Heft 
(1906) 01
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Illustriertes familienblatt. ^ öeMnäet von emsrWussr.

beÄchen odne frauenblatt in wöchentlichen Nummern vierteljährlich 2 IN. oäer in vierrehntäglichen Noppelltllmmem 2 U je ZSpf.z mit frauenblatt in wöchentlichen peMN ru je 2§ pk. oäer in vierrehntägllchen VSPpeldeMN ru je SS Pf.

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Paradiesvogel.

Roman von Paul Oskar Locker.

/LUn Rausch war über sie gekommen. Hier in Berlin hatte ^ man nun endlich das Leben im großen Zuge. Wie sie nach der langen Zeit der Stille diese neue Welt genoß!

Also keine Flucht­gedanken mehr?" fragte Doktor Gernot lächelnd seine Tochter.

Sabine schüttelte den Kopf fast heftig. Sie schämte sich jetzt der senti­mentalen Regung bei ihrer Ankunft. Gewiß, ihre Trauer um die Mutter war noch eben so tief wie vor Jahr und Tag. Aber ihrer anfänglichen Ab­neigung gegen die Groß­stadt hatte doch auch ein gut Teil provinzialer Be­fangenheit zugrunde ge­legen. Mit den wachsenden und sich mehrenden Er­folgen in den Salons von Berlin war der weib­liche Stolz in ihr erwacht und der Lebenshunger.

Der Wagen rollte vom Kurfürstendamm ins Ge­heimratsviertelzurück; den Schluß der heutigen Tour bildeten dann ein paar Besuche am Pariser Platz und in den Staatsdienst­wohnungen der Wilhelm­straße. Es blieb fast nirgends beim bloßen Kartenabwerfen: überall

brannte man ja darauf, den ehemaligen Ober- landesgerichtspräsidevten, der durch die politisch be­deutsamen Umstände seiner Demission und seinerWahl

Lie

Gemälde von

in den Reichstag so rasch populär geworden war, persönlich kennen zu lernen. Bezeichnend für den neuen Kurs des Staatsschiffes war es, daß das Interesse für den mutigen Abgeordneten

auch in den obersten Veamtenkreisen offen und furchtlos bekundet werden durfte. Aber Sabinens heimlicher Triumph blieb es dabei doch: die eigent­liche Sensation dieser Em­pfänge bildete gewöhnlich nicht ihr berühmter Papa, sondern sie. In dem un­vergeßlichen Viertelstünd­chen, das sie im Salon der bezaubernd liebens­würdigen Gattin des Reichskanzlers hatte ver­leben dürfen, war sie wohl das glücklichste Menschen­kind von ganz Berlin gewesen.

Auch die Exzellenz von Wpschnewski ließ bitten. Sabine kannte die alte Dame von ihrem einzigen Berliner Besuch her: als sie vor drei Jahren die Hochzeit ihrer damals achtzehnjährigen Pensions­freundin Berte von Wpsch- newsti mitgemacht hatte.

Unterwegs und auf der Treppe orientierte sich Doltor Gernot gewöhnlich noch rasch bei seiner Tochter über die Herrschaften, die auf der Liste standen, oder er gab ihr mit ein paar meist humoristischen Stichwörtern selbst einige Aufklärungen. Es hatte sich dabei eine Art Tele»

belei.

Otto Kirberg.

1906. Nr. 1

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