Heft 
(1890) 44
Seite
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Septembertagen dieses Jahres die fünfhundertjährige Jubelfeier des Pfeifertages mit ganz besonderem Glanze, nicht bloß mit den üblichen Volksbelustigungen, mit feierlichen: Umzug durch die Straßen, Musik, Tanz, Spiel und Feuerwerk, sondern auch mit wiederholten Aufführungen des historischen FestspielsDie Pfeiferbrüder".

Der Herrengarten, welcher inzwischen Eigenthum der Stadt geworden ist, bildete wie ehemals den Schauplatz für den Hauptakt der Festlichkeiten. Dort befand sich die kunstlose Bühne, ein einfaches Zelttuch umspannte den Zuschauerraum. Das Stück selbst, dessen Rollen durchweg von Rap­poltsweiler Bürgern übernommen waren, spielt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Wilhelm von Rappoltstein wohnt dem Pfeiferge­richte bei, das sein Pseiferkönig Loder abhält, Bewerber um die Aufnahme in die Bruderschaft treten auf und legen in munteren Liedern Proben ihrer Kunst ab. Unter den Sängern befindet sich aber auch ein verkappter Graf von Urslingen, ein Verwandter der Rappoltsteiner, der als Lauten­schläger verkleidet das Land durchzieht, um nach einem vor Jahren von Zigeunern geraubten Bruder zu forschen. Nun hat auf dem Festplatze ein Wunderdoktor, Manubrius, fein Zelt aufgeschlagen,- Elias, fein Pflege- sohu und Gehilfe, weigert sich, länger als Lockvogel für die zu prellen­den Bauern sich brauchen zu lassen, und als Mitglied der Pfeiferbruder­schaft klagt er vor dem Pfeifergerichte wider feinen Pflegevater. Zur Rache beschuldigt ihn dieser der unehelichen Geburt was ihn aus der Bruderschaft ausgeschlossen hätte und des Diebstahls einer goldenen Denkmünze, die Elias am Halse trug. Aber eben diese Denkmünze, ver­bunden mit den Angaben eines beim Hühnerdiebstahl aufgegriffenen Zi­geuners , bringen die Wahrheit an den Tag. Der Urslinger erkennt es ist das die Seene, welche unser Bild Seite 748 darstellt in der Münze ein Geschenk seiner Mutter, und der Zigeuner bestätigt, daß er vor fünfzehn Jahren dem Manubrius ein gestohlen Kind verkauft habe,

welches Elias glich. So findet der Bruder den Bruder wieder, der Bösewicht Manubrius ereilt seine Strafe und alles endigt in Fried, und Freude.

Ehe wir aber den Pfeifertag verlassen, müssen wir noch einmal z: den Schicksalen der Rappoltsteiner Herrschaft zurückkehren. Der letzt, Sproß des mächtigen Geschlechtes war Johann Jakob von Rappoltstein der im Jahre 1673 ohne männliche Nachkommen starb. Um fein Erb« erhub sich ein heißer Streit, aus dem durch Entscheid des französischer Ludwig XIV. schließlich Pfalzgraf Christian II. von Birkenfeld-Zwei brücken, der Gemahl einer Tochter von Johann Jakob, als Sieger hervor ging. Abwechselnd residirten nun die Pfalzgrafen in Birkenfeld, Biscfl Weiler und im Stadtschlosse der Rappoltsteiner. Dort wurde 1756 auck der berühmteste unter den Nachfolgern Christians geboren, derPrinZ Max", der als Herr von Rappoltstein und Oberst eines französischer Regiments in Straßburg lebte. Da kam die Revolution und fegte auch den letzten Rest von Selbständigkeit der Herrschaft Rappoltstein hinweg. Prinz Max floh über den Rhein, und seine Besitzungen wurden als Nationalgut verkauft. Aber der Prinz war zu höherem Vorbehalten.

Im Jahre 1799 starb der Kurfürst Karl Theodor von Bayern, und der Erbe seiner sämmtlichen pfalzbayerischen Länder wurde Max, derselbe, den Napoleon I. im Jahre 1806 zum König von Bayern erhob. Und es ist, als ob die kunstsinnige Ader der alten Rappoltsteiner fortgelebt hätte in dem Geschlecht; Ludwig I. wurde der Gründer der Kunststadt München, Ludwig II. der eifrige Gönner und Förderer des Theaters und der Musik. Wer weiß nicht, wie nahe Richard Wagner diesem Fürsten stand! Wäre der große Meister und Schöpfer desParsifal" und desRings des Nibelungen" vierhundert Jahre früher zur Welt gekommen, man hätte ihn am Ende als ernannten Pfeiferkönig sitzen sehen können und inmitten seiner Getreuen Gericht halten am Pfeifertag.

Mist

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(Schluß.)

Auf schwankem Waden.

Von M. Hennbrivg.

Me Rechte Vorbehalten.

v^och lange wandere ich im Zimmer umher und sage mir immer ^ nur das eine: Martha ist verloren! Ich male mir aus, wie sie den Geliebten heirathen wird, wie sie von einem Ort zum andern mit ihm zieht in Hunger und Elend, wie die Leidenschaft für die Kunst mit Eintritt der Noth und Sorge entflieht und ihre künstlich aufgestachelte Begeisterung so bald, ach so bald, in Asche sinkt; wie sie vor Sehnsucht nach dem friedvollen Leben ihrer Kindheit krankt an Leib und Seele. Ganz furchtbare Bilder sind's, die mich verfolgen. -- Und dann sehe ich sie wiederum, wie sie lacht trotz der Traurigkeit dieses Lebens; sie hat abgestreift, was Gutes und Reines an ihr war, sie nimmt das Leben, wie's nun einmal ist, mit allem Schmutz und aller Verkommenheit, sie ist geworden wie ihre Mutter. Unerträglicher Gedanke!

Giebt es denn keinen Ausweg? Könnte sie nicht wirklich eine Künstlerin werden, eine große, gottbegnadete? Sind nicht einige unserer ersten Künstler aus der Unscheinbarkeit, aus der Schule der Wandertruppe hervorgegangen?

Ich nehme mir vor, sie morgen spielen zu sehen; ich will ihr, wenn sie auch nur einen Funken von Talent hat, den Weg ebnen helfen. Ich erinnere mich plötzlich mit großer Freude der Bekanntschaft des ersten Intendanten am Königlichen Theater zu D. und beschließe, ihm die Kleine vorzustellen; ich will alles für sie thun, will freundlich zu ihr sein. Habe ich denn ein Recht, ihr süßestes Geheimniß kennen zu wollen? Ist es etwas Un­erhörtes, daß solch ein schönes feuriges Mädchen liebt? Darf ich diesem armen Kinde einen Weg erschweren, der ohnehin wahr­lich voll Nesseln und Dornen liegt?

Ich schelte mich tüchtig aus und frage mich:Anna, war das vorhin Deine von Dir so sehr betonte Duldsamkeit, als Du das arme Ding im Zorn verlassen hast? Und das Bild tritt so deutlich jetzt vor meine Augen das kleine Dachstübchen, das schöne Geschöpf, von dem prächtigen Goldhaar umfluthet, auf dem Rande des schmalen Bettes; ich sehe die irren angstvollen Blicke, die Thränen auf den erglühten Wangen; ich sehe den ver­welkten Lorbeerkranz an der getünchten Wand der Mansarde und die breite rothe Schleife darunter. Wie ein Kapitel aus einem Roman ist dieses Bild. Und schon halb im Schlummer flüstere ich Worte wie:Du armes Kind, warte nur, ich helfe Dir; ich spreche auch beim Oberpfarrer für Dich, er soll Dir vergeben in seinem Herzen; des Vaters Segen baut auch Dir vielleicht ein Glück."

Dann werde ich wach. Des Direktors Worte klingen mir in die Ohren:Keinen Funken von Talent hat sie!" Bah! Dieser Ehrenmann spricht ihr das Talent nur ab, weil sie von seiner Truppe scheiden will. Ach Himmel! Das un­glückliche Engagement am fürstlichen Hoftheater!

Jetzt bin ich ganz wach. Ich werde mit dem Bräutigam sprechen.Dahin darf sie nicht!" sage ich halblaut und bestimmt, und dann verliere ich mich wieder in Zukunftsplänen für das Kind und endlich schlafe ich ein.

Am andern Morgen, ziemlich spät, erwache ich. Neben meinem Bette auf dem Tische duftet ein thaufrischer Maiblumen- strauß sicher war Martha im Zimmer.

Als ich die Vorhänge aufziehe, sehe ich trüben, regnerischen Himmel, die Berge jenseits in Nebel gehüllt. Ich schreibe, noch