grammstil herausgebildet, der sie beide belustigte. „Wpschnewski — Rat erster Klasse — Gattin geborene Dulein," sagte Doktor Gernot. „Stimmt's?"
„Stimmt. Und Tochter Berte unmenschlich glücklich verheiratet — junge Mutter — zwei Prachtbuben — der junge Herr Papa Legationsrat, Madrid."
„Name?"
„Von Tielernhorst-Trenklin."
„Behalf ich doch nicht."
„Ist auch kaum nötig. Zum Sprechen kommt man überhaupt nicht, das besorgt die Exzellenz ganz allein."
Sie lachten beide kurz auf. Gleich darauf traten sie in das vom Diener mit einer feierlichen Verbeugung geöffnete Empfangszimmer.
Es war noch mehr Besuch da. Das hielt die alte Exzellenz aber nicht ab, Sabine, als die ihr die Hand küssen wollte, mit wortreicher Herzlichkeit zu umarmen.
„Mein liebes, liebes Fräulein Sabine! Nein, lassen Sie sich doch ansehen — Sie sind ja bildhübsch geworden, aber bildhübsch — und meine Berte schon Mama, zweimal Mama, ist es nicht schrecklich? Ich freue mich natürlich furchtbar. Hat sie Ihnen geschrieben, daß sie wahrscheinlich noch dieses Frühjahr herversetzt werden? — Herzlich willkommen in Berlin, Herr Präsident! Mein Mann wird unendlich bedauern, er ist bei Graf Rederen auf Jagd. Lassen Sie sich bekannt machen, bitte. Herr Doktor Gernot, Oberlandesgerichtspräsident —"
„Nicht mehr, Exzellenz, ich bin ja ausgeschieden aus dem Staatsdienst."
„O richtig. Sie müssen mir viel erzählen, mein Mann hat sich sehr dafür interessiert. Also — das Fräulein Tochter. Sie gestatten, liebste Baronin..."
Es kam außer der Exzellenz zunächst wirklich niemand zu Wort. Im Vorstellen hatte die Exzellenz eine erstaunliche Gewandtheit: es ging so rasch, daß keiner der Namen, die sie nannte, zu verstehen war. Ihr Verkehr schien sehr ausgedehnt zu sein; sie galt im Berliner Westen für eine der tätigsten Veranstalterinnen von Wohltätigkeitstees, Basaren und Festvorstellungen. Natürlich ward auch Sabine Gernot alsbald verpflichtet, auf einer dieser Unternehmungen mitzuwirken.
„Am Sonnabend ist das Flottenfest. Frau von Lossen braucht noch dringend eine Hilfe am Büfett. Wie wär's, liebes Fräulein Gernot?" Die Exzellenz ließ ihren Blick rasch über Sabinens elegante Vesuchstoilette von taubengrauem Tuch schweifen. „Denn Sie trauern doch nicht mehr? Mit Ihrer Frau Tante kam das so unerwartet, nicht wahr? Es hat mir unendlich leid getan. — Das war wohl mit ein Grund, Herr Präsident, daß Sie Ihr Fräulein Tochter mitgebracht haben?"
„Gewiß, Exzellenz. Erst der Kummer um ihre arme Mama -— und kaum daß man das unheimliche Schwarz überwunden hatte, der neue Trauerfall mit meiner Schwägerin. Sie käme mir sonst ja um ihre schönsten Jahre, die Kleine."
„Fräulein Sabine ist geradezu eine blendende Schönheit geworden!"
Nun mischte sich eine feine, überaus graziöse Blondine ins Gespräch. Sie hatte einen forschen Ton, etwas Offiziersmäßiges, was zu ihrer sezessionistischen Erscheinung im ganzen nicht so recht passen wollte.
„Wär's nicht eine Versündigung, Exzellenz, wenn man das gnädige Fräulein auf dem Basar ans Büfett stellen wollte?" Sie tauschte mit ihrem hübschen jungen Gegenüber einen lustigen Blick aus, der Sabine sofort für sie einnahm. „Wenn ich mitbestimmen dürfte, bekäme das gnädige Fräulein etwas Amüsanteres."
„Aber natürlich, amüsieren sollen Sie sich auf alle Fälle!" fiel die Exzellenz ein, Sabinens Hand pätschelnd. „Es ist bloß nichts anderes mehr frei."
„Dann überlasse ich Ihnen meine Sektbude. Sie wollen doch gewiß auch tanzen, nicht wahr? Nun also, und ich tanze längst nicht mehr."
Die Exzellenz schalt lachend über die Jugend von heute, auch ein paar Herren protestierten lebhaft dagegen, daß die auffallend hübsche Sektbudeninhaberin des Flottenfestes dem Tanz abschwören wollte.
Man einigte sich schließlich dahin, daß die beiden Damen das Sektzelt gemeinsam verwalten sollten; und es kam zwischen ihnen zu einer Erörterung der Farben, die sie an dem Abend tragen würden und die miteinander harmonieren mußten. Inzwischen sah Doktor Gernot die Blondine, die seine Tochter sofort so liebenswürdig protegierte, etwas verwundert und prüfend an. In der lustigen Debatte, die sich übers Tanzen entspann, ward sie mehrfach „Frau Baronin" angeredet. Er hatte sie für ein blutjunges Ding gehalten, jedenfalls nicht für älter als Sabine.
„Gewiß sind Sie eine Schulfreundin des Haustöchterchens gewesen, meine Gnädigste?" fragte er sie hernach, eine Anknüpfung suchend.
Diese lachte hell auf. „Bitte, bitte, fragen Sie um Himmelswillen nicht weiter in dieser Richtung. Denn wenn ich Ihnen beichten muß, mit welchem Jahrgang ich die Eins-^ verlassen habe, erstarren Sie a tempo vor Ehrfurcht. Ich bin steinalt. Uralt. Fünfundzwanzig gewesen."
„Das ist allerdings furchtbar," scherzte er, auf ihren Ton eingehend; „besonders in den Augen eines Achtundvierzigers."
Sie nickte in drollig wirkender Resignation. „Wer hilft mir jetzt aus der Patsche? Es müßte einem schon etwas überwältigend Geistreiches einfallen, um sich da noch herauszuwinden."
„Versuchen müssen Sie's nun schon."
„Hm. Schwer ist es. Denn wenn ich Ihnen das Kompliment mache, daß ich Sie zuerst für den Gatten Ihrer Tochter gehalten habe, dann glauben Sie mir's ja doch nicht. Oder?"
„Es ist kein Kompliment übertrieben genug, als daß ein Mann es nicht glaubte."
„Soll heißen: eine Frau?"
„Bewahre. Wir Männer sind ja noch viel schlimmer."
„Das Gefährliche ist nur, daß Sie's eingestehen."
„Gefährlich für wen?"
„Fragezeichen, Ausrufungszeichen, Gedankenstrich!"
Die Exzellenz war immer etwas eifersüchtig, wenn irgendwo sich zwei gut unterhielten, ohne daß sie dabei war. Das hübsch eingefädelte Geplauder zwischen den beiden kam also rasch ins Stocken. Aber sie musterten einander während des folgenden um so interessierter. In dem pikanten Gesicht der jungen Baronin stand ein Urteil über ihn. Das lautete zweifellos: charmant! Und Doktor Gernot gab seiner Tochter einen verstohlenen Augenwink — den sein Gegenüber aber auffangen konnte — der ungefähr besagte: die ist ja allerliebst!
Neuer Besuch ward gemeldet, die Mehrzahl der Anwesenden erhob sich. Verbeugungen, Handküsse, Händeschütteln, Hackenzusammenschlagen und allerhand Gemurmel. Aber Sabine und ihr Papa wurden von der Hausfrau noch zurückgehalten, obwohl nun wieder aufs neue eine wortreiche Begrüßung losging. So erbat sich denn Sabine von der jungen Frau, mit der sie das Sektzelt teilen sollte, noch einige Auskunft über das Fest und die Toilettenfrage.
„Am besten, Sie besuchen mich, gnädiges Fräulein. Wollen Sie? Dann schwatzen wir darüber. Meine Adresse ist Viktoria- Luise-Platz 4L, Freifrau von Gamp. — Sie sind erst kürzlich noch Berlin übergesiedelt?"
„Übergesiedelt noch gar nicht. Unsere Möbel stehen auf dem Speicher. Papa wollte erst sehen, ob ich mich hier einlebe."
„Das werden Sie doch?"
„Ja — jetzt hoffe ich's."
„Ich mußte Sie vorhin immerzu an gucken. Sein Sie mir nicht böse. Ihr Herr Papa und Sie — ganz famos, wie Sie so eintraten."
„Papa ist ja viel — wie soll ich sagen — viel bedeutender. Ach, man kann das gar nicht vergleichen." Sie hob die