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seltsam zusammengetragenen Rotwelsch — als wäre es ein eigener Jargon -— folgenderweise aus: „Die Jöhre ist auf 'nen Witwer mit höllisch viel Moneten aus!''
In den Tagen, in denen Asta die Bekanntschaft mit Sabine Gernot in einer so überaus herzlichen und gewinnender: Art pflegte, war in dem eingeräucherten Berliner Zimmer, in dem Sixt von Soter am liebsten kragenlos auf dem eingedrückten Ledersofa saß, rechts und links seine beiden Dackel, deren Köpfe er kraute, und auf seinem Knie der Foxterrier mit den klugen Augen, da war zwischen ihr und ihrem Papa viel mehr von dem ehemaligen Oberlandesgerichtspräsidenten und seinen verschiedentlichen Erbschaften die Rede als von seiner Tochter.
Schmunzelnd hörte Sixt von Soter zu. Über alle Illusionen von Rang und Stand war er hinaus. Die großen feudalen Namen besaßen für ihn nicht den mindesten Reiz mehr. Er hatte zu viel Abkömmlinge der ältesten Adelsgeschlechter um die Ecke gehen sehen, damals, als er sich selbst zu den Deklassierten hatte rechnen müssen. In Hamburg, in New Jork und in London hatte er zum ersten Male in seinem Leben Gelegenheit gehabt, ohne Vorurteil und Dünkel in diese Regionen hineinzuleuchten. Was ihm heute allein noch imponieren konnte, das waren „große Gelder, die nicht alle wurden". So wie sie z. V. die Mehrzahl seiner jetzigen Tattersallkunden besaß. Diese Börsenfürsten, die sich lediglich ihrer Verdauung wegen die herrlichsten Pferde hielten, die Diners gaben, deren Preis ein Majorsgehalt aufwog, die eine Erholungstour auf dem Nil auf besonderer Dahabije machten, die ihre leichten kleinen Freundinnnen von den Theatern mit Juwelen beschenkten und nach Monte Carlo Mitnahmen, die bildeten für ihn die Elite — obwohl er sie im Grunde seines Herzens um den Tod nicht ausstehen konnte.
„So ganz Tiergartenklasse, mit Gummi, Automobil und Borchardtdiners ist die Gernot-Geschichte ja nicht," sagte er, indem er die beiden Teckel am Nacken ein paarmal emporhob und zappeln ließ. „Aber immerhin — wenn man da mal ein Damenpferdchen anbringen könnte, was meinst du? Mein Konto würd's vertragen."
Asta saß im Schaukelstuhl und gab bei jedem Schwung dem großen Neufundländer, der auf dem Boden lag, mit ihrem zierlichen Pantoffel einen kleinen Stoß. „Bloß diesmal keine Minderwertigkeiten, Papa," sagte sie gelassen.
Er lachte. „Direktor Kneifel von der Klattschen Bahn steht sich bloß durch die Prozente auf seine achttausend Emm — Sache, mein Täubchen! Aber Minderwertigkeiten', das ist nicht schlecht gesagt."
„Jedenfalls hat gerade das noch Zeit. Zuvorkommen wird dir niemand. Kaufen sie, dann kaufen sie durch dich."
„Da find't sich aber sicher ein guter Freund, der ihnen steckt, was ich dabei verdiene. Na, und was dann? Den Nobeln spielen kann man eben nicht, wenn man unter lauter Proleten steckt."
Sie schaukelte weiter. „Natürlich sag' ich's ihnen gleich selbst, daß das dein Geschäft ist." Er blickte aus, und sie lächelte überlegen. „Das ist immer das Reinlichste. Nicht?"
„Ja, du verstehst's. Er ließ mit einem tüchtigen Schwung einen seiner Teckel Kobolz schießen und stand auf. „Krabbe!"
Die behagliche Ruhe solcher Erörterungen verlor sich dann aber doch mehr und mehr, je weiter die Bekanntschaft mit Gernots rückte.
Es war für Asta keine Frage, daß die Gernotschen Ver^ hältnisse geradezu glänzend waren. Auf der Reitbahn, bei verschiedenen Besuchen, auf dem Flottenfest, wo Astas großer Bekanntenkreis für Sabine sehr wertvoll gewesen war — sie hätte sich „tottanzen" können — war es zwischen den beiden Damen zu den Ansätzen einer wirklichen Freundschaft gekommen.
Aber eines fehlte noch immer: der offizielle Besuch des Hern: Präsidenten, auf den sie bestimmt gerechnet hatte.
Vielleicht zog Doktor Gernot noch Erkundigungen ein? Wie mochten sie ausfallen? Vielleicht hatte er überhaupt nicht die Absicht, den Verkehr aufzunehmen? Sie stand jetzt zwischen Tür und Angel.
„Das ist das Gräßliche, daß man selbst so unsicher geworden ist," sagte sie nach mehrwöchigem Warten zu ihren: Vater.
Von der feinen gesellschaftlichen Scheidewand, die Asta empfand, wußte sich Sixt von Soter keine rechte Vorstellung zu machen. Für soziale Subtilitäten hatte er den Sinn verloren. Damals, als er in Hamburg, von den Gerichtsvollziehern geplagt, durch die Vereinsamung, die Zeitungsskandale und den Rotwein aus dem Gleichgewicht gebracht, seine erste Stellung als Reitlehrer angenommen hatte. Er war ja allerdings nur unter einem nom äe Zuerro darauf eingegangen, hatte schließlich aber ebenso skrupellos Trinkgelder angenommen wie seine Kollegen, die ehemaligen Wachtmeister. Den Respekt vor sich hatte er also längst verloren und damit auch das Gefühl für den Respekt, den man ihm schuldete.
„Wenn sie übermorgen, am Sonntag, nicht Besuch machen, kann ich nicht mehr hingehen!" meinte Asta, nervös durchs Zimmer laufend.
Sixt von Soter räkelte sich auf dem Sofa und lachte verärgert. „Du warst doch sonst nicht so! Das ist ja philiströs."
„Ich weiß, daß da irgend etwas spielt. Sabine war die letzten Male auf der Bahn so seltsam zerstreut. Nach ihrem Papa Hab' ich mich schon gar nicht mehr erkundigt."
„Er hat vielleicht bloß zu lun. Du peinigst dich wieder mal selbst ganz unnütz. Das ist ja alles Kaff!"
Noch nie zuvor hatten seine derben Ausdrücke ihr so wehe getan wie gerade in diesen Tagen. Der Zauber, der von Sabine ausging, ihre mädchenhafte Zartheit, ihr Liebreiz und Schmelz, dieses unbewußt Prinzessinnenhafte, all das erhob sich so himmelhoch über die Umgangsformen, den Ton und die Gesinnung, worin sie selbst sich hier zu Hause fühlen mußte.
„Hat sie denn irgend eine Andeutung gemacht?" forschte Soter. „Schließlich würde sie dich's doch merken lassen, wenn da etwas schwebte."
„Sie sagte nicht direkt, daß etwas vorläge. Aber — mein Gott, man merkt es doch."
„Du bist überempfindlich."
„Ja. Ganz unsicher geworden, ganz unsicher."
(Fortsetzung folgt.)
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Vom Deutschen Schulverein.
Von Victor Blüthgen.
as vergangene Jahr wie das kommende bedeuten beide Jubeljahre für eine Organisation, die, in geschwisterlicher Zweiteilung, sich die Aufgabe gestellt hat, den Bestand des Deutschtums gegen die Gefahr der Abbröcklung durch fremdvölkische Einflüsse in der Weise ficherstellen zu helfen, daß sie an den bedrohten Punkten für die Erhaltung oder auch Neugründung deutscher Schulen sorgt. Sie steht dabei auf der Erfahrung, daß kein Deutscher unter Ausländern für das
Deutschtum verloren ist trotz der uns leider anhaftenden Neigung und — dies zu unserem Vorteil! — Fähigkeit, uns anzupassen, so lange für ihn eine deutsche Schule zur Verfügung steht, von der die Pflege der deutschen Sprache ausstrahlt.
Sie steckt sich engere Grenzen für ihre Wirksamkeit im Interesse der nationalen Sache als der Alldeutsche Verband, der allerdings im Punkt der Schulfrage mit ihr parallel
1906. Nr. 1.