salon ein Gainsborough: -Junge Waise'. Haben Sie das Bildchen gesehen?"
„Wasserratte soll in die Museen laufen? Das heißt, wenn Fräulein Sabine Interesse hat: ich bin nicht etwa ein Kunstbarbar! Um Himmels willen, gnädige Frau, schwärzen Sie mich nicht an!"
„Die Herren von der Flotte .schustern' sich doch alle gar zu gern ein bißchen," neckte sie ihn wieder.
„Minnedienst vor Herrendienst, gnädige Frau!" sagte er munter. „Und also — der Gainsborough?"
„Na ja: schmales, blasses Gesichtet, ein ganz klein wenig präraffaelitisch, so eine stille Weihe darüber, durchsichtige Schläfen und dazu die lieben, braunen, traurigen, feuchten Samtaugen!"
„Noch ein Wort — und ich heule."
„Das sag' ich dann aber."
Sie schieden als die besten Freunde. Und Asta berichtete — vielleicht noch ein bißchen ausschmückend — der leicht errötenden Sabine von ihrer Unterhaltung.
Wyschnewski war von da an der feurigste Verteidiger der Baronin von Gamp. Er verzankte sich ihretwegen sogar ernstlich mit seiner Schwester und deren Gatten. Eine längere Auseinandersetzung über diesen Fall schloß er mit den Worten: „Eine Frau, die bei aller Noblesse und Weltgewandtheit noch so viel Gemüt hat wie Frau Asta, kenne ich sonst, außer Mama, jedenfalls nicht!" Berte nahm es übel und mokierte sich nicht wenig über die familiäre Bezeichnung: Frau Asta. Aber die Exzellenz, die gerade auch schon eine graziös impertinente Bemerkung über die junge Geschiedene auf der Zunge gehabt hatte, unterdrückte sie; denn es schmeichelte ihr doch, daß ihr Junge Gemüt bei ihr feststellte. Und so nahm sie sich ihm zuliebe der Vielgeschmähten, der sie übrigens für tausend Gefälligkeiten in Basardingen nur Dank schuldete, gleichfalls an.
Als Sabine noch auf der Schwelle des Bewußtseins zu Bett gelegen hatte, nur ab und zu die blutleeren Lider aufschlug und ihren Blick durch das ihr noch fast fremde Zimmer mit den fremden Menschen und den fremden Möbeln schweifen ließ, irrte ihr Blick auch ganz wesenlos an Asta vorbei. Aber einmal, als die Freundin an ihres Vaters Seite an ihr Bett trat, ging es plötzlich wie ein freudiges Aufzucken über ihre Miene, und sie sagte leise und fragend, mit einer innigen Beseligung im Ton:
„Mama . . .?!"
Das klang so lieb und rührend, daß sie alle im Zimmer, sogar die Krankenschwester, tief bewegt davon waren.
Und mit einer Art freudigen Staunens gab sich die Kranke dann in den Tagen des Überganges einer großen, innigen, vielleicht nur instinktiv bewußten Zärtlichkeit für Asta hin.
Halbe Stunden lang konnte sie sich, als sie den Kopf schon ein wenig aufrichten durfte, an Asta, die auf dem Bettrand saß, anschmiegen, sich leise hin und her mit ihr wiegen und, meist mit geschlossenen Augen, sie küssen, ganz zart, fast schüchtern.
„Vizemama!" nannte Sabine sie jetzt. Wie das gekommen war, daß sie so unbewußt von der traumhaften Erinnerung an ihre Mutter Zur Gegenwart herübergelangte, ohne auch nur einen^ Moment lang Zu der schmerzlichen Erkenntnis einer Selbsttäuschung zu kommen, das ließ sich hinterher gar nicht mehr feststellen.
Gernot, der all dies mit ansah, war geradezu erschüttert:^ die letzte Fremdheit, die die junge Frau für ihn bisher besessen hatte, war nun gewichen. Sie lebten zu dritt so innig, so familiär, als ob Asta schon immer zu ihnen gehört hätte.
Nach drei Wochen Stille bestand der Hausherr darauf, daß Asta sich endlich einmal einen anregenderen Abend gönnte.
Er hatte für ein Philharmonisches Konzert, in dem eine Weltberühmtheit auftrat, Logenplätze besorgt.
. Sabine war eine Sekunde lang traurig darüber, daß sie allein bleiben sollte, aber dann redete sie Asta lebhaft zu.
Vizemama mußte sich ihr hernach in ihrer Toilette zeigen. Sabine lag auf dem Löwenfell auf der Chaiselongue in ihrem neuen Kimono, dessen Farben ihren Teint belebten. Asta hatte das schmucke japanische Neglige zusammen mit anderen reizenden Ausstattungsstücken für sie in einem ersten Modemagazin gekauft. Die beiden Gastzimmer, die sie hier bewohnte, hatten in der letzten Woche auch für sie selbst einen kleinen Vorrat an Frühlingskostümen ausgenommen. Ein Teil stammte von zu Hause aus wieder aufgearbeitetem früheren Bestand sie hatte sich bei ihrem Vater nur ab und zu mittags auf einen Sprung sehen lassen, —- ein anderer stellte ihre Neuausrüstung für die bevorstehende Saison dar.
Sabine war wieder entzückt von ihr. Asta hatte für den Konzertabend ihre neue Robe aus silberfarbenem Seidenmusselin gewählt. Libertpstreifen, mit Stoffaltchen verbunden, zeigten Mäandermuster in großen Linien. Die Taille umspannte ein türkisblauer Gürtel. Der kleine viereckige Ausschnitt wirkte sehr kokett. Dazu trug sie einen pompösen Abendmantel. Er bestand aus blondfarbenem Tuch mit Madeirastickerei und Einsätzen von Seidengipüre. Asta trug ihn geöffnet, er ward aber durch einen seidenen Faltengürtel, der sich unter Hohlfalten durchzog, anliegend in der Taille gehalten. Zu ihrem besonderen Blond und den dunkelen Augenbrauen und Wimpern wirkten die Farben überaus apart. Ihr pikantes Pariser Rüschen gab der ganzen Erscheinung die originelle Art. Das Haar trug sie neuerdings hoch gescheitelt und am Wirbel mit blonden Schildpattkämmen festgesteckt. Rechts und links von der schmal wirkenden Stirn fiel ihr das Haar in losen, leichtgelockten Wellen über die Schläfen.
„Du siehst ja himmlich aus, kleine Vizemama!" rief Sabine. „Papa, nein, ist sie nicht zum Verlieben?"
Doktor Gernot war sichtlich stolz auf die junge Hausfreundin. Es trat von dem Augenblick an, da sie einander zum erstenmal wieder in Gesellschaftstoilette gegenübertraten, freilich eine gewisse Befangenheck zwischen sie. Der familiäre Ton des Hausherrn war mehr einem ritterlichen gewichen.
Aber als dann der telephonisch bestellte Wagen gemeldet wurde, fiel Gernot doch wieder in alte Gewohnheiten zurück: er tat nämlich dieselben Fragen, die er bei solchen Anlässen immer an seine Frau gerichtet hatte, ob sie den Fächer, die Ringe usw. auch nicht vergessen hätte.
Darüber amüsierten sie sich dann alle drei. Und seltsam: auch hernach, als das Paar endlich im Wagen davongefahren war und Sabine sich sinnend im Kissen zurücklehnte, empfand sie gar nichts Befremdendes mehr in der Vorstellung, daß Asta nun so ganz und gar an die Stelle ihrer Mama gerückt war. Es war ihr, als ob die Lücke vom Tod der Mutter an bis Zu ihrem Wiedererwachen nach dem Sturz gar nicht existierte. Ihre Phantasie konnte von ihrer leidenden, stillen, zärtlicher: Mutter zu ihrer bezaubernden, strahlenden Vizemama hinüber- und herüberwandern, ohne zu stocken, so grundverschieden die beiden Wesen waren.
An einem der folgenden Abende, als in Astas ausnahmsweiser Abwesenheit Sabine den Tee bereitete —- zu Astas graziöser, etwas koketter Kunst brachte sie's nicht — sprachen sie in aller Behaglichkeit, ein bißchen gerührt und verträumt, aber doch heiter zärtlichen Tons darüber, wie es wohl wäre, wenn Vizemama dauernd bei ihnen bliebe.
Sie sprachen von da an noch öfter darüber. Ja, wenn sie sich allein miteinander unterhielten, dann sprachen sie jetzt eigentlich von nichts anderem mehr.
Und einmal meinte Gernot: „Wenn du's ihr sagtest,
kleiner Schatz?"
Sabine rückte stumm.