werden den Verkäufer belangen, weil er ihnen von der schiechen Geschichte nichts gesagt hat.
Damit man aber nur nicht glaube, solche Spukhäuser stünden nur in Stans und Vahrn, und in unserer Nähe habe der Bädeker dergleichen nicht nachzutragen: so will ich einmal im Lande bleiben und hier auch nicht Tegel oder Resau bei Bliesendorf, sondern die größten deutschen Städte, die Lichtpunkte Europas, aufs Korn nehmen. Ein Bädeker muß freilich neu sein —- die Wirtshäuser, die Straßen, sogar die Aussichten ändern sich fortwährend, und die genauesten Angaben des Reisehandbuches veralten. So könnte es wohl auch kommen, daß renommierte und gutbeglaubigte Spuk- Häuser, die heute noch blühen und tätig sind wie Vulkane, in ein paar Jahren gar nicht mehr existieren. Es sind gewöhnlich alte verfallene Häuser, die sich schwer vermieten, oft ganz leer stehen, eben dadurch immer mehr verfallen und immer unheimlicher werden, aber doch allmählich eingehen, Neubauten Platz machen und von der Bildfläche verschwinden. So ein Haus, wo des Nachts die feurigen Drachen aus- und einflogen, stand einst auf der Schloßgasse in Dresden. Die Berliner, die erleuchteten Reichshauptstädter hatten bis vor kurzem gleich mit zwei Spukhäusern aufzuwarten. Das eine war das graue, verwitterte, seltsame Gebäude auf
der Potsdamer Straße, mit dem verwilderten Garten daran, in dem ein eherner Ritter aufgepflanzt war; eine steinalte Dame wohnte darin mit ihrer Dienerin, sonst stand es seit sechzehn Jahren völlig leer. In der Wahlkampagne 1893 hatte die Freisinnige Partei in den unteren Räumen ihr Wahlbureau aufgeschlagen. Der Boden war ein Sargmagazin, und allnächtlich konnte man, behaupteten die Nachbarn, das Sausen und Brausen der wilden Jagd vernehmen, die durch die öden Gemächer raste. Ein alter Herr jagte seinen Diener mit der Hetzpeitsche durch die Zimmer, durch die Korridore, treppauf, treppab, eine Koppel Hunde war ihm an den Fersen, das Gebell und das Geheul gellte fürchterlich in den Ohren, es ging einem durch und durch. Dieses Haus wurde deshalb so vernachlässigt, weil der Besitz angefochten ward; es gehörte nebst einer Villa in Friedenau, Ecke der Mosel- und Saarstraße, der Spukvilla, zwei Brüdern, und diese lagen miteinander im Erbschaftsstreit. Erst als der eine Bruder vor einigen Jahren starb, kam zwischen den Erben eine Einigung zustande, und nun wurde das Spukhaus auf der Potsdamer Straße abgerissen und durch den bekannten Prachtbau der Diskonto-Gesellschaft ersetzt und auch die Friedenauer Spukvilla wieder hergerichtet. Ein zweites verdächtiges Berliner Gebäude, das ebenfalls zwölf Jahre lang leer stand, war in der Bellevuestraße, es ist im vergangenen Jahre abgebrochen worden.
Andere Spukhäuser stehen auch heute noch, sie sind auch noch gar nicht so alt, sie sind nur vorläufig erloschen und wenigstens bis auf weiteres im Zustande der Ruhe. So ein verzaubertes Haus, dem es wahrhaftig niemand ansieht, was für haarsträubende Dinge darin passiert sind, gibt es z. B. in Leipzig. In den dreißiger Jahren des vorigen Jahunderts kaufte sich Herr Friedrich Hofmeister, derGründer einer blühenden Musikalienhandlung, in Reudnitz an und baute daselbst an der Dresdner- Straße eine große, damals gewaltiges Aufsehen machende Villa mit einer von Arkaden getragenen Säulenhalle in der Front. Diese Villa hatte keinen Flur, sondern man war, wenn man zur Haustür hereintrat, gleich im Treppenhaus; infolgedessen Zog es, so oft man die Tür aufmachte, durch das ganze Gebäude hindurch bis zum obersten Stock hinauf. Das war das erste belastende Moment: der Luftzug brachte die merkwürdigsten Harmonikatöne, ganz eigenartige Ächzer und Seufzer mit sich, auch klang es oft wie Harfenton, wie Geisterflüstern drein — schon damals galt das Hofmeistersche Haus für anrüchig, die Dienstmädchen liefen fort, weil's spukte, und die Leipziger liefen aus demselben Grunde hin. Dazu kam nun in den sechziger Jahren noch ein neuer, recht harmloser und unschuldiger Störenfried. Der alte Hofmeister war gestorben, und das Haus bewohnte dermalen sein Sohn, Wilhelm Hof
meister, der Botaniker Hofmeister, der zu allgemeinem Erstaunen aus einem Musikalienhändler zum Universitätsprofessor wurde. Dessen Töchterchen fing einmal im Garten einen Igel und trug ihn auf den Boden des Hauses. Nun ist der Igel bekanntlich ein sehr nützliches Tier, aber ein täppischer Geselle, der kurze, dicke Beine und einen Tritt hat wie ein Mensch. Er trippelt
für gewöhnlich ruhig auf und nieder, aber sowie er eine
Maus gewahr wird, schießt er pfeilschnell drauf los; außerdem pflegt er erst nach Sonnenuntergang lebendig zu werden und sein Geschäft in der Nacht zu treiben. Ein gefangener Igel macht also im Hause zur Nachtzeit einiges Gepolter. Man urteile nun, wie das unglückliche Tier dem Aberglauben zu Hilfe kam und der Munkelei Vorschub leistete! —
In dem Hause war's nicht richtig, das sah jeder! Bald er
schien nun auch der unruhige Geist, der hier hantierte, das niemals fehlende graue Männchen, das schreibend auf seinem Bocke saß oder das rote Gold zusammenschaufelte, und das in diesem Falle niemand anders als der alte Friedrich Hofmeister selber war. Und wie es zu gehen pflegt, wenn die Gemüter einmal erhitzt und die Saiten einmal gespannt sind, allmählich fand sich auch einer, der das graue Männchen wirklich spielte, einen weißen Rock anzog und eine Zipfelmütze aufsetzte und den Leuten vormachte, was sie sehen wollten. In den siebziger Jahren wurde das Grundstück von den Erben an die Leipziger Pferdebahngesellschaft verkauft und in das Depot der damaligen Pferdebahn verwandelt, von der es später die Große Leipziger Straßenbahn übernahm. Zwei Pferdebahnschaffner taten sich nun im Winter 1875-76 zusammen, um die Gespensterfurcht der Leipziger zu nähren und auszubeuten und die Stadt halb verrückt zu machen. Sie arbeiteten sich gegenseitig in die Hände, rumorten bald im Wohnhause, bald im Pferdestalle, schlüpften bald ins Depot, bald in die Futterkrippe, nahmen große Hunde mit, die anfingen zu heulen, trugen glühende Kohlen durch den Hof und brachten es schließlich dahin, daß die Polizei einschreiten, dem Auflauf ein Ende machen und eine Feuerspritze kommen lassen mußte. Dieser Fall ist typisch, an dem Leipziger Pferdebahndepot läßt sich die Geschichte aller Spukhäuser studieren.
Erst der Wind, das himmlische Kind — dann der Igel, den man nicht sieht — endlich die beiden Schaffner, die das Publikum geflissentlich nasführen.
Mit einem kleinen Veobachtungsfehler, einer wirklichen Erscheinung, die nur nicht gleich verstanden, sondern falsch gedeutet wird, fängt die Sache gewöhnlich an. Aus nichts wird nichts, und irgend etwas Auffallendes muß vorliegen, ohne das entsteht keine Spukgeschichte. Der Schuldiener in der Viktoriaschule zu Berlin hat ein paar weißbaumwollene Handschuhe gewaschen und auf einer Leine am Fenster zum Trocknen aufgehängt. Die Dinger bewegen sich im Abendwinde hin und cher. Nun wird die winkende Totenhand gesehen. In einem alten abgesetzten Klavier zu Tilsit übt es seit einigen Wochen wunderbar: eine Maus hat unter dem seit Jahr und Tag nicht gelüfteten Deckel ihre Wohnung aufgeschlagen und führt einen Läufer aus; dieser Läufer wird tatsächlich gehört, aber auf ein Trugbild der Phantasie geschoben. In dem Eckzimmer eines alten elsüssischen Stiftshauses schreibt es anscheinend unermüdlich. Tag und Nacht hört man die Feder auf dem Papier kratzen, absetzen und wieder kratzen — es sind Dohlen und Eulen, die zum Schornstein hinuntergefallen sind, sich in einem alten Kamine gefangen haben, nicht wieder herauskönneu und sich zu Tode flattern. Auch hier wird die Wahrnehmung von der Phantasie ergriffen und irrig ausgelegt. Anstatt der Sache auf den Grund zu gehen und die Ursache des „Phänomens" zu erforschen, hält man sich an den alten überlebten Gespensterglauben und fabelt von einem geisterhaften Schreiber.
Geräusche sind in dieser Beziehung noch gefährlicher als Erscheinungen, die in die Augen fallen, weil sie sich schwerer kontrollieren lassen. Wir hören viel mehr und viel weiter, als wir sehen, und können nicht immer erraten, woher die Töne