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offenbarte sich für Harden „die Irrealität des persönlichen Regiments in der Diskrepanz zwischen Schein und Sein*': der Kaiser wollte sein eigener Kanzler sein und die Zügel der Politik selbst in die Hand nehmen; hielt aber lediglich pathetische und törichte Reden, die das Ausland erschreckten: um nicht mit der Zensur in Konflikt zu geraten, versuchte Harden seine Kritiken durch einen reichen Formenkatalog zu tarnen, u. auch in seinem Beitrag .Pudel-Majestät (Die Zukunft vom 18. 6. 1898, S. 495-99) bemühte sich Harden, die Kritik am Kaiser durch die Form einer .märchenhaft umrahmenden Satire* zu vertuschen: Die Zensur erkannte die aktuellen Bezüge des Märchens jedoch und verklagte den Verfasser wegen Majestätsbeleidigung, woraufhin Harden einen offenen Brief an den Kaiser richtete, in dem er vor den emphatischen Tönen warnte, mit denen das zehnjährige Regierungsjubiläum Wilhelms II. gefeiert wurde (vgl. Weller, S. 112); trotzdem wurde Harden zu Anfang 1899 zu sechseinhalb Monaten Festungshaft verurteilt (vgl. auch ,Auf der Anklagebank* in Die Zukunft vom 12. 11. 1898, S. 273-85).
Vgl. Hardens (ungez.) Beitrag in der obigen Ausgabe der Zukunft mit dem Titel .Pudel-Majestät* (S. 485-99).
In Hardens Beitrag .Pudel-Majestät* wird auf höchst amüsante Weise erzählt, wie Kronprinz Hyazinth (aus der Tulpenzwiebeldynastie im Lande der Fliegenschnäpper) in der Wiege von einer guten Fee dazu .verwünscht* wird, sich nach seinem 16. Geburtstag in einen Pudel zu verwandeln, so daß er auch die unteren Gesellschaftsschichten seines Reiches kennenlemen kann: der Prinz wächst auf u. wird ein dreimal kluges Bürschchen, mit einer fertigen Meinung über alle Dinge, die keine Widerrede duldet: er verstärkt die Bevormundungsmacht der Bürokratie, läßt Unruhestifter ins Gefängnis werfen. Bücher verbieten u. lebt allgemein im Sinne seiner Ahnen, „daß die Völker nur für das Vergnügen der Könige geschaffen [seien].“ (S. 497) Eines Tages aber, als er, von der Fee zur Strafe in einen Pudel verwandelt, die Heucheleien am Hofe u. die Stumpfheit der Bürokratie erkennt, beschließt er zum König der Armen zu werden, sagt die Feierlichkeiten zu seinem 5jährigen Jubiläum ab u. ändert seinen Regierungsstil radikal. — In seinem zweiten Beitrag .An den Kaiser* in der folgenden Nummer der Zukunft ging Harden dann zusätzlich auch noch auf den frz. Ursprung des .Märchens* ein (Laboulayes Prince-Caniche) u. die Tatsache, daß selbst „in der schlimmsten Zeit der napoleonischen BUchercensur“ vor 31 Jahren dieses Märchen in Frankreich unbeanstandet geblieben sei. (S. 547)
Wie immer operierte Fontane - was die Öffentlichkeit anbetraf — äußerst vorsichtig; das aggressive Vorgehen Hardens - Fontane kannte auch Hardens Artikel ,An den Kaiser' (Die Zukunft vom 25. Juni 1898. S. 541-54, gez. M. H.) - mag ihn abgeschreckt haben (vgl. Brief Nr. 62, Anm. 495).
Nach Rückkehr des neuen Kaisers von dessen Europa-Reise — im Anschluß an die Thronbesteigung besuchte dieser im Frühsommer zunächst Rußland. Schweden und Dänemark, sodann im Herbst Österreich und Italien - hatte die Berliner Stadtverwaltung Wilhelm II. am 28. Oktober 1888 auf dem Schloßplatz einen Monumentalbrunnen als Geschenk angeboten, das aber - wohl weniger aufgrund einer Abneigung des Monarchen gegen den regierenden Bürgermeister. Max von Forckenbeck (1821-1892), sondern eher als Ausdrude seiner Entrüstung über die Haltung der freisinnigen Presse, von der er irrtümlich annahm, sie stehe mit der städtischen Verwaltung im Zusammenhang - nur ungnädig angenommen wurde. Wilhelm verweigerte dann zusätzlich acht Monate lang die Bestätigung der Wiederwahl des hochverdienten Oberbürgermeisters am 27. 2 . 1890, eine Verzögerung - die Anerkennung erfolgte erst am 10. 10. 1890 -, die peinliches Aufsehen erregte. „Nach der Entlassung des Fürsten Bismarck gelangte indes der Monarch bald zu freundlicherer Würdigung der Person und der Verdienste des Oberbürgermeisters. Als Forckenbeck die Herstellung des neuen Brunnens Begas übergeben ließ und denselben .Schloßbrunnen' taufte — beides nach dem Wunsche des Herrschers — zeigte sich dieser ihm bei der Enthüllung des Monu- 5?®"*!; ?*ädig. beglückwünschte ihn nachträglich zum siebzigsten
Geburtstag und forderte ihn auf, sich direkt zum Vortrag bei ihm zu melden, wenn neue interessante Projekte seitens der Stadt vorlägen, für deren Entwlck-
Ein 8 Lehenshiirt te rru ah /t le h< l ge 'l < Martln Phillppson: Max von Forckenbeck. Ein Lebensbild [Dresden/Leipzig: Carl Reißner 1898]. S. 386).
Das liberale Bürgertum, das sich an seine Revolution von 1848 nicht gerne erinnern ließ, hatte den Friedhof der Märzgefallenen im Berliner Friedrichshain verwahrlosen lassen. Zur 50-Jahr-Feier wollten die sozialdemokratischen Stadtverordneten statt des morschen Zauns ein schmiedeelsenes Gitter und ein Tor mit der Inschrift Den Märzgefallenen* setzen; Wg"fAnstoß bSm KaJer w er +K*? m gewählten Oberbürgermeister Kirschner eineinhalb Jahre die Amtsbestätigung verweigerte; vgl. hierzu ferner Karl Frenzel* Die Berliner Märztaae Ein Stimmungsbild* in Deutsche Rundschau 94 (18981 u «uv? ALrlf’SSf' “ 3 ? le LiteratUr der Berllner Märztage*' ’V De'itsfhe^d^u^M Ä