Heft 
(1906) 01
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behandschuhten Hände zu den Wangen.O Gott, ich glaube, ich bin ganz rot geworden."

Doktor Gernot war groß und schlank. Sein militärisch kurzes, am Scheitel etwas dünnes Haar war fast weiß, der Schnurrbart noch dunkel. Die gesunde rote Gesichtsfarbe, die ziemlich große Nase, die gute Haltung und prägnante Rede­weise verliehen ihm etwas Feudales. Aber seine großen, dunkelblauen Gelehrtenaugen und die mächtigen, den Denker verratenden Stirnbuckel, auf denen die starken, fast schwarzen Brauen standen, vertrugen sich nicht mit dem landjunkerlichen Eindruck. Sabine hatte Höhe und Schlankheit der Gestalt vom Vater, aber den feinen, vornehmen Typ ihrer Mutter. Frau von Gamp meinte: wenn Fräulein Gernot einen

Florentiner Strohhut aufsetzte, so müßte sie aussehen wie aus einem Bild von Gainsborough herausgeschnitten.

Endlich kamen sie los zugleich mit der Freifrau von Gamp, mit der sie dann auf der einem mächtigen Salon gleichenden Diele und auf dem Weg über die Treppe im Ge­spräch blieben.Übrigens noch das eine," sagte sie, auf den Besuch zurückkommend, den Sabine ihr versprochen hatte,eine feierliche Visite soll es natürlich nicht sein. Melden Sie sich telephonisch an. Ja? Oder wir treffen uns. Reiten Sie?"

Sabine wechselte einen Blick mit ihrem Vater und lächelte. Versprochen ist mir's schon seit Jahren, daß ich's lernen soll."

Es hat sich bisher nie so recht arrangieren wollen," sagte Gernot.Zuerst kam die Trauer dazwischen ich selbst Hab' seit meiner Referendarzeit nicht mehr im Sattel gesessen und hier in Berlin nun gar. Jede meiner Stunden ist be­setzt. Und schließlich kann eine junge Dame doch nicht ohne den üblichen Elefanten ausreiten falls das Bild nicht zu gewagt ist. Auf Pferdekauf, Stallung usw. Hab ich mich für diesen Winter natürlich auch nicht präpariert."

Die Baronin von Gamp lächelte.Papa ist der Leiter des Tiergartentattersalls da hätten Sie's also bequem, Pferde zu bekommen. Und auch die dazu erforderlichen Elefanten: verständige Reitlehrer, Reitgesellschaft und was Sie wollen."

Väterchen das wäre doch himmlisch!"

Sagen Sie aber um Himmelswillen nicht weiter, daß ich auf dem Jour der güten Exzellenz für Papas Tattersall Kunden geangelt habe," sagte sie in leicht parodistischer Angst.

Sie sind allerliebst, gnädigste Baronin!" schmeichelte Sabine, offenbar selig, daß ein lange von ihr gehegter Wunsch der Erfüllung nahe war.Wann gehen wir hin, Väterchen?"

Komoren Sie, wenn Papa dort ist, er wird Ihnen dann sicher selbst die Honneurs machen. Sie müssen ihn nur vor­her telephonisch anrufen und sich anmelden, denn er ist den halben Tag im Sattel. Sixt von Soter ist der Name."

Und sehen wir dann auch Sie, gnädigste Baronin? Ach bitte, bitte, das wäre zu charmant!"

Wenn ich's früh genug erfahre gern."

Sie waren inzwischen auf die Straße hinaus getreten. Frau von Gamp musterte das Coupä, das Doktor Gernot für seine Vesuchstouren gemietet hatte, mit raschem Kennerblick. Es stammte nicht aus dem Geschäft ihres Vaters. Zwischen der Haustür und dem Wagenschlag fand die Verabschiedung statt so herzlich, als ob sie sich schon seit Jahren kannten. Vater und Tochter sahen aus dem Wagenfenster der eleganten Erscheinung nach, und Doktor Gernot zog noch einmal tief den Hut, als sie die junge Baronin überholten. Sie hatte einen flotten Gang. Die geschmeidigen Linien ihrer schlanken, aber nicht besonders großen Gestalt kamen in dem knappen Maul­wurfsbolero und dem modernen, an die Hüften enganliegenden Rock vorzüglich zur Geltung. Auffallend wirkte sie unbedingt, schon durch das ganz besondere Blond. Beim Überholen glaubte Sabine im Hellen Sonnenlicht eine leichte Puder­schicht auf ihren Wangen zu bemerken und zwei feingezogene, dunkele Augenstriche, die ihr im Salon der Exzellenz oben entgangen waren.

Jedenfalls ist sie die amüsanteste Bekanntschaft von der ganzen Tour. Nicht, Papa?"

Sixt von Soter so hieß doch damals der Gestüts­direktor, der den Skandal hatte? Na, du entsinnst dich natürlich nicht, das ist schon mehrere Jahre her, du warst knapp aus der Schule. Und Gamp, Gamp, Gamp. Es war nämlich ein Prozeß. Oder nein, es kam gar nicht zum Prozeß. Aber irgend etwas mit einer ganz verteufelten Pferdegeschichte war dabei."

Na, Vatting die Pythia ist ein Waisenkind gegen dich!" lachte Sabine.

Halt, ich hab's. Ganz recht: ein Freiherr von Gamp war's. Ja. Bekannter Herrenreiter. Der hatte da ein Pedigree gefälscht alle Pferdestammbaumgelehrten standen Kopf Sixt von Soter, der Gestütsdirektor, war mit düpiert worden, mußte dann aber auch vom Platze weichen, weil der Baron von Gamp ja, jetzt weiß ich's ganz genau weil Gamp, der Attentäter, sein Schwiegersohn war."

Nicht möglich!"

Ich erinnere mich deshalb, weil ein Vetter von unserer Mama mit Herren von Gamps Regiment verkehrte."

Der war Offizier, der Baron von Gamp?"

Ja. Aber als die Sache in die Zeitungen kam, schon nicht mehr. Er hatte bei Zeiten seinen Abschied genommen und Fersengeld gegeben und ward nicht mehr gesehen."

Ein Gedächtnis hast du, Papa, großartig. Und die Frau von ihm?"

Ließ sich scheiden."

Freifrau von Gamp. Asta von Gamp. Hm. Ob es die ist?"

Zweifellos."

Schade!"

Ja!"

Sie verharrten eine Zeitlang schweigend. Da sie heute im Restaurant speisen wollten, ging die Fahrt mitten in die glänzend belebte Stadt hinein, die im Hellen Sonnenlicht eines ungewöhnlich schönen Februartages vor ihnen lag.

Warum eigentlich schade?" fragte Doktor Gernot nach einer Weile.Wie meinst du das, Sabine?"

Nun, ich denke, man kann da vielleicht doch keinen Ver­kehr aufnehmen"

Hm. Na, da die Exzellenz von Wyschnewski sie empfängt, kannst du eigentlich beruhigt sein. Ünd kleinlich warst du doch nie. Wenn sie Unglück gehabt hat mein Gott!"

Du hast sie doch auch allerliebst gefunden?"

Doktor Gernot nickte.Einen Blick hat sie! Aber wie du bestimmst, Sabinchen. Wenn du die Reitgeschichte lieber lassen willst ..."

O bitte, davon kommst du jetzt nicht mehr los, Vatting!"

Nun lachten sie beide. Sie waren dann bei der Mahlzeit sehr fröhlich und angeregt. Und immer wieder kamen sie auf die hübsche, junge, blonde, allerliebste Baronin zurück.

^ *

Bei ihrem ersten Besuch in: Tattersall verfehlten sie Herrn Sixt von Soter. Trotzdem ein scharfer Wind pfiff, trieb er sich im Sattel draußen im Grunewald herum. Jur Bureau wurde also der geschäftliche Teil erledigt und die erste Reit- stunde festgesetzt.

Natürlich begleitete Doktor Gernot seine Tochter dann zu den: wichtiger: Ereignis.

Sabine hatte in eurem gut empfohlenen Magazin einen schwarzen Reitdreß anfertigen lassen. Sie sah ganz flott darin aus und gefiel ihrem Vater sehr. Aber als ihnen in der Aufsteighalle die Baronin von Gamp in ihrem ganz modernen Kostüm mit der legeren Bluse und dem rundgeschnittenen Rock entgegentrat, merkte Sabine sofort, daß sie vom richtigen Großstadtschick doch noch eine weite Strecke entfernt war.

Ein bißchen bänglich war ihr's doch geworden, in Er­wartung der kommenden Dinge, trotzdem sie mit guter Laune auf die frische Tonart einging, die Frau von Gamp anschlug.