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Durch einen schmalen langen, ziemlich mangelhaft erleuchteten Hofgang, der an einer Reihe von Stadtbahnbogen entlangführte, mar man in die hohe Halle gelangt, deren Boden mit gelbem Sand bestreut war. Aus den benachbarten Ställen drang der animalische Hauch herein. Man horte das Stampfen und Wiehern, das Rasseln der Ketten, das schabende Geräusch in den Futterraufen, dazwischen immer wieder das Donnern der Stadtbahnzüge. In der Halle, an derer: Seite eine Art offerier Galerie zu der: Garderoben führte, war ein fortgesetztes Kommen und Gehen. Elegantes Publikum verkehrte hier. In den Pensionsstallungen standen gegen hundert Pferde, ein kleinerer Stall, davon getrennt, enthielt den Stolz des Tattersalls, die Rennpferde Sixt von Soters. Die mindere Klasse, die durch täglich mehrmaliges Verleihen an Reitschüler stark strapaziert wurde, befand sich in verschiedenen Abteilungen neben den Wagenremisen unter den Stadtbahnbogen, wo auch die Wagenpferde untergebracht waren. Stallburschen in Hemdsärmeln, langen Schürzen und roten Westen führten die Pferde in die Aufsteighalle, schlanke Reitlehrer und Stallmeister in schwarzen Röcken und Zylindern nahmen die Schüler und Stammgäste in Empfang. Die meisten schwangen sich vom ebenen Boden aus in den Sattel, einige ältere Damen und Herren ließen sich ihre Pferde aber auch an die Estrade heranführen. In einem weiten, ziemlich steil ansteigenden Kehrbogen führte der dick mit Sand beschüttete Gang zum oberen Stockwerk empor, wo sich die beiden Reitbahnen befanden. Sabine sollte in der kleineren, der für Schüler bestimmten Abteilung ihre ersten Reitversuche vornehuren.
Die Baronin hatte einen der Reitlehrer herbeirufen lassen, den sie dem Paar vorstellte.
„Ist schon ein Pferd für das gnädige Fräulein bestimmt?" fragte der junge Kavallerist.
„Fräulein Gernot soll meine Rappstute haben."
„Gleich das erstemal? Ist die nicht ein bißchen frisch?"
„Ich war drei Stunden mit ihr an der Havel draußen. Sie wird jetzt kreuzbrav sein, sogar ohne Kandare, auf einfache Trense."
Es war ein schönes junges Tier. Als es hereingeführt würde, hielt es sofort auf seine Herrin zu. Asta von Gamp streichelte die Stute und unterwies dann die mit leicht geröteten Wangen dabeistehende Reitschülerin in: Aufsitzen. Stallmeister Börn leistete die erforderliche Hilfe, indem er sich beugte und die junge Dame auf seine verschränkten Hände treten ließ. Sabine flog leicht in den Sattel, fühlte sich zunächst aber recht unsicher droben. Erst als Frau von Gamp ihr das. rechte Knie unterm Reitrock über den hornartigen Ausläufer des Sattels führte und ihren: linken Fuß eine Stütze im Bügel gab, gewann sie Zutrauen.
„Nun Daumen halten!" bedang sie sich lächelnd aus, als der Stallmeister, der ihr die Trense eingehändigt und sie über die nächsten Hilfen unterrichtet hatte, ihr Reitpferd an: Zügel nahm und mit ihr in den: zur Bahn emporführenden Gang verschwand.
„Famos halt sie sich!" sagte Doktor Gernot stolz. „Nicht?"
Frau von Gamp stimmte fröhlich zu und lud ihn ein, sie auf der Treppe hinauf zu begleiten: oben träfen sie das Paar dann wieder.
Es kan: in der kleinen Bahn zu einem für beide Teile sehr anregenden Stündchen. Sabinens Augen blitzten, ihre Wangen glühten. Auf die beifälligen oder ermunternden, meist scherzhaften Zurufe des Paares, das von der Logenbrüstung aus zusah, vermochte sie nicht immer zu erwidern, weil ihre Aufmerksamkeit gespannt auf die Befehle ihres Lehrmeisters gerichtet war. Aber Spaß machte ihr die Sache offenbar. Besonders als ihr ein erster Trab und ein erster Galopp ohne Schwierigkeit und ohne Unfall gelungen waren — was freilich in erster Linie das Verdienst des Pferdes war, das aufs Damenreiten besonders gut eingeschult und zu irgendwelchen Kapriolen heute nicht mehr aufgelegt schien.
An die Zuschauerloge der kleinen Bahn stieß die der großen. Nach den: Stimmengewirr zu urteilen, herrschte dort ein starker Verkehr. Von der Empore der Nachbarbahn erklangen plötzlich die flotten Klänge einer Kavalleriekapelle.
„Es ist heute Musikreiten," erklärte Frau von Gamp, als Gernot sie überrascht fragend ansah, „das müssen Sie kennen lernen. Was das Tiergartenviertel an leidlichem Material besitzt, wird an diesen Tagen immer hier vorgeritten."
Natürlich war er einverstanden, sie zu begleiten. So überließen sie denn Sabine für ein Weilchen ihrem Schicksal und begaben sich nach der Nachbarloge, in der eine höchst elegante Gesellschaft versammelt war.
Gernot war äußerst überrascht von der mächtigen Ausdehnung der Bahn. In der Riesenhalle, die durch ein halbes Dutzend unter der eisernen Deckenwölbung schwebender Bogenlampen erhellt wurde, bewegten über hundert Reiter in vier- und sechsfachen Reihen ihre Pferde nach der fröhlichen Musik. Soeben ward das Kavalleriesignal zum Trabe gegeben. Rauschend ging's darauf an der Balustrade der Loge vorbei. Das Bild war ungemein fesselnd. Die Kapelle spielte einen modernen Walzer. Dahinein mischten sich das Wiehern und der Hufschlag. Man atmete den gesunden warmen Dunst der in der kühlen Luft dampfenden Pferde, man hörte das Lachen und Durcheinandersprechen der Reiter und Reiterinnen. Die Mehrzahl der Damen trug Blumen im Gürtel. Die meisten jüngeren Damen hatten die neue amerikanische Haartracht, die dem Mozartzopf ähnelt. Man sah viel hübsche Gesichter und biegsame Gestalten. Es war ein glänzendes und heiteres Bild, festlich besonders durch das vorzügliche Material der wohlgepflegten Pferde.
„Aber ich halte Sie vom Mitreiten ab, gnädige Frau. Ich wäre untröstlich, wenn Sie mir ein Opfer brächten."
„Es ist kein Opfer für mich. Und wäre es eines, dann dürften Sie nicht untröstlich sein. Denn Sie nähmen mir damit ja die Freude, es zu bringen."
Sie fand immer eine nette Wendung. Und wie sie's sagte, klang es so ungekünstelt, daß er sich sofort wieder stark für ihre ganze Art erwärmte. Da sie der Brüstung näher stand als er, konnte sein Blick sie unauffällig streifen. Ihr Profil mit der pariserischen Nase war ungemein pikant, besonders wenn in ihren Zügen vorübergehend, wie eben jetzt, ein etwas schwermütiger Ausdruck auftauchte. Plötzlich blitzte es nun in ihren großen, lebhaften graublauen Augen.
„Da ist Papa!" sagte sie hastig und salutierte mit den: Reitstock nach einer martialischen Erscheinung auf hohem Falben inmitten der Bahn.
Der alte Herr, der sich in lebhaftem Gespräch mit den neben ihm reitenden Damen befand, seine Blicke dabei aber überall hinschweifen ließ, grüßte durch zeremonielles langsames Abnehmen seines Zylinderhutes, den er während einiger Schritte handbreit hinter den: rechten Schenkel hielt. Er hatte weißes, ganz kurz geschorenes Haar und einen grauweißen Schnurrbart, der sich in dickem, fast geschlossenem Kranz um seinen Mund legte. Das gab seinem Ausdruck etwas Verschmitztes. Sixt von Soter war stark wettergebräunt. Trotzdem er ein fleißiger und guter Reiter zu sein schien, verfügte er über ein kleines Embonpoint. Als er bei der nächsten Runde im Trab an der Loge vorüberkam, grüßte er seine Tochter und deren Begleiter noch einmal, ebenso feierlich wie zuvor.
Gleich darauf ging die Kavalkade in Galopp über. Dabei stieg der Falbe. Aber er zwang ihn nieder, ohne die rechte Hand auch nur anzulegen.
„Brillant!" lobte Gernot.
„Das ist eben auch das Einzige, was ihn: im Leben geblieben ist, das Reiten!" sagte Asta unter einen: Lächeln, worin eine gewisse Wehmut lag.
Es ließ sich darauf nicht gut etwas erwidern. Gernot hatte auch gar kein starkes Bedürfnis zu sprechen. Es war ihm an sich ein Genuß, der lebhaften, pikanten jungen Frau nahe zu sein und sie zu hören. Ihr Ausdruck, ihr Tonfall brachten jede Minute etwas ihm Neues.