30 °
„Zeit wür's, daß etwas passierte. Ich bin radikal glatt. Aber radikal."
In all ihrer freudigen Erregung blieb Asta doch immer noch schlau berechnend genug, um sich nicht allzuviel abnehmen zu lassen. „Ich Hab' viel Ausgaben gehabt. Hauptsächlich Blumen. Sie sind jetzt rasend teuer. Aber es muß doch
nach was aussehen bei uns."
„Zylinderbesuch ist mir schrecklich, das weißt du doch."
„Du bist entschuldigt, Papa."
„Wieso? Wenn sie sich extra ansagen?"
„Ich bedauerte gleich riesig: du hättest eine Jagd
einladung."
Was morgen sein würde, war ihm im Grunde gleichgültig. Wenn er sich nur endlich sein Taschengeld für heute abend gesichert hatte. Glimpflicher als bei früheren Anlässen dieser Sorte ging es immerhin ab. Asta tat ihr Möglichstes.
„Hol's der Deibel!" brummte er wieder, als er eine Stunde später, zum Abendbummel gerüstet, nach dem Hausschlüssel langte. Aber es lag jetzt doch die alte Forschheit in seiner Miene. In dem modischen Schoßpaletot auf Seide — bezahlt war er noch nicht mit dem Londoner Hütchen neuester Ausgabe, dem hohen Stehumlegekragen, den Stepphandschuhen, Lackstiefeln und dem Tulakrückstock sah er feudal aus. Seine pompöse Offiziersgestalt, sein Landjunkerton, das forsche Draufgängertum seiner Miene, alles stimmte vorzüglich zusammen. Die Hunde lagen am Ofen und auf dem Ledersofa, ohne sich zu rühren. Wenn dieses eigentümliche Parfüm von ihm ausging wie jetzt, dann durften sie sich ihm nicht nähern.
Er trällerte einen Coupletrefrain und zog quer über den Platz nach der Haltestelle der Straßenbahn. Eine Zigarette zwischen den Lippen haltend, stand er während der Fahrt nach der Friedrichstadt auf der rückwärtigen Plattform und fixierte die Damen. Manchmal benutzte er sogar ein Monocle.
Geriet er im Separatsalon einer Bar nach Mitternacht noch in ein Spielchen mit Tattersallkunden oder anderen Bekannten, dann kam er selten vor fünf Uhr früh nach Haus. Mit geräuschvoller Umständlichkeit legte er im Korridor und im Berliner Zimmer seine Toilette ab. Bis zur letzten Sekunde qualmte er dabei. Er ließ sämtliche Türen offen stehen, so daß der Rauch von seinem Schlafzimmer durch den Küchenkorridor ins Speisezimmer, von da ins Entree und in Astas Schlafstube drang. Sie war so empfindlich, daß sie davon erwachte und schleunigst sich erhob, um die Türen zu
schließen.
In dieser Nacht wurde Asta schon etwa um drei Uhr durch das Gepolter des umfallenden Spazierstocks geweckt. Sie hustete, um damit zu melden, daß sie wieder den Tabakrauch wahrnähme.
„Bist du wach?" fragte Sixt von Soter in ziemlich rauhem Ton. Er hatte den Hut abgelegt, aber den Paletot erst aufgeknöpft. Hastig trat er in Astas Schlafzimmer.
Sie richtete sich im Bett halb auf und hielt die Hand vor die Augen: das Korridorlicht blendete sie. — „Papa?"
„Das ist eine nette Bescherung. Weißt du, wer in
Berlin ist? Nein, du ahnst es nicht. So eine Frechheit!"
Er war außer Atem vom Treppensteigen, hustete und spuckte. Nun holte er sein Taschentuch, fuhr sich über die Stirn und ließ sich stöhnend auf den nächsten Stuhl nieder, ohne darauf zu achten, daß er sich auf Astas spitzenreiche Wäsche setzte. Sie bemerkte es selbst nicht. Sie war noch etwas schlaftrunken, ihr Herz pochte stark, eine schreckhafte Unruhe bemächtigte sich ihrer.
„Wer — soll es denn sein?" fragte sie.
„Theo!" Er stöhnte wieder. „So eine Infamie! Das war ein Wiedersehn! Heiliges Donner, ich denke, ich schlage lang hin!"
„Wo denn? Was treibt er? Wie kommt er hierher? Was will er?"
„Ja, das ist ein ganzes Schock Fragen."
„Mach' doch die Tür zu!"
„Äh, wer soll denn jetzt hören?"
Sie bemühte sich Licht zu machen. Ihre Hände waren vor Erregung ganz ungeschickt. Er warf die Tür zu und lief ein paarmal durch die Stube. Der Zigarrenrauch, das starke Parfüm, das er benutzte, oder das sich seinen Kleidern von den Bargästen her mitgeteilt hatte, schlug ihr wie eine Wolke entgegen. Sie preßte das Taschentuch gegen die Augen. „Sag' doch, erzähl' doch, das ist ja schrecklich!"
Sixt von Soter war seiner Sinne durchaus mächtig, aber doch alkoholisch stark überreizt. Er fing umständlich
und weitschweifig zu schildern an, mit wem er zusammengesessen hatte, als er den geschiedenen Mann seiner Tochter plötzlich in einer Gruppe am Nebentisch der Bar bemerkt und erkannt hatte.
Sie unterbrach ihn immer wieder. „Und er — hat dich auch gleich gesehen?"
„Nu, er wird nicht! Augen wie Mühlräder — und steht auf — ich denke, nu kommt was, nu gibt's 'nen Skandal — du weißt ja, wie's ihn manchmal gepackt hat, er kann ja sein wie besessen . . . Aber ich fasse mich und stehe gleichfalls auf und ihm entgegen ..."
„Sag' doch, sag' doch!" drängte Asta.
„Na ja, und da — da strecken wir einander denn die Hand hin — sprechen tut keiner — und, hol's der Deibel, fast hätten wir beide geheult wie die Schloßhunde."
Sie kniete im Bett, saß vielmehr auf ihren Füßen. Ihre Hände spielten nervös mit der Seidenschnur ihres Kopfkisseneinsatzes. Sie sah klar: beide hatten offenbar unter dem Einfluß dessen, was sie getrunken hatten, gestanden. Gefühlsduselei war sonst die Sache ihres Vaters nicht. Die ihre auch nicht. Dennoch kämpfte auch sie jetzt ein paar Sekunden lang mit dem Weinen. „Lieber Gott, lieber Gott!" flüsterte sie.
„Na, hernach hat er mir ja noch viel erzählt — er ist bis vor's Haus mitgekommen. Er hat schon was durchgemacht."
„Seit wann ist er hier?"
„Seit knapp ein paar Stunden. Abends ist er mit dem Personenzug von München auf dem Anhalter Bahnhof angekommen, dritter, dort in der Drehe vom Bahnhof hat er ein möbliertes Zimmer genommen, dann ist er, gerädert wie er war, in die Stadt losgezogen. Sein erstes in der Bar war, daß er sich das Adreßbuch geben ließ."
„Er hat etwa uns aufsuchen wollen?"
„Wen sonst? Kommt direkt aus Alexandrien; da war er zuletzt Dragoman oder so was, Reiseleiter, und von einem Berliner hört er meinen Namen, und da sagt er, es sei halt wieder mit ihm durchgegangen, und es habe ihn nicht gehalten."
„Wie sieht er aus?"
„Jammerbar. Das heißt, hübscher Kerl ist er ja noch immer. So ein richtiges Knabenfrätzchen. Mit seinen hellgrauen Augen in dem schmalen Gesicht. Ganz braun natürlich. Anzug, Aufmachung überhaupt höchst dürftig. Herbstpaletot — sagt alles. Jammerbar!"
„Aber — wie denkt er sich's denn jetzt?" fragte Asta in wachsender Verzweiflung. Die Angst kämpfte mit dem Mitleid in ihr, vielleicht auch mit einer wiedererwachenden Regung der alten Zärtlichkeit.
„Ja, das weiß der Deibel. Es ist ihm hundselend gegangen. Malaria hat er natürlich auch gehabt. Und wo er überall gewesen ist! Das geht auf keine Kuhhaut. Einmal, vor zwei Jahren, in Bombay, da hätte er von einem Berliner gehört, du hättest dich wieder verheiratet. Die Sache damals mit Bankier Fromme wahrscheinlich. Wie der Klatsch das so weiterträgt. Aber jetzt in Ägypten, da wär' ihm ganz bestimmt