Heft 
(1906) 02
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Sie gingen auseinander, ohne den Hut zu ziehen.

Von diesem Tage an lebte Asta ein Doppelleben. Die Furcht, plötzlich einmal ihrem geschiedenen Mann zu be­gegnen, natürlich gerade in einem Augenblick, in dem die Begegnung für sie verhängnisvoll war, ließ sie nicht mehr

los. Wo sie ging und stand, trug sie das Gespenst mit sich herum.

Aber sie war Nervenmensch genug, um das Prickelnde dieser Aufregungen mit einem gewissen Kitzel zu empfinden. Geheimnisse und Komödien war sie schon immer gewöhnt ge­wesen. Gleich nach dem frühen Tod ihrer Mutter hatte

im Hause ihres Vaters, der von je über seine Verhältnisse gelebt hatte, die Schauspielerei ihrer unklaren Lage ihren An­fang genommen. Es war bis auf den heutigen Tag das Gleiche geblieben: als Braut, als Frau, auch hernach als Gesell­

schafterin im fremden Haus und darauf als die wieder in neuem Glanz hervortretende Weltdame nie war sie wirklich das gewesen, was sie nach außen hin darstellte, stets hatte sie allerlei Kalamitäten, zum mindesten Schulden oder andere drückende Verbindlichkeiten zu verschweigen, zu vertuschen gehabt. Sie hatte sich an dieses ewige Schieben und

Bemänteln im Lauf der Jahre so gewöhnt, daß sie dann auch in ganz unwesentlichen Dingen der nackten Wahrheit ein Flittermäntelchen umhängte. Es war ein amüsantes, oft auch aufgeregtes Spiel ihrer fortgesetzt tätigen Erfindung. Niemals verführte dabei die Phantasie sie zu Abenteuerlichkeiten. Sie sagte niemals Dinge, die ganz unmöglich waren. Ihr rech­nerischer Sinn, eine gewisse kluge Realistik bewahrte sie vor Ausschweifungen ins Reich der Träume.

Dieser neue Zwitterzustand peitschte ihre Nerven aber täg­lich, stündlich und viel stärker auf als je zuvor eine der vielen Krisen, die sie schon überstanden hatte. Was sie sagte, was sie tat, stand immer unter dem Druck der Vorstellung, daß sie jede Sekunde gefaßt sein müßte, Theo vor sich auf­tauchen zu sehen ob sie nun gerade den Besuch Sabinens oder ihres Vaters bei sich erwartete, ob sie mit Sabine ausritt oder ob sie irgendwo in der Stadt vor einem glänzenden Magazin aus der von Gernot gemieteten Equipage mit ihm und seiner Tochter ausstieg, oder ob sie zu dritt aus einer Theaterloge in den Gang hinaustraten.

Eine andere Natur hätte diese fortgesetzte Spannung zu­grunde gerichtet. Ihr gab sie einen neuen pikanten Reiz.

Sie hatte in den nächsten Wochen mit der Neueinrichtung Gernots, bei der sie Sabine zur Hand ging, sehr viel zu tun. Tausend Anregungen wußte sie. . All ihre graziösen Talente entfaltete sie. Sabine wollte schelten, Gernot sagte, es beschäme ihn, sie dürften es nicht annehmen. Aber Asta schüttelte den Kopf und erwiderte unter einem süßen, wenn auch schmerzlichen Lächeln:Lassen Sie doch. Es erinnert

mich an eine Zeit, die so voll holder Wünsche war. Schenken Sie mir ein kleines Weilchen das bißchen liebe Selbsttäuschung."

Dabei zitterte es wohl ganz unmerklich in ihrer Stimme, und über ihre graublauen Augen, die so etwas Samtenes be­saßen, ergoß sich ein feuchter Glanz.

Sabine war sensibel wie Wachs. Ein Hauch genügte, um Eindruck auf sie zu machen. Wenn Asta was ja freilich nur selten geschah an ihr Unglück erinnerte, dann litt Sabine mit. Schon der Ton, in dem Asta sprach, und dieses wehe Lächeln, das ihnen Vortäuschen sollte, sie hätte den Schmerz überwunden, rührten sie. Sie schlang dann in einer bei ihr ganz fremden leidenschaftlichen Anwandlung ihre Arme um die neue Freundin und küßte sie.

Und bei einer dieser kleinen Rührszenen, die sie alle drei in einem feinen, seltenen, einmütigen Taktgefühl schließlich immer ins Humoristische zogen, kam es auf Sabinens Vorschlag zumDu" zwischen den beiden Damen.

Du bist das erste Wesen, das ich darum gebeten habe, seitdem ich erwachsen bin," erklärte sie ihr anderen Tages.Ich hätt' es wohl dir überlassen müssen, damit anzufangen, wie?

Aber ich konnte nicht mehr steif und feierlich ,Sie' sagen. Du bist so in mein Leben hineingewachsen. Und mir ist, als trennte ich dich mit dem Du von deinem Namen."

Du Närrchen. .Asta' gefällt dir nicht?"

,Asta' wohl. Aber der andere nicht. Du bist mir zu gut dafür. Still, still, nicht zanken!" Während sie am Fenster von Astas Salon standen, hielten sie einander

zärtlich umschlungen. Lange schwiegen sie. Dann fragte

Sabine halblaut:Warum hast du dich nicht wieder ver­

heiratet, Asta?"

Weil ich das Glück, das ich damals zu erleben glaubte, kein zweites Mal fände."

Aber es war doch gar nicht das rechte Glück. Asta, das sagtest du doch."

Ich glaubte daran; das machte es dazu. Oder kannst du dir vorstellen, daß zum Beispiel jemand, der so glücklich war wie dein Papa, wieder heiraten könnte?"

Sabine lachte.Ach Papa!"

Du hältst ihn für zu alt?"

Das vielleicht nicht einmal. Aber siehst du: er ist mir unzertrennlich von der Erinnerung an Mama."

Sie war wohl sehr schön, deine Mama?"

Gar nicht. Wenigstens für Gesellschaft, für draußen gar nicht. Und sie machte auch nichts aus sich. Vielleicht war sie sogar ein bißchen zu ruhig für Papa. Er hat doch so

etwas Festliches, Glänzendes findest du nicht? Und Mama, so lieb und gut sie war, ging gar zu leicht in Sorgen unter. Weißt du, das war so von Hause her wie ein kleines Erbübel. Alles was ihre vier Pfähle anging, mußte furchtbar ernst und gediegen und praktisch sein. Sie nahm es zu wichtig, mein' ich. Wir haben sie ja so oft ausgelacht, und dann lachte sie immer mit und sagte: .Ja, ich plage mich für euch zwei, und ihr Schelme bringt alles durch!' Das war, bevor Papa die Erbschaft von Onkel Bressentin machte. Aber sie war ein wundervoller Mensch, weißt du. So einfach und klar. Und doch so tief. Ihre Seele schwang mit, überall, überall, wo ein leises Schluchzen oder ein kaum hörbares Weinen in der Welt war. Wer ein Leid hatte, der kam zu ihr."

Und ging getröstet?"

Sabine zuckte lächelnd die Achseln.Vielleicht. Nach dem guten Hausrezept vom geteilten Schmerz. Aber sie nahm dann immer die größere Hälfte auf ihren Anteil. O, was haben wir ihr oft zugesetzt. Aber was konnte man tun, wenn sie einen so ansah mit ihrem lieben, lieben, blassen, sanften Gesichtet! Einmal, kurz vor ihrem Tode, sagt' ich zu ihr, ihre Augen wären wie Kirchenfenster, durch die man in ein Allerheiligstes hineinguckt."

Du liebe kleine Seele du!" flüsterte Asta.

Wieder schwiegen sie, wieder wiegten sie sich langsam und zärtlich Arm in Arm am Fenster.

Von Sabine strömte so viel Innigkeit aus bei diesen Erinnerungen. Sie ließ ihre Wange gegen Astas Schläfe sinken. Die Nähe der Freundin beruhigte sie. Eine Zeit­lang verharrte sie so ganz still, den Blick zu den Wolken erhebend.

Astas Blick hatte sich indes zur Erde niedergesenkt. Und da direkt unter dem Fenster der Viktoria-Luise-Platz lag, streifte er die Gestalt eines schlanken, fast hageren jungen Menschen mit wettergebräuntem Gesicht, der unten auf und nieder ging, immer wieder unschlüssig stehen blieb und mit seinen Hellen, trotzigen und verlangenden Augen zu der Sixt von Soterschen Etage emporsah.

Du liebe kleine Seele du!" wiederholte Asta mit einem ganz leisen Zittern des Tones. Sie sprach die paar Worte, ohne sie zu überlegen, bloß weil ihr Klang noch in ihrem Ohre lag. Und sie wunderte sich dabei selbst, wie kaltblütig sie doch war. Denn unten stand Theo es gab keinen Zweifel mehr für sie. Und jetzt überschritt er die Straße und kam aufs Haus zu.