Heft 
(1906) 01
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Nach einer Weile, während deren ihre Blicke dem glän­zenden Reiterbild folgten, seufzte sie leicht auf und sagte: Lassen wir das Vergangene!"

Nun mußte er ihrem Gedankengang wohl oder übel folgen und auf ein Thema eingehen, das einige Vorsicht erforderte. Denn Menschenkenner genug war er doch, um herauszufühlen: sie wollte von dem sprechen, was sie scheinbar begrub.

Sie sagten das fast mit ein wenig Groll, gnädigste Baronin!" begann er in fragendem Ton.

Während ihres Gesprächs blieben sie nach wie vor an der Balustrade stehen. Die Mehrzahl der Vorüberreitenden kannte die junge Baronin und grüßte. Sie dankte mit großer Kunst: herablassend und doch scheinbar verbindlich, wenn nicht kame­radschaftlich durch ein blitzartiges Aufzucken in ihren ausdrucks­vollen und beweglichen, jetzt feuersprühenden, gleich darauf kühl abweisenden Augen.

Es gibt Dinge, die die Welt wohl verzeihen aber nie vergessen kann. Papa wird von der Welt umgekehrt be­handelt. Man hat zwar vergessen, wie es kam, daß er von seinem hohen Posten zum Tattersallleiter herabsteigen mußte, aber man kann es ihm nicht verzeihen." Sie lächelte ein wenig müde.Das sind kleine, feine Imponderabilien. Wenn ich Sie nicht darauf aufmerksam machte, würden Sie sie viel­leicht gar nicht sogleich merken."

Er empfand: sie litt darunter, daß die Rolle, die ihr Vater spielte, feudaler Tradition so wenig entsprach.

Machen Sie Ihre Lage nicht geflissentlich schlechter, als sie ist?"

Vielleicht."

Mit Absicht? Warum?"

Sie warf ihm unter einer trotzigen Bewegung mit dem Kopf einen flüchtigen Blick zu.Weil ich niemand ent­täuschen will."

Ihr Gespräch ging unter Pausen. Es bekam dadurch einen Fortschritt mit jedem Satz. Sie hatte ihren Ton ge­dämpft, obwohl sie nach wie vor mit keck erhobenem Naschen ganz vorn an der Brüstung hielt und ihren Blick frei über die Bahn schweifen ließ. Er sprach nun gleichfalls etwas leiser als zuvor.

Als ich Sie neulich sah, hielt ich Sie für ein recht ver­hätscheltes Sonntagskind,, gnädige Frau."

Ich hätte es sein können. Gewiß. Aber was ich schon Hab' durchkämpfen müssen, ahnen Sie wohl kaum."

Als Tochter?"

Auch. Mehr noch als Frau."

Ich frage wirklich nicht aus brutaler Neugier."

Sie hob leicht die Schultern; es war wie ein mattes Auf­seufzen.Wo anfangen? Alles kann ich Ihnen ja doch nicht klar machen. Wenigstens nicht so ehrlich, wie es sein müßte."

Nicht so ehrlich? Wie meinen Sie das?"

Weil ich Partei bin also selbstverständlich färbe."

Hm. Sie sind der ehrlichste Mensch, der mir seit langem begegnet ist."

Selbst die Illusion muß ich Ihnen nehmen. Ich bin nur aus Berechnung so offenherzig. Denn ich weiß: daß ich nicht objektiv historisch schildere, erfahren Sie hinterher ja doch."

Nun mußte er lächeln. Originell war sie jedenfalls.Ich war ja lange Zeit Richter, gnädige Frau!" gab er ihr mit scherzendem Beiklang zu bedenken.

Juristisch lag der Fall ganz einfach." Sie blickte ihm mit einer raschen Wendung frei ins Auge.Hat man's Ihnen wirklich noch nicht zum besten gegeben?"

Er konnte mit gutem Gewissen verneinen.

Baron Gamp soll ein Pedigree geändert haben."

Und darüber kam's zu einem Prozeß?"

Nein. Die Vollblutstute, um die sich's handelte, war eingegangen, und da hatte der Besitzer kein Interesse mehr daran, die Sache zu verfolgen."

Einiges davon las ich damals in den Zeitungen. Ganz aufgeklärt hat sich's also nie?"

Nie!"

Baron Gamp verschwand?"

Ja. Und ließ seine Frau als Beute für den Klatsch Zurück. Nach Jahr und Tag kam's dann ja endlich zur Scheidung. Aber die böse Zeit dazwischen!"

Wo steckt er jetzt? Was ist aus ihm geworden?"

Ein schmerzliches Zucken ging durch ihr Antlitz.Kara­wanenführer in Syrien. Oder so etwas Ähnliches im großen Elend draußen." Gequält brach sie ab.Aber nun, bitte, bitte, wirklich ein anderes Thema!" Sie wandte sich hastig

der Tür zur Nachbarloge zu.Sehen wir nach Ihrem Fräu­lein Tochter!"

Er folgte ihr. Ton und Inhalt der paar letzten Sätze hatten ihn überrascht. Der Ausdruck, mit dem sie über ihren geschiedenen Mann sprach, hatte etwas so Zerstörtes, Hilfloses gehabt, ohne daß auch nur die geringste Pose darin lag, daß ihn ein wahres Erbarmen ergriff.

Frau von Gamp gewann indes nebenan, indem sie wieder in die Reitinstruktion eingriff, rasch die vorige Munterkeit zurück. Es gingen Leben und Wärme von ihr aus. Während einiger Volten, die Sabine im Trab ausführte, klang ihr Heller Ton fröhlich durch die Bahn.

Jetzt müssen Sie aber abbrechen, gnädiges Fräulein!" rief sie endlich. Ihrem forschen Kommando merkte man die Gewohnheit des Befehlens wohl an. Sabine war schon ziem­lich ausgepumpt. Aber ein gewisser Ehrgeiz hatte sie erfaßt.

Noch einen einzigen Trab es war zu himmlisch! Allons!"

Nein, nein, Abteilung halt!"

Sabine schickte sich trotzdem an, die schulgemäße Hilfe zu geben, aber auf einen kurzen Pfiff der Baronin stand die Rappstute unbeweglich und wandte den Kopf nach der Loge. Sabine war verdutzt. Trotzdem auch ihr Vater sie warnte, sich nicht zu viel zuzumuten, protestierte sie übermütig gegen die Gewaltmaßregel ihrer jungen Lehrmeisterin.

Inzwischen war die Baronin schon durch die Logentür ent­schwunden und in die Bahn geeilt. Sie duldete keine

Widerrede.

Wie müde Sie sind, das werden Sie erst morgen früh beim Aufstehen spüren, gnädiges Fräulein. Und abends dürfen Sie mir doch nicht abgespannt sein. Bedenken Sie: das Flottenfest!"

Daran hatte Sabine in ihrem reiterischen Eifer kaum mehr gedacht. Sie lachte.O darum das Machtwort?"

Gewiß. Ich habe meinen Bekannten schon so viel von Ihnen vorgeschwärmt Sie sind also verpflichtet, morgen abend unwiderstehlich zu sein."

Sabine nahm nun willig die Hilfe des Reitlehrers an und sprang fröhlich zu Boden.Das ist allerdings ein gewichtiger Grund. Wenn Sie wirklich glauben, ein letzter Trab hätte mir das unmöglich gemacht!" Sie behielt die scherzende Tonart bei. Ihre Wangen waren heiß. Sie verließen die Bahn Arm in Arm und trafen draußen mit Gernot zusammen. Soeben stieß auch Sixt von Soter dazu: das Musikreiten hatte schon vor einer kleinen Viertelstunde sein Ende erreicht.

Die neueste sportliche Errungenschaft!" stellte Asta die junge Reiterin ihrem Vater vor, der mit tief abgezogenem Zylinder die Neuankömmlinge willkommen hieß.

Paarweise blieb es bei einer fröhlichen, ungezwungenen Unterhaltung, während sie die Treppe zur Aufsteighalle hinab­schritten. Sabine war selig, wenn auch allem Anschein nach ein bißchen zerschlagen.

Gernots Blick streifte immer wieder die vor ihm gehende Frau von Gamp, die bei seiner Tochter kordial eingehängt hatte. Mit jedem Nerv erschien sie ihm jetzt wieder der Froh­sinn und die Lebenslust in Person. Sabine hatte ihrer Lehr­meisterin die kleine Bevormundung durchaus nicht übel­genommen. Im Gegenteil, zwischen den beiden Damen schien sich eine regelrechte Freundschaft entspinnen zu wollen.

Gernot verweilte nur mit halbem Ohr bei dem sportlichen Gespräch mit Herrn von Soter. Da die Damen ein Wieder-