Heft 
(1890) 22
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und unwillkürlichen Volksthümlichkeit, könne mit seinem Vorbild als Gegengift dienen gegen das deutscheSchulmeisterthum". Nicht nachgeahmt solle er werden in feiner Kunstübung, sondern seine Kunstgesinnung solle auf die deutschen Künstler, auf die Gebildeten, das Volk Deutschlands als Beispiel wirken. Seine Kunst wie sein Charakter wüchsen von innen heraus, entwickelten sich nach den Gesetzen seiner Natur, darin sollten wir's ihm gleich thnn.Kein Künstler hat weniger Tradition in sich wie er, und kein Volk seufzt so sehr unter der Last der Tradition wie die Deutschen; dadurch ist er im vorhinein ihr Befreier." Das Publikum solle jene Eigenschaften eines unentwegten Individualis­mus und einer unentwegten Selbsttreue an den Künstlern nicht nur dulden, es solle sie fordern; vor allem aber sollte der so ungemein knorrige Künstlerkopf Rembrandts ihm als eine Mahnung vor Augen stehen, den hohen Werth der künstlerischen Einzelseele unter allen Umständen zu beachten, zu schätzen, auszunutzen. Nicht das, was der Markt und die herrschenden Zeitströmungen von ihm verlangen, solle der Künstler schaffen, sondern das, wozu ihn sein innerstes Herz treibt; darauf beruhe sein künstlerisches Seelenheil. Daß Rembrandt dafür aber ein so hervorragendes Muster sei, erkläre sich vor allem daraus, daß seine ungebundene Individualität der erhöhte Ausdruck war des Volkscharakters, der ihn gebildet.Starke Persönlichkeit erwächst nur ans starkem Stammesgeist und dieser nur aus starkem Volksgeist; die Betrieb­samkeit, Freiheitsliebe, Gemüthstiefe, Schlichtheit des holländischen Charakters spiegelt sich in Rembrandts Werken mehr als irgendwo." Den provinzialen Charakter seiner Malerei stellt der Verfasser den Deutschen von heute als Muster ans.Das edle Gefühl der Stammeseigenthümlichkeit ist den Deutschen über ihrer Politischen Zersetzung vielfach abhanden gekommen; . . . damit ist ein Stück Volksthum verloren gegangen, das wieder erobert werden muß." Vor allem durch die Kunst. Der rechte Künstler könne nicht lokal genug sein. Den Schattirungen der Natur habe die Kunst Zu folgen. Auch die Städte, Landstriche haben ihre Individualität. Eine rechte Kunst könne nur aus dem mannigfach nüancirten und doch in sich einheitlich verbundenen Volkscharakter entstehen. Jeder landschaftlichen Eigenart entspreche eine besondere Kunstübung. In den heimathlosen Millionenstädten dagegen würden Kunst und Künstler schnell verzehrt, aber selten erzeugt.Das athemlose Jagen nach Gewinnst, welches an solchen Orten herrscht, ist höheren Interessen nicht förderlich; und eine Kunstpflege, die nur Mode­sache, ist nicht einmal zu wünschen; auch würde es sicher besser vermieden, daß einzelne sittliche Schattenseiten des millionen­städtischen Lebens auf künstlerischem Wege noch mehr in Umlauf kommen, als es ohnedies schon der Fall ist." In einem späteren Kapitel werden diese Gedanken mit direkter Beziehung auf das Berlin der Gegenwart näher ausgeführt. Der Geist kühler Nüchtern­heit, der hier einst in Nicolai gegen Goethe sich aufgelehnt habe, habe auch in der Reichshauptstadt von heute die Oberherrschaft. Den übermächtigen Einfluß Berlins aus das geistige und künstlerische Leben von Alldeutschland, den es durch seine politische Stellung erlangt hat, bezeichnet unser Buch daher als unheilvoll.

Es ist hier nicht der Ort, auf die Ausführung dieser nur kurz skizzirten Grundgedanken des Werkes näher einzugeheu. Unsere Ausgabe war, die Ziele desselben klar und kurz zu kennzeichnen auch für solche, denen das Buch selbst zu gelehrt geschrieben ist. Dies ist es in hohem Grade. So sehr es gegen das Professoren­thum zu Felde zieht, so wenig verleugnet es seinen Ursprung aus der Gelehrtenstube. Es eifert gegen die moderne Sucht, zu citiren; wenn ich aber die in ihm enthaltenen Citate auf 1000 schätze, so ist diese Schätzung gering. Es hat kein Genüge daran, den Geist des Autors klar zu entwickeln, die Form des Ausdrucks will auchgeistreich" sein. Seine Ausführungen, daß die geistig Vornehmen im Vvlksthum ihren besten Rückhalt hätten, sind allzu ausschließlich für dieVornehmen" gedacht und geschrieben, als daß sie echt vvlksthümlich wirken könnten. Vor allem aber ist es der vielfach bemerkbare Kampf gegen berühmte Gelehrte von Geltung, der an die Art Schopenhauers und Dührings erinnernd den Rückschluß gestattet, daß der Verfasser selbst ein Mitbürger der deutschen Gelehrtenrepublik ist. Obgleich gegen den Pessimismus ankämpfend er führt dabei das schöne Goethe- sche Wort an:Es ist unbedingt ein Zeichen von Wahrheitsliebe,

überall in der Welt das Gute zu sehen", entwirft er zu Gunsten seiner Znkunftsideen von dem Kunst- und Geistesleben der Gegenwart ein zu düster gefärbtes Bild. Namentlich unterschätzt er die Popularisirung des Wissens und der Kunst; sie ist doch erst die Voraussetzung, an die sich seine Hoffnungen knüpfen, auch die Masse des Volkes für seine Ideale zu gewinnen.

Um der großen Gesichtspunkte willen, die er ausstellt und verfolgt, sind diese vielen Abschweifungen von der Hauptsache und der Wahrheit zu bedauern. Im besonderen schwächt seine ein­seitige Hervorhebung der Vorzüge und Verdienste des nieder­deutschen Volkscharakters so lesens- und beachtenswerth viele dieser Aeußerungen auch sind das großnationale Grundstreben ab, das seinen Reformplänen doch innewohnt. Diese Einseitigkeit verleitet ihn sogar dazu, die Herkunft von Lessing für das niederdeutsche Friesland in Anspruch zu nehmen, ohne weiteren Anhalt, ais daß die Endunging" bei friesischen Familiennamen häufig sei. Ueberhanpt gestattet er sich in Bezug auf die Herkunft bedeutender Menschen die seltsamsten Sprünge. Einmal zieht er aus dem Wohnort eines Zugewanderten Schlüsse auf seinen Stammes­charakter und bei anderen verfolgt er die Abkunft bis in weit zurückliegende Jahrhunderte. Obgleich er sich immer wieder ge- nöthigt sieht, die Oberdeutschen Schiller und Goethe heranzuziehen, wenn er geschichtliche Zeugen braucht für seine begeisterten Ansichten über den Werth des individualistischen Prinzips in Kunst und ! Leben, so verlegt er doch die eigentliche Heimath des Jndividualis- ! mus nach dem deutschen Norden, nachNiederland", z Dies Parteinehmen ist ein großer Fehlgriff. Freuen wir uns, ! daß der Boden für seine Anregungen zur Belebung des hohen ! Kulturprinzips überall in Deutschland gut gepflegt und fruchtbar ^ ist. Der Hauptmangel des Buchs aber ist, daß seine Forderungen ! nicht in Einklang gebracht sind mit den Gesetzen des technischen ! und politischen Fortschritts, die unserer Zeit ihren Charakter geben, i Wer gegen Freizügigkeit in Sachen der Bildung eifert, wer den ^ unnennbaren Gewinn nicht einsieht, den all die Errungenschaften j moderner Berkehrsentwickelung dem Leben, der Kunst wie der ! Wissenschaft bringen, der steht der Gegenwart trotz allen wohlbegründeten Reformdranges in vielem als Romantiker ^ gegenüber. Auch die Freizügigkeit, die Verkehrsfreiheit werden j dem von innen heraus schaffenden Künstler zugute kommen. Büßte die Individualität Dürers etwas ein, weil er nach Italien und nach Holland zog? Oder gewann sie dadurch nicht vielmehr erst recht an Kraft und Klarheit wie an Einsicht in die eigenen Ziele?

^ Wir halten's in dieser Beziehung mit Gottfried Keller, dem ober- ^ deutschen Dichter, der aber von sich selbst gesagt hat, daß seine Entwickelung ohne seinen Aufenthalt und seine Reisen in Norddeutsch­land nicht zu denken sei. Als bei Beginn des Eisenbahnwesens Justinus Kerner imStuttgarter Morgenblatt" ein Klagelied hatte ertönen lassen über die Gefahren, welche der Poesie vom Zeitalter des Dampfes drohen, da fand der starke Geist des Zürichers die folgende zukunftssrohe Entgegnung:

Was deine alten Pergamente Von tollem Zauber kund dir thnn,

Das seh ich durch die Elemente In Geistes Dienst verwirklicht nun.

Ich seh' sie keuchend glüh'n und sprühen, Stahlschimmernd bauen Land und Stadt,

Jndeß das Menschenkind zu blühen Und singen wieder Muße hat.

Und wenn vielleicht in hundert Jahren Ein Luftschiff hoch mit Griechenwein Durch's Morgenroth kam' hergefahren

Wer möchte da nicht Fährmann sein?

Dann bög' ich mich, ein sel'ger Zecher,

Wohl über Bord, voll Kränzen schwer,

Und gösse langsam meinen Becher Hinab in das verlaff'ne Meer."

Der echte Individualismus braucht keinen Kulturfortschritt zu fürchten; er wird vielmehr jeden stets seinen eignen Zwecken nutzbar zu machen wissen. Er bedarf nicht der Spaltung in Oberdeutsch und Niederdeutsch;das ganze Deutschland soll es sein", heißt es auch hier.