Heft 
(1906) 01
Seite
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sehen gleich für den nächsten Morgen verabredeten, so über­legte er, wie er's einrichten könnte, um dabei zu sein und Frau von Gamp mit zu begrüßen. Er hatte um die betreffende Stunde eine wichtige Kommissionssitzung; Sabine wußte das und erwähnte es nebenbei.

Als sie sich trennten und er als letzter sich von Frau Asta verabschiedete, sagte er ihr lächelnd:Unter diesen Umständen muß ich die Amtsgeschäste morgen früh natürlich schwänzen!"

Sie schien die Bedeutung zu verstehen: wie in einem geheimen Einverständnis tauchte ihr Blick für eine Sekunde irr den seinen.

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So häufig Frau von Gamp auf den großen Festen des Berliner Westens zu sehen war: einen regelrechten gesellschaft­lichen Verkehr unterhielt sie nicht. Man begegnete ihr wohl auch ab und zu in Privathäusern erster Finanzkreise; das waren aber nur solche, in denen eine weitgehende Gastfreund­schaft ohne Gegenseitigkeit ausgeübt wurde. Ihre gesellschaft­liche Rolle war im Winter darum meist von der Bedeutung der Wohltätigkeitsfeste und Basare abhängig, in deren Komitees sie Sitz und Stimme zu haben pflegte. Mehr zur Geltung kam sie im Frühjahr, wo sie in sportlichen Kreisen viel ge­lrannt wurde, denn sie galt für eine der besten Reiterinnen der Reichshauptstadt. Auch auf den Rennplätzen hatte sie ihr Renommee und ihren Kreis. In den Logen dort bewegte sie sich mitten unter dem feudalen Adel der Garde. Das ver­dankte sie der guten Einführung durch Exzellenz von Wrffchnewski und außerdem ihren pariserischen und doch überaus dezenten Frühjahrstoiletten. Sabine bewunderte sie bei jeder Begegnung. Sie hatte sie zuletzt in einem rotbraunen Taftkostüm, Genre directoire, gesehen: eine englische Stickerei in Schuppendessin stieg am Rock bis zu dem langen Schoß der Jacke auf und setzte sich darauf fort. Die Taille umspannte ein hoher Seiden­gürtel mit Goldschnalle. Immer war sie apart. Die Regiments­damen, denen ihr Unglück mit ihrem Gatten ein Grund für eine gewisse Reserve sein mußte, ließen sich auf der freieren Rennbahn immerhin einigen Spielraum, denn man konnte von der graziösen Frau, die sich so geschmackvoll zu kleiden verstand, ungemein viel lernen.

Ihr ganzer häuslicher Zuschnitt verriet, daß der Boden ihrer gesellschaftlichen Erfolge nicht innerhalb ihrer vier Pfähle lag. Die Hauptschuld trug ihr Papa. Sixt von Soter hatte nach der großenäebaele" seiner Laufbahn nicht mehr darauf gerechnet gehabt, sich überhaupt wieder in die Höhe zu arbeiten. Zwei, drei Jahre hindurch war er für den Kontinent ver­schollen gewesen. Sein immerhin noch klangvoller Name, seine equestrischen Kenntnisse, vor allem seine pompöse Kavaliers­erscheinung hatten ihn dann aber rascher in eine angesehene Position gebracht, als er je zu hoffen gewagt hatte. Nach außen hin trat er heute durchaus als Gentleman auf. Das lag so in ihm. Vielmehr: er setzte sich für die Außenwelt, in der Erinnerung an die früheren guten Zeiten, wirkungsvoll in Szene, so oft es sein mußte. Zu Hause aber hielt er aus den Jahren der Sorge und der Not her an einem ge­wissen Kleinbürgerphlegma fest, das seine Tochter oft genug zur Verzweiflung trieb.

Während der ersten, der schlimmsten Jahre nach ihrer Scheidung hatte Asta eine Stellung als Reisebegleiterin inne­gehabt. Sie sprach mit ihrem Vater von dieser Zeit nur mit dumpfem Groll oder mit leidenschaftlich erregter Stimme. In vielen Dingen bildete sie einen scharfen Gegensatz zu ihrem Papa. Niemals, auch als die anfangs so sehr be­scheidene und schlecht bezahlte Stellung ihres Vaters ihr ein Hinaustreten in die Gesellschaft noch durchaus verwehrte, hatte sie der ehrgeizigen Vorstellung von ihrer Rückkehr in die Reihen deroberen Zehntausend" entsagt. Drei Jahre ihres Lebens, ihrer Jugend opferte sie lieber, als daß sie durch die kleinen Amüsements einer tieferen Sphäre sich diese Rückkehr abschnitt. Sie wollte sich nicht von den Verhältnissen unter­

kriegen lassen, ob sie damit auch auf vieles, was in ihr Da­sein Licht und Luft gebracht hätte, verzichten mußte.

Sixt von Soter hatte es für selbstverständlich gehalten, daß seine Tochter sich so bald wie möglich nach guter Ver­sorgung durch eine zweite Heirat umschauen würde. Daß es kein Prinz und kein Graf sein konnte, schien ihm festzustehen. Er fürchtete, daß Asta, die inzwischen die mittleren Zwanzig überschritten hatte, durch ihre wählerische Zurückgezogenheit den Anschluß versäumen würde. Später erst, als seine Tochter anfing, wieder eine Rolle zu spielen, begriff er, daß ihr Ge­sichtskreis weiter gewesen war; er ahnte, daß auf dem schmalen und rauhen Pfad, den sie gegangen war, doch viel, viel mehr zu erreichen sein mochte, als er jemals für sie er­hofft hatte.

Persönlich dafür Opfer zu bringen, war er nicht der Mann. Sein Gehalt ermöglichte ihm so wie so keine großen Sprünge. Astas Toiletten verschlangen schon eben genug obwohl sie nur den dritten Teil von dem, was man schätzte, brauchte, weil ihre geschickten Hände und vor allem ihr künst­lerischer Geschmack bei jeder Neuausrüstung die Hausschneiderin glänzend zu ergänzen und zu unterstützen verstanden. Aber für eine standesgemäße Inszenierung ihrer Häuslichkeit reichte es keinesfalls. Er fühlte auch, daß er selbst nach all den Elendstagen nicht mehr dafür taugte. Immerhin lag das Ouartier, das sie bewohnten, in einer guten Gegend. Man hatte ja freilich nur vier Zimmer, wovon drei nach dem Hof gingen, dafür war aber der Aufgang durchaus herrschaftlich. Mehr konnte er fürs Renommee nicht tun, wollte er auch nicht. Denn wenn er nach sechs Reitstunden früh und fünf Reitstunden nachmittags und abends zum Essen heim kam, dann mochte er überhaupt nichts mehr vom Dreß, nichts mehr von Zwang wissen und hören. Das einzige, wofür er auch in der schlimmsten Zeit immer gesorgt hatte, sein Glas Rot­wein, die englische Pfeife und seine Hunde, hätte er um nichts in der Welt preisgegeben.

Asta mußte also sehr vorsichtig lavieren. Sie durfte sich gesellschaftlich nirgends binden, wo man von ihr vorausgesetzt hätte, daß sie ein Haus machte. Ihr hübscher kleiner Salon mußte schon die einzige Operationsbasis bleiben. Eifer­süchtig wachte sie darüber, daß die Atmosphäre der Hinter­zimmer, die ihr Vater bewohnte, und die etwas stark Weid­männisches besaßen, vielleicht sogar etwas Unterförsterliches oder Stallmeisterliches, nicht bis in ihr Empfangszimmer- chen drang.

Eine auffallend hübsche Frau, eine geschiedene Frau, wie sie, hatte es leicht, umflirtet Zu sein. Am Flirt lag ihr aber nicht allzuviel. So jung sie aussah: sie war sich ihrer Jahre ganz genau bewußt und lehnte stets die verliebten jungen Kavaliere, die nur tändeln wollten, mit graziöser Überlegenheit ab. Das sicherte ihr in den meisten Kreisen die Neigung der jungen Damen. Sie suchte sogar etwas darin, auf ihr Lebensalter immer wieder besonders hinzuweisen: sie wollte lieber die Jüngste unter den Mittelalterlichen, als die Älteste unter den Jungen sein. Ihr kühles Blut schützte sie auch davor, den Kurschneidereien verheirateter Herren nachzugeben, die sie zuerst, auf . Grund ihres pikanten Aussehens und ihrer pikanten Vergangenheit, gern aufFreiwild" taxieren wollten. Amüsant blieb sie immer sie amüsierte sich ja auch selbst zu gern aber sie wachte stets über die Einhaltung einer letzten scharfen Grenze. Zwecklose Abenteuer reizten sie nicht. Dazu war sie viel zu klug. Sie hielt daran fest, daß mit jedem solchen Sieg der Uneinnehmbarkeit der taktische Wert der so stark umlagerten Festung stieg.

Sixt von Soter, der sie von seinen: nüchtern praktischen Standpunkt aus betrachtete und beurteilte, der bemerkte, daß sie weder von den jungen, oft so sehr verliebten Herren zu gewinnen war, noch von den Lebeleuten, die es auf eine Liaisonzur linken Hand" abgesehen haben mochten, drückte seine Auffassung in seinem derben, aus landjunkerlichen Erinnerungen und stallmeisterlichen Gewohnheiten etwa so