wollte auch dort ihre Rückkehr vom Berge erwarten. Es war zur Mittagstafel Musik im Hotel angesagt worden, da gedachten sie alle wieder drunten im Tale zu sein, um den in einem abgelegenen Alpentale seltenen Genuß nicht Zu versäumen.
Die drei Wanderer waren daher schon früh am Morgen aufgebrochen. Hans Steinhof hatte sich mit dem jungen Mädchen, den immer mehr zurückgebliebenen Freund erwartend, auf einen mächtigen Steinblock gesetzt. Er schien irgend eine Schnurre erzählt zu haben — er war ja immer voller Späße und Schwänke — denn Ellen Petersen bog sich laut lachend hintenüber. Sie saßen dicht nebeneinander, und Stephan bemerkte näherkommend, daß ihre Schultern sich berührten, daß ihre Arme sich streiften. Warum mußte sich Steinhof gerade auf denselben Stein setzen, war denn nicht Platz genug für ihn auf einem anderen der vielen herumliegenden Blöcke?
Mißgelaunt trat er heran und warf das von der Schulter genommene Seil neben den Eispickel auf den Boden, dann öffnete er seinen Rucksack.
„Wir dürfen gar nicht lange rasten," sagte er, „denn noch haben wir ja nichts geleistet; aber wenn Sie wünschen, gnädiges Fräulein, will ich Ihnen ein wenig von meinem Mundvorrat geben, ehe wir das Seil umlegen und den Gletscher betreten."
„Ha, ha, da kommst du mit deinem Anerbieten zu spät," antwortete sein Freund mit leichtem Anfluge von Spott und Triumph in der Stimme. „Mir hat Fräulein Petersen versprochen, von mir eine Birne anzunehmen, die ich eigens für sie vom Hotel mitgebracht habe. Es geschieht dir recht, hättest du dich doch mehr zu uns gehalten."
„So?" Unterbauer ärgerte sich über sich selbst. Warum war er nicht auf solche Aufmerksamkeit verfallen! Aber freilich, er war allein ausgewachsen, Steinhof jedoch hatte immer einen großen Familienkreis um sich gehabt, da hatte er das gelernt.
„Ja, und Sie dürfen mir deshalb nicht böse sein," bat das junge Mädchen lächelnd. „Herr Steinhof hat's nun einmal übernommen, mein Ritter zu sein und für mich zu sorgen, und ich muß ihm zugeben, daß er's trefflich versteht. Sind Sie böse? Es ist doch nichts dabei!" setzte sie hinzu, als sie Unterbauers enttäuschtes Antlitz bemerkte.
Der Gefragte gab sich alle Mühe heiter zu erscheinen; aber das Lächeln, das auf seinen Lippen spielte, sah bitter genug aus. „Ich böse? Aber warum?" fragte er achselzuckend. „Ich bin doch nicht so kindisch! Ich schnüre eben meinen Rucksack wieder zu, das ist doch kein Unglück! Nein, es ist nichts dabei!"
Ellen Petersen aber bestand diesmal auf ihrem Verdachte, ihre Augen nahmen einen mitleidigen Ausdruck an, der auch in ihrer Stimme durchklang:
„Nein, nein, gewiß, Sie haben etwas. Sie sind mit einmal ganz anders als früher. Lassen Sie das Seil nur noch liegen," sagte sie, als Stephan Unterbauer dieses noch immer mit gezwungen freundlicher Miene aufzurollen begann, und legte ihre feine schmale Hand darauf. „Wir haben's ja nicht so eilig. Voriges Jahr machte Ihnen alles so viel
Freude, die Wolken, die Felsen, die Farben, über jede Kleinigkeit sprachen Sie mit mir. Sie waren oft geradezu aus
gelassen! Warum sind Sie nun so verändert, können Sie es mir nicht anvertrauen?"
Aber noch ehe er antworten konnte, rief Hans Steinhof, der sich das braune, wellige Haar aus der Stirn strich:
„Ja, Stephan, zum Donnerwetter, man kennt dich ja nicht mehr! Seit wann fängst du hier oben Grillen?"
Unterbauer hatte sich, das Seil wieder fallen lassend, niedergesetzt und kehrte den beiden den Rücken. Seine Augen richteten sich düster über den im Frühlichte grau scheinenden Ebenwandferner. Er schien nach irgend einer Ausrede zu suchen, und es dauerte eine Weile, ehe er ziemlich kalt antwortete: „Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein, daß Sie sich um meine Stimmung kümmern. Ich versichere Sie aber, mir fehlt nichts. Ich sehe nur das Leben ein wenig ernst an, zu ernst vielleicht, drum ist das Lachen und Scherzen bei mir ein ^
seltener Gast. Aber das ist nun mal so meine Art, ich kann nichts dafür!"
Ellen schlug ungeduldig mit der Hand auf den Stein. „Sie sind Pessimist und mit Unrecht. Sie schwärmen doch für die Arbeit, da werden Sie im Leben viel Freuden finden! Ich weiß das von Papa. Die Lust daran kann Ihnen niemand nehmen, und solche Lust ist ein Schatz."
„Nein, Pessimist ist der Stephan eigentlich nicht," warf Steinhof ein, „er ist nur ein furchtbarer Streber geworden seit dem vorigen Jahre, wir kennen ihn alle nicht wieder. Er schuftet von früh bis abends, ich glaube, er jagt auf der Spur irgend einer großen chemischen Erfindung, vielleicht einer Ausnutzung des Essenrauches, was weiß ich, er spricht ja nie über seine Arbeiten. Jst's nicht das? Gesteh mal!" fragte Steinhof zum Schluß in scherzhaftem Tone.
„Du weißt recht gut, Hans," entgegnete Unterbauer gereizt, „daß mir niemals eine Erfindung gelingen wird. Mir, der ich niemals Glück zu haben scheine, eine Erfindung! Es ist geradezu lächerlich!"
„Lächerlich? Aber gar nicht, im Gegenteil, du sagst ganz recht, das ist doch lediglich Glückssache! Nur Geduld, auch dir wird noch mal was Großes gelingen!"
„Geduld?! Geduld?!" Unterbauer lachte gezwungen. „Ich danke dir für solchen etwas matten Trost! Du traust mir also doch mal ein wenig Glück zu? Wenn ich nur alt genug werde, um es abzuwarten! Geduld ist eine Eigenschaft, die man durch zu viele Übung verlernt, Hans! Nein, alter Freund, Glück, Geduld, Geschick, all das, davon Hab ich wohl nicht viel, damit bleib mir vom Leibe." Unterbauer dachte dabei an Steinhofs Lebenslauf, der sich in München zum geschätzten Maler ausgebildet hatte.
„Sehen Sie, gnädiges Fräulein," fuhr er fort, sich umwendend und einen düsteren Blick auf das junge Mädchen werfend, „Hans Steinhos braucht keine Geduld und besitzt das andere: Glück und Geschick. Er verlacht das Geld, er hat's nicht nötig, und es läuft ihm von selber zu. Er faßt etwas an, ohne sich abzumühen, mit zwei Fingern, und es glückt ihm. Es war schon auf der Schule so: erarbeiten mußten andere, was ihm das Schicksal gutwillig in den Schoß warf."
„Geh, Stephan, bist du jetzt etwa neidisch, daß ich meine Bilder auf der Ausstellung loswurde?" fragte Hans Steinhof mit leichtem Vorwurf.
„Neidisch, ich?" Unterbauer überlegte eine Weile, dann fuhr er fort: „Ja, vielleicht! Vielleicht bin ich neidisch! Die Zeitungen reden davon, daß du einmal ein großer Künstler sein würdest. Deine Bekannten sprechen von deinen italienischen Aquarellen wie von etwas Bewundernswertem, du willst im Winter Rom aufsuchen, Griechenland, Ägypten, ich weiß nicht, was noch alles! Ich sehne mich seit Jahren dorthin, aber ich muß natürlich auf dies alles verzichten!"
„Ach, Sie wollen nach dem Süden fahren," fiel das junge Mädchen lebhaft ein, da Hans Steinhof schwieg, und sah ihn dabei mit blitzenden Augen an. Sie war froh, dem Gespräche eine neue Wendung geben zu können. „Wie gerne käm ich mit! Herr Unterbauer hat schon recht, sich dorthin zu sehnen. Am liebsten würde ich Papa bitten, auch einige Monate im nächsten Winter mit mir zu reisen. Wir könnten uns am Ende beide dort treffen!"
Ein freudiges Lächeln glitt über Steinhofs Gesicht.
„Dort treffen ^ ja, das wäre ein herrlicher Gedanke!" sagte er. „Sehen Sie, so etwas habe ich mir immer
gewünscht, das, wie soll ich sagen — das hat mir stets wie ein schöner Künstlertraum vorgeschwebt, mit einen: das Schöne ganz gleich empfindenden Menschen, einem jungen Mädchen, na also mit Ihnen, einmal so ganz das ewig Lebendige, Sinnenfrohe jener südlichen Länder zu genießen. Der Strand Griechenlands, was gäbe das für Bilder! Meine Bekannten sollten erstaunt sein über das, was ich ihnen mitbrächte, und I das Schönste, das Veste, das künstlerisch Reifste wäre für Sie!"