Heft 
(1906) 01
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und viele unter ihnen noch für unersteiglich galten. Nicht die Lust am bloßen athletischen Sport, der ernste Drang des Forschers und hehre Begeisterung für die wundervolle Größe der Alpen hatten ihn damals Hinaufgetrieben. Nun war er zu alt geworden für eigentliche Hochtouren, aber seiner Tochter wollte er die gleichen Stunden reinsten Genusses verschaffen, wie er sie dort oben so oft genossen, darum hatte er ihr gern die Erlaubnis erteilt, mit einem so zuverlässigen Begleiter wie Stephan Unterbauer zu gehen.

Mit welcher innerlichen Freude hatte der junge Mann die Rolle des Führers, des treuen Gefährten übernommen! Und Ellen Petersen war eine gelehrige und dankbare Schülerin ge­wesen. Anfangs hatte er sie auf kleine Touren geübt, hatte dann mit ihr den Ortler auf dem gewöhnlichen Wege über die Payerhütte erstiegen, war auf dem Cevedale gewesen, auf der Tschenglser Hochwand. Mit fast mütterlicher Sorgfalt tat er alles, um das junge Mädchen vor Erkältung und vor Gefahren zu schützen. Wenn sie rasteten, breitete er stets seineu Mantel unter sie auf den Boden und legte ihr den eigenen warm über die Schultern, damit ihr der kalte Wind nicht schaden sollte, selbst an ungefährlichen Stellen knüpfte er ihr das Seil an den Gurt, um sie vor einem Ausgleiten, einem Fallen zu bewahren. Er pflegte sonst eine offene Ab­neigung gegen alle Damen an den Tag zu legen, zumal sie den bestaubten, sonnverbrannten Bergsteiger nur Zu oft mit scheelen Blicken betrachteten, wenn sie ihm im Vorraume des Hotels begegneten; er sah ehedem fast mit Geringschätzung auf die Tausende herab, die ängstlich nur auf leichten Bergen und Pässen herumstiegen, und jetzt suchte er selbst mit einer Dame nach den leichten Wegen und vermied sorgsam alle ge­fährlichen Stellen. So hatte Unterbauer das tägliche Zu­sammensein mit Ellen Petersen verändert.

Es bereitete ihm einen eigenen, früher nie gekannten Ge­nuß, mit dem jungen Mädchen ganz allein im stolzen Gefühle des Siegers hoch oben auf einem eroberten Gipfel zu stehen, hinüberzublicken auf die blitzenden Schneehäupter der anderen Berge, auf ihre schwarzen, ausgezackten Felsgrate, hinunter­zuschauen über zerklüftete, fleckenlos weiße oder bläulich schim­mernde Gletscherströme, über dunkele Alpen und Wälder, bis auf die winzigen Häuser in den grünen Tälern. In solchen Augenblicken schwiegen sie beide, aber es war Stephan, als gingen ihre Gedanken wie Freunde, die sich verstehen, Hand in Hand hinaus in die Ferne, als zeige er seiner schönen Ge­fährtin alle die Herrlichkeit, stolz wie ein König seiner Geliebten gewonnene Länder und erworbene Städte zu Füßen legt.

Wenn die Sonne mit ihren Hellen Strahlen aus tiefblauem, durch keinen Nebel getrübtem Himmel auf sie beide herabschien, hätte Stephan Unterbauer immer das junge Mädchen im Ge­fühle inneren Glückes jubelnd unrarmen und ihr zurufen mögen: Ist die Gotteswelt hier droben nicht tausendmal reiner, schöner, wunderbarer als tief unten im Dunste unter dem hastenden, ruhelosen Treiben der Menschen?

Dort oben öffnet sich das verschlossene Herz, dort oben zwingt die weite Einsamkeit, die wilde Größe der Natur, die uns mit strengen machtvollen, Blicken ansieht, den Menschen zum Menschen ganz anders als drunten im Tale. Wenn man sich auch sonst im Leben fernsteht, dort oben rückt man sich unbewußt näher, fühlt man etwas Verknüpfendes, etwas Gemeinsames in sich, wie abends beim Orgelklang in den hohen, feierlichen Hallen eines gotischen Domes oder nachts in der dunkelen Einsamkeit eines großen Waldes. Es ist das Gefühl der Nähe einer unerklärlichen und geheimnisvollen Macht, die über uns waltet. Das kittet die schwachen Menschen zusammen.

Wer vollends im Wetter auf einem Berge gestanden hat, wenn die Blitze an seinen Flanken aufzucken, und der Donner- betäubend durch die Schluchten rollt, der schmiegt sich im Be­wußtsein menschlicher Ohnmacht dicht an seinen Gefährten, mit dem gleichen, unheimlichen Empfinden, in dem sich weidende Schafe abends zusammendrängen, sobald sie den Büren im nahen Walde wittern.

So waren auch Unterbauer und Ellen Petersen viele Wochen täglich zusammen gewesen, unmerklich sich einander nähernd, und in dein jungen Manne war dadurch etwas emporgewachsen, langsam, fast ohne daß er sich dessen bewußt wurde: eine tiefe Liebe zu seiner treuen Genossin.

Wie eine leuchtende Fata Morgana tauchte plötzlich, immer deutlicher werdend, ein fernes, herrliches Glück vor ihm auf und erfüllte fortan all' sein Sinnen und Trachten; es war die heimliche Hoffnung, dies junge Mädchen werde einst seine Ge­fährtin für das ganze Leben werden. Dann würden sie jeden Sommer zusammen hinausziehen, zusammen emporsteigen zu den geliebten Bergen, gemeinsam all die reine Wonne genießen, die im Anschauen der gewaltigen Natur lag. Diese Hoffnung verlieh seinem Leben jetzt erst einen eigenen tiefen und glück­seligen Inhalt.

Stephan Unterbauer war nicht reich. Er wußte: nur durch harte Anstrengung, durch manche Entbehrung würde er in seinem Berufe als Chemiker eine Stelle finden, die es ihm ge­statten könnte, um die Hand eines reichen Mädchens zu werben, denn sein Stolz verbot es ihm, an ein Leben auf Kosten seiner Frau zu denken. Darum hatte er im verflossenen Winter mehr denn je gearbeitet.

Einsam, ohne Eltern war er aufgewachsen, er hatte sie früh verloren und bei seinem stillen und verschlossenen Wesen, von ihm gleichgültigen Verwandten erzogen, eigentlich nur einen Jugendfreund gehabt, Hans Steinhof, den Sohn des wohl­habenden Münchener Bankiers. Dessen Lebensfrische und un­erschütterlicher Frohsinn hatten von Anfang an eine glückliche Ergänzung zu seinem Ernste gebildet. Hans Steinhof hing seinerseits mit gleicher Liebe an dem um einige Jahre älteren Schulkameraden, die verschiedenen Naturen der beiden hatten, wie das häufig geschieht, einander besonders angezogen. Ihre Freundschaft war niemals durch einen Mißklang getrübt worden, und alle Bekannten bezeichnten die beiden nie anders als kurz: die Freunde. Und treue Kameraden waren sie bisher gewesen!

Jetzt aber fühlte Stephan Unterbauer, daß sich eine schwarze Wolke zwischen sie zu schieben begann, ihm war, als verständen sie sich nicht mehr so wie ehedem.

Hans Steinhof hatte diesmal den Freund in den Ferien nach Tirol begleitet. Stephan Unterbauer, der in seiner ver­schlossenen, in solchen Dingen fast scheuen Art nur oberfläch­lich von Ellen Petersen gesprochen hatte, war das ganz natür­lich erschienen, ja er hatte sich darüber gefreut.

Bald nach ihrer Ankunft in Sulden war der Professor mit seiner Tochter wieder eingekroffen, und das junge Mädchen hatte nun fortan mit beiden Freunden Touren unternommen.

Wenn aber früher Stephan allein um sie bemüht gewesen war, so war es jetzt neben ihm Hans Steinhof, der fast vom ersten Tage ab auf den Bergen die Sorge für das junge Mädchen übernehmen zu wollen schien, während er dem älterer: Freunde ganz von selbst die Leitung der Expedition, das Bor­ansteigen auf den Felsen, das Schlagen der Stufen auf den: Eise überließ. Mit Vorliebe erbat Ellen jetzt von Steinhof tausend kleine Dienste, er gab ihr an steilen Fels stufen die Hand, er legte ihr das Seil um, er hüllte sie jetzt lachend und scherzend in ihren Lodenmantel, wenn der lustige Verg- wind blies, er steckte ihr die weißen Blüten des Edelweiß oder die roten der Alpenrosen an die leichte Reisemütze.

Ruhig hatte Stephan diesem Gebaren seines Freundes zugesehen, wenn es ihn auch zuweilen ärgerte, daß das junge Mädchen jetzt vertrauter mit jenem schien als mit ihm, mit dem anderen, den sie doch erst seit kurzem kannte. Während er sie gleichsam die ersten Schritte auf dem für sie unbekannten Boden der Berge gelehrt hatte, ihr immer schützend zur Seite gewesen war, schien Ellen jetzt mit Vorliebe neben seinem Freunde herzugehen.

Heute stand die Ersteigung der Hinteren Schöntaufspitze auf ihrem Programm. Professor Petersen die Mutter Ellens war schon vor Jahren gestorben hatte die drei am Abend des vergangenen Tages bis zur Schaubachhütte begleitet und