Unkraut und fruchtverheißeuder Keim schießt gleich fröhlich empor, und auch der zukunftslose Schößling träumt von einer Blüthen- krone, die einst goldene Früchte tragen soll: so bringt jeder Tag in solcher Zeit neue Reformvorschläge, neue „Blüthenträume". Ach, das wenigste davon sieht seinen Herbst und besteht in den Tagen der Ernte!
Zn den Schriften, die das Bewußtsein erzeugt hat, daß wir in eine Aera von Reformen getreten sind, die den inneren Ausbau unseres Deutschen Reichs im Schutze gesicherten Friedens bezwecken, zählt auch unser Buch. Aber während die Reformschriften, die seit dem Ableben des ersten Hohenzollernkaisers Kunde gaben von Hoffnungen und Wünschen im Volke, fast alle politischer oder volkswirtschaftlicher Natur waren und irgendwie im Zusammenhang standen mit den Fragen der Sozialpolitik, stellt diese eine das den: sozialistischen entgegengesetzte Prinzip, das der individuellen Freiheit, in den Vordergrund der Betrachtung und erwartet von seiner Pflege das Heil der Zukunft des Vaterlandes.
Der Unterschied ist wohl jedermann klar. Während der Sozialismus nach dem Prinzip der Gleichheit durch gemeingültige Einrichtungen, Gesetze und Vorschriften, die den Einzelwillen auch in den persönlichen Angelegenheiten dem Willen der Gesammtheit unterwerfen, das Glück der Menschheit herbeiführen will, beruht der Individualismus auf der Ueberzeugung, daß alle höhere Offenbarung menschlichen Könnens und Wollens, alles echte Glück auf der Freiheit der Persönlichkeit beruht: im Denken, Fühlen und Handeln sich selbst zum Ausdruck zu bringen, gemäß dem Goethe- scheu Spruche:
„Volk und Knecht und Ueberwinder,
Sie gesteh'n zu jeder Zeit,
Höchstes Glück der Erdenkinder
Ist nur die Persönlichkeit!"
Diese Ueberzeugung zum Lebensgruudsatz erhoben, im Lehren und Lernen, in Kunst und Wissenschaft, in Staat und Gesellschaft, dies heißt Individualismus. Für eine Wiedergeburt von deutscher Art und Kunst im Geiste des Individualismus einzutreten zu Nutz und Vortheil des inneren Glücks und der geistigen Macht der Deutschen, dies ist der Zweck dieses Buchs. Die stärkste Hilfe dabei erwartet es von der Kunst. Und zu diesem Werke der Selbsterziehung und Selbstbefreiung ruft der ungenannte Verfasser den Meister Rembrandt Harmensz van Ryn aus der Schattenwelt des 17. Jahrhunderts in der Gegenwart Bann als segenspendenden Schutzpatron. Warum, einen Holländer? Und einen Maler? Warum nicht Goethe? Oder Lessing? Oder Uhland? Jeder dieser drei großen deutschen Männer hat auf seine Art in Kunst und Leben sich als Vertreter und Verfechter jenes Individualismus bewährt, über dessen Verfall der Verfasser klagt und von dem die Geschichte uns lehrt, daß alle Blüthe unseres Kunst- und Geisteslebens in ihm seine Wurzel hatte. Alle drei stehen unseren Geisteskämpfen, unseren: Denken und Empfinden doch wahrlich näher als der bereits bei Lebzeiten vereinsamte große Maler Alt-Hollands! Die Ueberzeugung des Verfassers, daß vornehmlich die niederdeutschen Volkselemente Beruf und Kraft haben, aus sich heraus in unseren Tagen die allgemeine Wiedergeburt des deutschen Volksthums zu einem zukunftskräftigen Individualismus zu bewirken, giebt die Antwort auf diese Frage. Das Niederdeutschthum sei die noch ungebrochene Reserve deutscher Ursprünglichkeit. Diese Ueberzeugung verleiht dem Buche seine höchst eigentümliche, oft zum Widerspruch reizende, immer wieder aber auch fesselnde Physiognomie. In ihr wurzeln auch die mancherlei Jrrthümer, Meinungen und Schrullen, welche die schöne Wahrheit umwuchern.
Während andere Verfechter des Individualismus in Deutschland die Ursachen seines Niedergangs einestheils vor allem in der ungeheuren Anspannung aller Kräfte beim großen Werke der Begründung des Reichs und seines Ausbaus zur wehrhaften Vormacht des Weltfriedens, anderntheils in der Inanspruchnahme der Volksseele durch die wirtschaftlichen Reformarbeiten und Kämpfe erblickt haben, findet unser „Rembrandtianer" die Hauptursache in den Zuständen moderner Bildung und ihren „nivellirenden und atomisirenden", das heißt gleichmacherischen und auflösenden Strebungen.
„Es ist nachgerade zum öffentlichen Geheimniß geworden," so beginnt seine Anklage, „daß das geistige Leben des deutschen Volkes sich gegenwärtig in einem Zustande des langsamen, einige
^ meinen auch, des rapiden Verfalls befindet. Die Wissenschaft zer- j stiebt allseitig in Specialismus (Erforschung von Einzelheiten);
auf dem Gebiete des Denkens wie der schönen Litteratur fehlt es ! an epochemachenden Individualitäten; die bildende Kunst, obwohl ^ durch bedeutende Meister vertreten, entbehrt doch der Monumentalität und damit ihrer besten Wirkung; Musiker sind selten, Musikanten zahllos." Architektur und Knnstgewerbe befinden sich auf einer beständigen Hetzjagd, ohne dabei zu einem eigenen neuen deutschen Stil zu gelangen. Der gesummten Bildung der Gegenwart macht der „Deutsche" den Vorwurf, daß sie eine „historische, alexandrinische „ rückwärts gewandte" sei. Nicht neue Werthe zu schaffen sei ihre Sorge, sondern alte Werthe zu registriren. Diese ! einseitige wissenschaftliche Bildung, deren höchster Stolz die uatur ! wissenschaftliche Objektivität, die mikroskopisch erforschte Einzelerscheinung sei, lasse bereits viele unbefriedigt. Sie blicken aus nach neuen Bildungsidealen. Es sei im deutsche:: Geistesleben ein Drängen unverkennbar, das an der Stelle der wissenschaftlichen, zergliedernden eine künstlerische zusammenfassende Weltanschauung zu gewinnen suche.
! „Gegenüber dem Niedergang der herrschenden wissenschaftlichen Bildung einerseits und dem Aufgang einer kommenden künstlerischen Bildung andererseits liegt es nahe, nach den Mitteln zu fragen, um beide Vorgänge möglichst zu fördern, zu regeln, klar abzuwickeln. Das deutsche Volk ist in seiner jetzigen Bildung überreif; aber im Grunde ist diese Ueberreife nur Unreife . . . Ueberkultur ist thatsächlich noch roher als Unkultur. Hier haben also etwaige neue erzieherische Faktoren einzusetzen; und zwar werden sie gerade entgegengesetzt wirken müssen wie die bisherige oder gewöhnliche Erziehung: das Volk muß nicht von der Natur- Weg, sondern zu ihr zurückgezogen Werder:. Durch wen? Durch sich selbst. Und wie? Inden: es auf seine eigenen Urkräfte zurückgreift."
Als Grundlage dieser Urkräfte des Dentschthums wird nun, der geschichtlichen Wahrheit gemäß, der Individualismus gepriesen. Er sei die tiefste Seite des deutschen Wesens. Er verlange ein Wirken und Schaffen gemäß der eigenen Natur des Einzelnen, von innen heraus. Er sei der geschworene Feind der Schablone, der mechanischen Bildung, der Resignation. Er setze das Gemüth und die Seele in ihre Rechte wieder ein und lehre den nüchternen Verstand, sich bescheiden. „Der Instinkt treibt die gegenwärtigen Deutschen ganz richtig, wenn sie anfangen, mehr auf künstlerische als auf wissenschaftliche Ziele auszuschauen; aber eben dieser Instinkt sollte sich jetzt zum vollen Bewußtsein erhöhen und zur lebendigen Thal verwirklichen. Deutschland, das auf dem Gebiete der militärischen und sozialen Reform allen anderen europäischen wie außereuropäischen Staaten voranging, sollte dies nun auf dem Gebiete der künstlerischen wie geistigen Reform thun; und es kann es nur thun, wenn es sich theoretisch und praktisch zu dem bekennt, was der Inhalt seines Seins, der Inhalt der Kunst, der Inhalt der Welt ist: Individualismus." Dieser halte die rechte Mitte zwischen dem überspannten, ün Allgemeinen sich verlierenden Idealismus früherer Tage und dem am Stoff klebenden, geistlosen Spezialismus der Gegenwart. Die Erziehung zum Individualismus habe aber die Willensfreiheit des Einzelnen der persönlichen Willkür zu entziehen und der Volksindividualität, dem Nationalcharakter und dem Nationalbedürfniß anzupassen.
In solchem Sinne habe der Einzelne die Vergangenheit der Nation auf sich wirken zu lassen. Aus der Geschichte müßten ihm so die Ideale für die eigene Gegenwart erwachsen. „Deutschland soll seine Ideale den Zeiten und seine Zeiten den Idealen anpassen." „Die heutigen Deutschen, deren Großväter eine ideale und deren Väter eine historische Bildung besaßen, haben aus den Bildungsergebnisfen der beiden vorhergehenden Generationen die Summe zu ziehen, indem sie sich .historische Ideale' wühlen." Die Geistesheroen eines Volkes seien seine berufensten Erzieher. „In politischen Zeiten wird man auf politische Helden, in künstlerischen Zeiten auf künstlerische Helden Hinsehen müssen; immer aber wird es darauf ankommen, in diesen Männern nicht das Vorübergehende, ihre spezielle Leistung, sondern das Bleibende, ihre innere Gesinnung nachzuahmen." Als solch ein historisches Ideal, als solch ein künstlerischer Held wird uns Rembrandt empfohlen. Daher das Wort: Rembrandt als Erzieher.
Dieser niederdeutsche Künstler in seiner überquellenden, in sich abgeschlossenen Persönlichkeit, in seiner großartigen Unabhängigkeit