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die zweijährigen Triebe der Kiefern bis auf die Nadelscheiden abfressen und-jede andere Nahrung verschmähen, so dürfte auch ihr forstlicher Schaden nicht unbedeutend genannt werden. ""Besonders lästig wird das Auftreten dieses Insekts an der Ostseeküste, welche gerade während der Wanderzeit der Raupen von vielen erholungsüchenden Badegästen als Reiseziel ausgewählt wird.
Wie ihre Verwandten in den Eichenwäldern ziehen die dichtbehaarten Raupen des Kiefernprozessionsspinners in langsamen! Gänsemarsch, 60 bis 100 Stück in einem Faden, selten und dann erst von der Mitte der ganzen Prozession an in doppelten und dreifachen Reihen, auf dem Erdboden dahin. Dabei strecken sie bald-rechts, bald links hinter dem Vordermann den schwarzen, kurz und wenig behaarten Kopf hervor, als wenn sie ausschauen wollten, ob denn die vordersten noch nicht am Ziele wären. Hebt man behufs näherer Betrachtung eine Raupe mittels eines Stückchens vorsichtig aus dem Zuge heraus, so schließt sich derselbe in kürzester Zeit und setzt seine Wanderung unbekümmert um die Störung fort.
Die aufgenommene Raupe (u) hat, bevor sie ihre Vollwüchsigkeit erreichte, mehrere Häutungen durchgemacht, aber trotzdem, abgesehen von der ersten derselben, ihr Kleid sehr wenig verändert. Früher, als kleines, dem Ei eben entschlüpftes Räupchen von 3 nun Länge, trug sie ein hellmaigrünes, mit regelmäßigen schwarzen Flecken geziertes Kleid, während sie sich
jetzt in einem schwarzen Gewände zeigt, das mit mattmoosgrünen Punkten dicht besät ist. Diese lassen für das Hervortreten der Grundfarbe nur einen mittleren Längsstreifen auf dem Rücken frei, welcher wieder mit größeren und kleineren rothen Warzen in der Weise zum Theil bedeckt ist, daß roth umränderte, schwarze Kreisflecke die Längslinie kennzeichnen. Diese schwarzen, sogenannten „Spiegelstecke" sind mit unendlich vielen, äußerst kleinen Härchen sammetartig bewachsen. Aus den rothen Warzen entspringen nach vorn und nach hinten gerichtete rothe Haare; die Seiten des Körpers schützen lange, weiße Haare, welche den Qüerdurchmesser der Raupe um das Doppelte übertrefsen (d). Alle diese Haare (a) besitzen zahllose, nach der Spitze gerichtete Widerhäkchen, welche an Gestalt den Dornen der Rose sehr ähnlich sind.
Gemeinschaftlich ist ihnen ferner ein feiner, hohler Kanal, der sie von der Spitze bis zur Anheftnngsstelle durchzieht. Die rothen und die weißen Haare, nicht die Spiegelhaare, stecken, wie Keller gezeigt hat," in der Haut mittels einer dicken, braunen Hülse, an deren unterem Rande sie befestigt sind. Unter der Oefsnung des Haares liegt eine birnförmige Drüse, welche eine stark atzende Flüssigkeit, Ameisensäure, aussondert, uni das hohle Haar damit zu fülleu. Die ausgewachsene Raupe, welche 5 ein lang wird, besitzt mehr als 5000 solcher „Giftdrüsen". Da die feinen Härchen wie gesagt nach oben gerichtete Häkchen tragen, so werden sie bei jeder Berührung mit anderen Gegenständen sogleich in die Drüse hineingestoßen und mit Gift gefüllt. Verliert nun die Raupe einzelne Haare — und diese brechen sehr leicht an ihren: Grnnde ab — so bleibt das Gift in denselben, weil es durch den Luftdruck am Ausfließen aus dem engen Kanal verhindert wird. Hat später ein solches Härchen Gelegenheit, mit dem Schweiße einer menschlichen oder thierischen Hautpore in Berührung zu kommen, so löst derselbe das an der Oeffnung des Härchens in-
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* Kosmos XIII.
zwischen eingetrocknete Gift auf, und dieses bewirkt nachströmend die Entzündung.
Daß diese Haare so unendlich zahlreich umherfliegen können, hat mehrfache Gründe.' Zunächst beliebt es der Raupe keineswegs wie den meisten andern, nach vollbrachter Häutung den abgeworfenen Balg zu verzehren, sondern alle Raupen eines Zuges lasseu ihre abgestreiften Häute, mit wenigen einzelnen Gespinstfäden verbunden, in den Astachseln, wo die Häutung gewöhnlich vollzogen wird, hängen und übergebe)! sie Wind und Wetter als Spielball. Bisweilen versammeln sich auch die Raupen behufs der Häutung am Stamme der Kiefern, sowohl in Mannshöhe, als auch am Grunde desselben. Sie überspinnen dann ihr Lager mit einem etwa 50 ein im Geviert fassenden, weißen und undurchsichtigen Schleier, der an Glanz und Zähigkeit guten!
Seidenpapier gleichkommt. Ist die Häutung beendet, so - fressen sich die Raupen erbsengroße Löcher durch den Schleier und suchen unter Zurücklassung der alten Häute neue Nahrung.
Da die Haare wie hervorgehoben leicht abbrechen, gehen sie dem Thiere bei dem Umherkrieche!! in großer Zahl verloren und haften vermöge ihrer Widerhäkchen an jedem Gegen stände fest, auf welchen sie auftreffen. Endlich werden vor der Ver puppung die Haare theilweise zur Bildung des äußeren Coeons (ck) benutzt. Da dieser außerdem nur aus lose aneinandergefügten Sandkörncheu besteht, die Puppen aber sehr dicht unter der Erdoberfläche gelagert sind, so kann es nicht verwundern, daß durch Aufwühlen des Sandes die Härchen der Lnft ansgesetzt und von ihr weitergetragen werden.
Daß nicht nur Menschen, sondern auch Thiere von dem Gifte dieser Haare entsetzlich zu leiden haben, ist wiederholt festgestellt worden. Hunde, welche sich im Walde voll innigen Behagens auf dem Rücken herumgewälzt hatten, geriethen fast in Tollwuth. Wagenpferde, Pie vor Ungeduld mit dem Vorderfuße gescharrt hatten, wurden durch das Brennen der angeflogenen Haare so wild, daß sie dem Durchgehen nahe waren. Es ist ebenso Thatsache, daß die Raupen nicht nur das Wild, sondern auch die Singvögel aus dem von ihnen besetzten Walde verjagen. Bisher konnten nur der Kuckuck und ein Laufkäfer, der Puppenräuber, als siegreiche Gegner unserer Raupen anerkannt werden.
Um sich vor den gefürchteten Raupeuhaaren zu schützen, werden in der Angst Vorsichtsmaßregeln ergriffen, die fast lächer lich erscheinen. Handschuhe, Kopftücher, Schleier u. dergl. nützen sehr wenig. Durchaus empfehlenswert dagegen ist das Einreiben der Haut mit Oel (Mandelöl), bevor man den Wald betritt. Das Oel hebt die Wirkung des ätzenden Giftes auf, indem es ihm den Eintritt in die Poren der Haut verwehrt und so die schmerzhafte Entzündung verhindert. Auch wiederholte Waschungen mit in Alkohol oder Wasser aufgelöster Pottasche oder Bestreichen mit angefeuchteter Soda mildern das Jucken der Haut.
Das durchgreifendste Mittel ist natürlich die Vernichtung des Insekts in jeder Gestalt. Aber das ist leichter gesagt als gethan. Das Tödten der Ranpenzüge während der Wanderung durch Zertreten ist jedenfalls ganz zweckwidrig und geradezu strafwürdig, da unendlich viele Härchen auf diese Weise dem Staube beige- mischt werden. Die Züge müssen vorsichtig zusammengekehrt und in größeren Kisten mit einschiebbarem Deckel, nicht in offenen Körben, gesammelt werden. Ebenso sind die Raupen!!ester aufzunehmen, welche, in Astachseln sitzend, mit der Baumschere abgeschnitten werden. Das Theereu der Bäume ist nur von Nutzen für das Einsammeln der Raupen, da es leichter und gefahrloser ist, die an einem unteren Theile des Stammes angesammelten
(nat. Größe).