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irr die letzten Kleinigkeiten, die dein Komfort eines Hauses den Reiz und den Schliff geben, mutzte sie für alles zu sorgen. Der mit Früchten und Blumen besetzte Frühstückstisch bot stets ein allerliebstes Bild. Ihre Kunst, den Teetisch nachmittags zu versehen, war ganz bezaubernd. In zärtlichster Weise aber versorgte sie Sabine.
„Was tat' ich nur ohne Sie, liebste, liebste Freundin!" sagte Doktor Gernot, teils bewundernd, teils bewegt.
„Ich hätte selbst nicht gedacht, daß ich zur Krankenpflege tauge," meinte sie ehrlich. „Wär's nicht gerade Sabine gewesen, ich weiß nicht, wie's geworden wäre. Ich bin im Grunde viel zu egoistisch dazu."
„Das merkt man nicht, Frau Asta."
„Ich Zeige es bloß nicht."
Er hatte ihr beide Hände gegeben und sah sie freundlich lächelnd an. „Ernst oder Scherz?"
„Genau weiß ich's selbst noch nicht. Ich kenne mich zu wenig. Aber manchmal graut mir's vor mir selber."
„Sie machen sich bloß deshalb so schlecht, damit ich Sie hernach nicht so schmerzlich vermisse."
„Ach, lieber Freund, ein Kompliment Hab ich wirklich nicht herausfordern wollen."
„Wenn es mehr wäre?" sagte er nach einer kleinen Pause.
Nun stahl sich etwas wie wehmütiger Vorwurf in ihre schönen, graublauen Augen. „Dann würden Sie mir's doch hier nicht sagen, und jetzt nicht, an der Krankenstubenschwelle."
Er hatte ihre Hände noch immer nicht freigegeben. Sie wollte sie ihm entziehen. Aber er gab ihren schlanken, nervösen Fingern zuvor noch einen festen, männlichen Druck.
„Was Sie mir und meinem Mädel, was Sie meinem ganzen Hause sind, Frau Asta, das kann ich Ihnen nirgends besser sagen als hier und in diesen stillen Tagen. Weil Sie mir's hier glauben müssen. Hab ich recht?"
Nun nickte sie nur und wandte sich, den Blick niederschlagend, ab. Es war ihm, als schimmerte es in ihren Augen.
Allmählich suchte der Arzt festzustellen, ob Sabine sich auf die Vorfälle jenes Morgens noch besinnen könnte. Bei jedem Besuch fing er aufs neue davon an. Sowohl Asta als auch Doktor Gernot waren meistens dabei. Asta entging keine Silbe von dem, was Sabine in ihrem müden, noch immer etwas verträumten Ton vorbrachte, der etwas ungemein Kindliches hatte.
Ihre Erinnerung schnitt mit dem Aufenthalt am Waldsee nach dem kleinen Imbiß in „Onkel Toms Hütte" ab. Sie wußte noch, daß sie von dort an mit Herrn von Wrffchnewski und seinem Schwager voraus geritten war und daß sie über allerlei Drolliges, was der Oberleutnant sagte, gelacht hatte. Auch einer kleinen Debatte mit Herrn von Tielernhorst-Trenklin entsann sie sich noch. Aber die weitere Folge der Ereignisse war ihrem Gedächtnis ganz und gar entschwunden.
„Die durchschnittliche Erscheinung in derlei Fällen," meinte der Arzt.
An dem Unglückstage selber hatten die Zeugen des aufregenden Vorfalls Sabinens Vater nicht zu sprechen bekommen. Wrffchnewski, der Asta noch an der Unfallstätte eine Art Bericht erstattet hatte, war sich schon auf dem Heimritt kaum mehr klar darüber gewesen, wie weit er die Baronin in die dem Unfall vorausgegangene Unterredung eingeweiht hatte. Er sowohl als das Ehepaar Tielernhorst-Trenklin schickten nun täglich einen Boten ins Gernotsche Haus, um sich nach dem Ergehen der Kranken Zu erkundigen. Als gegen Schluß der Woche zuerst Frau Berte mit ihrem Mann sich persönlich zur Besuchsstunde einfand, um ihre Teilnahme auszusprechen und ihre Freude, daß alles sich zum besten zu wenden schien, wurden sie von der Baronin von Gamp empfangen. Der Hausherr war noch nicht imstande, sich mit Fremden gesammelt über das Ereignis zu unterhalten.
Asta machte die Honneurs in einer so feinen, sicheren und dabei doch wieder bescheidenen und gewinnenden Art — als hätte sie nicht die geringste Ahnung davon, daß der Legationsrat
und seine Frau, die sich ziemlich befangen zeigten, ihr feindlich gesinnt waren — daß sie in dieser heiklen Situation unbedingt die Überlegene blieb.
Erst eine Weile hinterher fand das Ehepaar Tielernhorst- Trenklin, man wäre in Doktor Gernots Haus brüskiert worden. Und der Verkehr hätte zwischen den beiden Häusern von Stund' an gänzlich geschwiegen, wenn nicht der junge Seeoffizier einen um den anderen Tag auf der Bildfläche erschienen wäre. Meistens brachte er Blumen für die Rekonvaleszentin mit.
Asta empfing ihn dann und wann. Daß er Sabine so bald schon würde sehen dürfen, konnte sie ihm nicht versprechen. Sabine war am Schluß der ersten Woche für ein halbes Stündchen ausgestanden; die Fristen, die sie außerhalb des Bettes zubrachte, wurden schrittweise gesteigert. Aber sie war doch noch bedenklich matt.
„Ich kann das gräßliche Bild von damals gar nicht mehr loswerden," sagte der Oberleutnant einmal zu Asta, deren Frische und Charme sich immer gleichgeblieben waren.
„Sie sollen's aber möglichst rasch vergessen. Denn daran darf das arme Ding natürlich nie erinnert werden. Hören Sie: niemals."
Wrffchnewski beteuerte sofort, er würde nie auch nur mit einer Silbe daran rühren. Wenn er sie doch bloß ein einziges Mal, nur auf eine winzige Sekunde, sprechen dürfte.
„Und was würden Sie ihr dann sagen?" neckte ihn Asta, indem sie lächelnd den Duft der Blumen einzog, die er wieder für Sabine gebracht hatte.
Er seufzte tief und sah sie dann, gleichfalls lächelnd, an. „Ach — so allerhand."
„Nettes?"
„Sehr Nettes."
Nun lachte sie über seine drollig schwärmerische Miene herzlich auf.
„Ja, Sie machen sich lustig über mich, gnädigste Baronin. Wenn Sie bloß ahnten, wie mir die Zeit über zumute war. Das ist doch jetzt mein Urlaub, sauer verdienter Urlaub sozusagen; aber glauben Sie, ich Hab' was davon? Wo ich geh' und stehe, muß ich an den schrecklichen Morgen denken. Und es ist mir so traurig, daß ich so gar nichts, gar nichts für sie tun kann."
Sinnend betrachtete sie ihn. „Wissen Sie, daß Sie ein sehr, sehr lieber Mensch sind? Nein, nein, rot zu werden brauchen Sie nicht. Das ist bei einem Seemann gar nicht am Platze. Und als Sabinens Vizemama darf ich schon so zu Ihnen sprechen."
Er war recht verlegen geworden. Nach einer kleinen Pause sagte er: „Es ist furchtbar gut von Ihnen, daß Sie sich so
um das liebe Ding annehmen. Um das gnädige Fräulein, meine ich."
Sie stand lachend auf. „O — o! Aus Bestechungsversuche lasse ich mich nicht ein!"
„Bestechung?" fragte er verdutzt.
„Nun, wenn ich als würdige Vizemama Ihnen eine Liebeserklärung mache, dann dürfen Sie doch nicht so abscheulich sein, sie sofort zu erwidern."
„Ich tu's gewiß nicht wieder!" Er war ganz selig über ihre charmante, herzliche Art, die ihm Hoffnung machte, da sie doch Sabinens einzige Vertraute war. Und er küßte ihr beim Abschied recht ausführlich die Hand.
„Das geht aber doch an eine andere Adresse, nicht wahr?" meinte sie lächelnd.
„Ja!" entfuhr es ihm ehrlich.
Und wieder lachten sie beide.
„Haben Sie sonst noch etwas auszurichten, Herr von Wyschnewski?"
„Sagen Sie mir bloß noch das eine, liebste gnädige Frau: wie sieht sie aus?"
„Blaß. Aber süß. Wie ein kleines Engelchen. Nein, doch nicht. Vor ein paar Wochen hing hier in einem Kunst-