!" sagte er in seiner gewohnten formlosen Art. Ich brauche mich wohl nicht erst anmelden zu lassen bei meiner Frau Schwägerin, obgleich sie mich und mein Haus in Acht und Bann gethan zu haben scheint. Weshalb bist Du nicht mitge- kvmmen, Regine, als Adelheid vorgestern nach Fürstenstein fuhr? An den Vorwand, den sie mir in Deinem Namen vermeldete, glaube ich natürlich nicht, und nun bin ich in der Hitze zwei Stunden lang geritten, um mir eine Erklärung auszubitten."

Regine reichte ihm die Hand. Sie hatte sich äußerlich nicht verändert in den sechs oder sieben Monaten, sie war noch dieselbe kraftvoll derbe Erscheinung mit ihrem entschiedenen Auftreten; aber die frühere trotz aller Derbheit doch so gewinnende Heiter­keit in ihrem Wesen war verschwunden. Wenn sie es auch um keinen Preis zugab man sah es doch, wie sie darunter litt, daß ihr einziger Sohn, dem bis dahin der Wille und die Liebe seiner Mutter das Höchste gewesen waren, sich ihr so vollständig entfremdete.

Ich habe nichts gegen Dich, Moritz," versetzte sie.Ich weiß es ja, daß Du mir die alte Freundschaft bewahrt hast trotz allem, was man Dir und Deiner Tochter anthat; aber Du muht doch einsehen, daß es mir peinlich ist, wieder nach Fürstenstein zu kommen."

Etwa wegen der aufgehobenen Verlobung? Darüber kannst Du Dich füglich trösten. Du hast es ja damals selbst gesehen und gehört, wie gemüthlich Toni die Sache nahm. Sie gefiel sich in der Rolle eines Schutzengels entschieden besser als in der einer Braut, und sie hat inzwischen ja auch einige Male brieflich versucht, Dich umzustimmen, ebenso wie ich. Leider hatten wir beide keinen Erfolg damit."

Nein, aber ich weiß Eure seltene Großmuth zu schätzen."

Seltene Großmuth?" wiederholte Schönau lachend.Nun ja, es mag nicht gerade häufig Vorkommen, daß die ehemalige Braut und der ehemalige Schwiegervater ein gutes Wort Anlegen für den durchgegangenen Bräutigam und Schwiegersohn, damit ihm und seiner Herzallerliebsten endlich der mütterliche Segen zu- theil wird. Aber wir sind nun einmal so erhaben in unseren Gesinnungen, und überdies haben wir beide eingesehen, daß der Willy eigentlich jetzt erst ein vernünftiger Mensch geworden ist, und das hat ja, ich kann Dir nicht Helsen, Regine - das hat einzig und allein die kleine Marietta zustande gebracht."

Frau von Eschenhagen runzelte die Stirn bei dieser Be­merkung; sie fand nicht für gut, darauf zu antworten, sondern fragte in einem Tone, der deutlich verrieth, daß sie das Gespräch über diesen Gegenstand abzubrechen wünschte:

Ist Toni angekommen? Ich ersuhr von Adelheid, daß sie in der Stadt sei, aber täglich zurückerwartet werde."

Der Oberforstmeister, der inzwischen Platz genommen hatte, lehnte sich behaglich in seinen Stuhl zurück.

Ja, sie ist gestern wiedergekommen aber in doppelter Auflage. Sie hat sich nämlich jemand mitgebracht, von dem sie behauptet, er solle und müsse ihr künftiger Ehegemahl werden, und er behauptet das ebenfalls mit solcher Bestimmtheit, daß mir wirklich nichts anderes übrig blieb, als Ja und Amen zu

- sagen!"

Wie? Toni ist wieder verlobt?" fuhr Frau von Eschen­hagen überrascht auf.

Ja, diesmal machte sie das aber allein ab, ich wußte keine Silbe davon. Du weißt ja, sie hatte sich damals in den Kopf gesetzt, sie wolle nun auch ganz übermäßig geliebt werden und die nöthige Romantik dabei genießen. Das scheint Herr Lieute­nant von Walldorf denn auch besorgt zu haben. Er hat, wie sie mir mit höchster Genugthuung erzählte, vor ihr ans den Knieen gelegen und erklärt, er könne nicht ohne sie leben, sie hat ihm ^ eine ähnliche rührende Versicherung gegeben, und so weiter! Ja, i Regine, es geht heutzutage nicht mehr, die Kinder noch am Gängelband zu führen, wenn sie heirathsfähig sind, sie bilden sich ein, das Heirathen sei ihre Sache allein, und da haben sie wirk­lich nicht so unrecht."

Die letzte Bemerkung klang sehr anzüglich, aber Regine über­hörte sie vollständig. Nachsinnend wiederholte sie:

Walldorf? Der Name ist mir ganz fremd. Wo hat Toni denn den jungen Offizier kennengelernt?"

Er ist ein Freund meines Sohnes, der ihn bei seinem letzten Besuche als Gast mitbrachte. Infolge dessen spann sich auch l die Bekanntschaft mit seiner Mutter an, die Toni auf einige Wochen zu sich einlud, und da ist denn das Verlieben und Verloben

- vor sich gegangen. Ich habe im Grunde nichts dagegen einzu­wenden. Hübsch ist Walldorf, lustig und bis über beide Ohren verliebt; ein wenig flott und leicht scheint er allerdings auch zu sein, aber das wird sich geben, wenn er eine vernünftige Frau bekommt. Die Musterknaben sind gar nicht mein Geschmack,

^ die sind die allerschlimmsten, wenn sie erst einmal wild werden, . das haben wir an Deinem Willy gesehen. Also wird Walldorf im Herbste seinen Abschied nehmen, denn zur Lieutenantsfran paßt meine Tochter nicht; ich werde dem jungen Paare ein Gut kaufen, und zu Weihnachten ist die Hochzeit."

Das freut mich um Tonis willen," sagte Frau von Eschen­hagen mit auswallender Herzlichkeit.Du nimmst mir eine Last vom Herzen mit dieser Nachricht."

Ist mir lieb," nickte der Oberforstmeister;aber nun solltest Du meinem Beispiele folgen und einem gewissen anderen Braut­paar auch eine Last vom Herzen nehmen. Sei vernünftig, Rechne, ; und gieb nach! Die kleine Marietta ist brav geblieben, trotzdem sie beim Theater war, alle Welt giebt ihr und ihrem Ruf das beste Zeugniß, Du brauchst Dich Deiner Schwiegertochter nicht zu schämen."

Regine erhob sich Plötzlich und stieß mit einer heftigen Be- ' wegung ihren Stuhl zurück.

Ich bitte Dich ein für allemal, Moritz, mich mit solchen Zumuthungen zu verschonen. Ich bleibe bei meinen! Worte. Willibald kennt die Bedingung, unter der allein ich nach Burgs­dorf zurückkehre; wenn er sie nicht erfüllt, bleibt es bei der . Trennung."

Er wird sich hüten!" meinte Schönau trocken.Die Braut und die Hochzeit aufzugeben, nur weil sie seiner Frau Mutter nicht recht ist solche Bedingungen erfüllt man überhaupt nicht."

Du drückst Dich ja recht liebenswürdig aus!" rief Frau von Eschenhagen gereizt.Freilich, was wißt Ihr Männer von der Sorge und Liebe einer Mutter, von der schuldigen Dankbar­keit der Kinder! Ihr seid allesammt undankbar, rücksichtslos, selbstsüchtig"

Oho, dergleichen Ausfälle verbitte ich mir im Namen meines Geschlechtes," fiel der Oberforstmeister ebenso hitzig ein. Urplötzlich aber besann er sich und lenkte ein:

Wir haben uns seit sieben Monaten nicht gesehen, Regine, da brauchen wir uns wirklich nicht gleich am ersten Tage wieder zu zanken, das können wir später abmachen. Lassen wir also vorläufig Deinen widerspenstigen Majoratsherrn bei Seite und k sprechen wir von uns! Wie gefällt es Dir in der Stadt? Du ! siehst nicht gerade sehr zufrieden aus."