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bevor ich mich fertig ankleide, einen Brief an den Oberpfarrer, schicke ihn eilig fort, und wie ich zum Kirchgang gerüstet bin, kommt die Antwort, nachmittags wolle er mich aufsuchen; Elisabeth habe heute einen ihrer ungünstigsten Tage und möchte über mein Erscheinen erschrecken.
Ich gehe mit Regenschirm und Regenmantel zur Kirche, und als der Oberpfarrer die Kanzel betritt, habe ich Mühe, in diesen vergrämten Zügen das alte Antlitz wiederzufinden; auch die Stimme klingt anders. Es ist keine echte Pfingstpredigt, die der Gemeinde dargebracht wird. Die Textesworte sind: „Ich will den Vater bitten, er soll euch einen Tröster geben, der bei euch bleibe ewiglich." — Er schildert, wie finster und trübe es auf Erden aussieht, schildert die Zustände der Völker, die Verhältnisse der Menschen; ein trostloses Bild rollt sich auf, ein Versunkensein in Elend und Schmutz, mit packenden Farben ausgemalt. Die Treulosigkeit, die Lieblosigkeit, die Undankbarkeit der Menschheit betont er. In dem überfüllten Gotteshause regt sich kaum ein Athem.
„Der heilige Geist aber, der Tröster unserer Zeit," heißt es weiter, „müsse, bevor er trösten könne, strafen die Welt um ihre Sünden, ihr die Wahrheit sagen. Aber Wahrheit höre sie nicht gern, sie lasse sich belügen, sie trinke sich toll am Taumelbecher der Verführung."
Die Leute sind gar nicht gewohnt, den sonst so milden Prediger von Strafen reden zu hören; man sieht es ihren Gesichtern an. Als er nun im zweiten Theil der Rede von dem Frieden spricht, der heute ausgegossen werde über alles Volk, da redet er matt; es ist, als ob ihm die Kräfte erlahmt wären.
Ich gehe traurig zurück nach meinem Gasthofe. Es regnet noch; ich kann mich kaum durch all die Wagen durchwinden, die auf dem Platze vor dem Hause stehen. Die Gaststube ist vollgepfropft von Leuten, mein Zimmer oben noch nicht aufgeräumt; das Stubenmädchen entschuldigt sich mit den vielen Gästen, die alle des Theaters wegen gekommen sind.
.„Das macht das schlechte Wetter, Madame, und dann, weil das Fräulein spielt!"
„Schicken Sie mir Fräulein von Korinska."
„Die ist in der Probe; sobald sie kommt, will ich's bestellen."
Kurz vor zwölf Uhr tritt Martha bei mir ein; ich kenne sie kaum wieder. In der Hellen Morgenbeleuchtung sieht sie förmlich alt aus, die Augen sind matt, von dunklen Ringen umgeben.
Ich frage sie gütig, ob sie mit mir essen will, denn sie dauert mich. Sie setzt sich zu mir, ißt aber nicht und trinkt nur Zwei Gläser Wein, worauf ein dunkles Roth ihre Wangen färbt. Ihre Toilette ist wie gestern unordentlich; ich habe aber heute nicht das Herz, sie zu tadeln.
Der Direktor hat mir auf mein Verlangen die kleine Proseeniumsloge Vorbehalten. Ich sage es Martha; sie wechselt die Farbe. „Ich glaube, ich kann heute nicht spielen wie sonst," ist ihre Antwort. — Ich spreche von meinem Plan, daß ich sie ausbilden lassen will; sie sieht mich dankbar an, erwidert aber nichts.
Vor den Fenstern erhebt sich jetzt ein riesiges Halloh! Ein Leiterwagen voll Studenten ist vorgesahren, sie scheinen bereits ein wenig angetrunken und verlangen einen „Saal" für sich zum Essen. Wirth und Kellner stehen mitten zwischen den verregneten Burscheu. Unter Lachen und Lärmen geht die Gesellschaft endlich ins Haus.
Der Kellner erscheint bald darauf, bittet mich um Entschuldigung und wendet sich dann lächelnd zu Martha: „Die Herren Studenten haben sich erlaubt, die sämmtlichen Mitglieder der Theatertruppe zum Essen zu laden, Fräulein."
Sie wird ganz blaß. „Ich danke, ich habe bereits gespeist," antwortet sie, und ihre Augen funkeln schier verächtlich.
„Aber sie haben mir gedroht, sie wollten mich aufhängen, wenn ich das Fräulein nicht zur Stelle brächte," sagt er, und vertraulich lächelnd fügt er hinzu: „Auch Herr Raimund läßt sagen, er hoffe, das Fräulein werde theilnehmen."
Sie sieht ihn zornig an und zeigt nach der Thür. Als er hinaus ist, wendet sie sich von mir und geht zum Fenster.
„Wer ist Herr Raimund?" frage ich.
„Der ,Liebhaber' unserer Truppe," klingt es gedämpft.
„Hat er ein Recht, Dir dergleichen sagen zu lassen?" forsche ich unbarmherzig.
„Nein!" sagt sie kurz, und dabei hält sie ihre Stirne gegen die feuchtkalte Scheibe gepreßt.
Wie sie sich endlich umweudet, klagt sie über Schwäche, sie wolle sich noch ein wenig ausruheu, habe auch au dem Kostüm noch etwas zu uäheu; die alte Fuchs verstehe das nicht und sei auch schwerlich nach dem Essen noch imstande dazu. Sie geht, indem sie mir die Hand küßt, und ich sage:
„Kind, habe Muth!"
In demselben Augenblick, als sie auf den Flur tritt, schrillt eine Frauenstimme: ,/s ist wohl unheilig, zu Pfingsten fidel zu sein? Immer apart, immer prüde, wirst ja sehen, was dabei herauskommt! Raimund ist nicht schlecht ärgerlich auf Dich. Spanne die Saiten nicht zu straff bei dem — sie könnten reißen! Du bist nichts anderes als wir alle!"
„Oll Kathrin," denke ich, „diesmal stimmt Deine Philosophie nicht; hier reißen sich Engel und Dämonen um ein armes Menschenherz."
Nachmittags schreibt mir der Oberpfarrer ab; es sei der Diakonus plötzlich erkrankt und folglich er so mit Dienstgeschäften überbürdet, daß er sein Versprechen nicht halten könne. Ob es mir abends passe?
Ich antworte „Nein, aber morgen zu jeder Stunde."
Der Abend kommt endlich heran. Ich gehe, da der Weg weit ist, schon um dreiviertel auf sechs Uhr fort. In dem Park, unter den tröpfelnden Bäumen — der Regen hat aufgehört >— ist es ungemein belebt, alles strebt dem Theaterchen zu. Neben mir rauscht der kleine Fluß; er hat heute lehmfarbenes Wasser und ist bis zum Userrand gestiegen; unheimlich rasch schießen die straffen Wellen dahin, man kann ordentlich schwindlig werden, wenn man hineinsieht. Ein Paar Studenten mit weinseligen Gesichtern stürmen an mir vorüber; ich höre, wie der eine sagt: „Donnerwetter, sieh die Menschheit! Der Musentempel ist für heute entschieden zu klein — es giebt einen Höllenradau!"
Von meiner Loge aus, die ich hinter mir abschließe -- ich habe das Recht dazu für eine ganz nette Summe vom Direktor erkauft -— sehe ich, daß allerdings das Haus bereits gefüllt ist bis auf das letzte Plätzchen, und der Gedanke befällt mich, ob der Rang — es giebt nur einen — und die Galerie nicht zu sammenbrechen und den Unglücklichen im Parterre die Köpfe zerschmettern werden. Es ist ja so baufällig, das kleine Theater, vor Jahren schon sollte es abgerissen werden. Ueberall lachende Gesichter, neugierige Mienen, nur in der Mitte des Ranges gähnt die Leere der sogenannten herrschaftlichen Loge, deren Vorhänge von gänzlich verblichenem rotheu Sammet durch die Fürstenkrone zusammengehalten werden. Sonst alles voll, und immer mehr Leute wollen herein; man hört scheltende Stimmen. Im Orchester, mitten zwischen den Musikanten, die sich kaum zu rühren vermögen, sitzen die angeheiterten Studenten. Die meisten Blicke sind nach oben gewandt, wo die Honoratioren von Borndorf Platz gefunden haben; stattliche wohlbeleibte Frauen, deren Mienen schon jetzt Geringschätzung und Empörung bedeuten; junge hübsche Mädchen mit ängstlich neugierigem oder vergnügtem Ausdruck und im Hintergründe die Herren, bewaffnet mit Operngläsern.
Endlich schlägt eine Glocke an, die Musikanten spielen auf Blasinstrumenten als Ouvertüre ein Motiv aus dem „Fliegenden Holländer", daß mau meint, die Ohren müßten zerspringen, dann ! steigt der Vorhang empor und Fausts Studierzimmer zeigt sich dem Blick. Ob Faust >— ich erkenne den jungen Schauspieler, der mir gestern auf der Treppe begegnet ist und der aus dem Zettel als Herr Raimund steht — seine Sache gut macht, kann ich nicht sagen, ich habe nur einen Gedanken: Martha. Der Herr Direktor ist ein Mephisto, wie man ihn sich nicht besser denken kann. Die Worte rauschen an meinem Ohr vorüber wie der Fluß da draußen. Einmal während einer Pause meine ich sogar dieses Rauschen wirklich zu hören, und es ist auch so, ich besinne mich, daß sich gar nicht weit von hier die Wellen überein Wehr stürzen.
Es ist allmählich drückend heiß hier innen geworden; ein paar Petroleumlampen am Kronleuchter sind zu hoch geschraubt, der Qualm benimmt fast den Athem.
Endlich eine Pause — oder schon die zweite? Die Kapelle spielt den Faustwalzer als Einleitung. Mir ist plötzlich, als packte mich etwas au der Kehle; ich vermag nicht hiuzuseheu ans die Bühne. Dann klingen wohlbekannte Worte an mein Ohr:
„Mein schönes Fräulein, darf ich's wagen —" l Ich sehe nun doch hin; da steht sie und schaut mit seitwärts