Heft 
(1906) 05
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Die Fenster wurden geöffnet, und über das junge Grün der Ziersträucher im Vorgarten trat mit lustigen Sonnenstrahlen und mit Vogelgezwitscher der Frühling in die Krankenstube ein.'

Eigentlich krank war Sabine nicht mehr; die Pflegerinnen waren entlassen. Aber es herrschte noch immer jene Zarte Ge- dümpftheit der Stimmung vor wie in den schweren Tagen. Eine wunde Glückseligkeit!" so drückte es Sabine aus.

Sie fuhren bei schönem Wetter in den Mittagsstunden in hübschen neuen Frühjahrstoiletten spazieren jeder, der von einem Gang aus der Stadt heimkam, brachte stets eine Überraschung für Sabine mit sie ließ sich willig vor: ihnen beiden hätscheln und war weich und zärtlich und dankbar.

Einmal ward Herr von Wpschnewski gemeldet, während Sabine allein war. Ihr Papa hatte eine dreitägige Reise nach seinem Wahlkreise antreten müssen, um Vorträge zu halten, und ward erst abends zurückerwartet. Asta warauf einen Husch" nach ihrer Wohnung gefahren. Es war nachmittags etwa um fünf Uhr.

Ganz beglückt, fast etwas stürmisch kam der junge See­offizier herein, als das Mädchen ausrichtete, das gnädige Fräulein ließe bitten.

Er hatte sich die Situation immer so ausgemalt, wie sie ihm die Baronin von Gamp angedeutet hatte: Sabine im Lehnsessel als wachsbleiches Engelsbildchen, den dunkelblonden Kopf matt in ein Kissen gelehnt, und ihr schlankes Figürchen natürlich in einem langen, losen, weißen Gewand.

Höchst erstaunt war er nun, als ihm die Rekonvaleszentin in ziemlich munterem Schritt entgegenkam. Sie steckte in einem eleganten Promenadenkostüm, da sie mittags mit Asta eine längere Wagenfahrt unternommen hatte. Sie kam ihm gegen früher sehr verändert vor, erschien ihm viel mehr als Weltdame; der Einfluß von Astas ausgeprägtem Toiletten­sinn war unverkennbar. Aber ihr liebenswürdiger Blick, ihr warmer Altton, als sie ihm für all die schönen, sinnigen Blumengrüße dankte, waren noch genau so herzlich und ge­winnend wie d mn als.

O lassen Sie sich erst einmal ansehen, gnädiges Fräulein!" sagte er strahlend, wenn auch in einer gewissen Verlegenheit. Und sie mußte an die Balkontüre treten und sich ihm in der Sonne zeigen. Dort nahmen sie dann auch Platz.

Erst jetzt beim Wiedersehen merkten sie beide, daß sie in ihrem früheren Verkehr eigentlich nur an der Oberfläche ge­blieben waren. Die wärmeren und tieferen Beziehungen hatten sich erst in der Trennung entsponnen.

Was macht die fröhliche Reiterei, Herr Oberleutnant?" fragte sie, um keine Pause aufkommen zu lassen.

Sie trauert, gnädiges Fräulein. Ich bin nur ein paar­mal draußen gewesen. Frau von Gamp ja auch so selten. Ich sah sie in der ganzen Zeit nur zweimal."

Wir hatten noch Kämpfe, um sie dazu zu bringen."

Nun stockte das Gespräch. Er hatte so viel auf dem Herzen, daß er gar nicht wußte, wo anfangen.

Ende der Woche ist mein Urlaub zu Ende."

Aber Sie bleiben hier in Berlin?"

Ja. Nur . . . Dann kommt ja doch bald der Sommer."

Sie sagen das so traurig?"

Er wird sehr einsam für mich werden. Alles verreist dann. Das gnädige Fräulein gewiß auch?"

Sie senkte leicht das Antlitz über die Blumen.Wo bringen Ihre Verwandten den Sommer zu? Hat sich Berte schon entschlossen? Sie ließ gar nichts mehr von sich hören. Ich darf noch nicht Treppen steigen, sonst hätt' ich ihr für ihre Teilnahme längst mündlich gedankt."

Berte? Ja Berte ist schon letzten Sonntag abgereist!" sagte er in leichter Unbehaglichkeit.Die Kinder sollten Soole baden."

Mit den paar Worten verflog die hübsche Stimmung so unversehens, daß er sich hernach noch oftmals selbst die bitter­sten Vorwürfe machte.

Abgereist?" wiederholte Sabine befangen.Und hat mir gar nicht Adieu gesagt? Jetzt, wo wir uns endlich ein­mal Hütten sprechen dürfen? Sie ist mir also böse?"

Ach, gnädiges Fräulein," beeilte er sich abzulenken, Berte ist kleinlich, ihr Mann womöglich noch kleinlicher."

Er hatte noch keine rechte Vorstellung von der Über empfindsamkeit einer Kranken, die wochenlang von aller Außen­welt abgeschnitten gewesen war. Je eifriger er sich bemühte, das Thema zu wechseln, desto mehr verstrickte er sich.

Wie Sie nur sprechen!" stieß sie plötzlich ängstlich aus. Was steckt dahinter?"

Durchaus nichts. Und ganz ehrlich gesagt, Sie haben wirklich nichts verloren."

Ihr Blick war jetzt wie nach innen gerichtet. Eure fast schmerzliche Spannung prägte sich in ihren Zügen aus. Wpsch- newskis Stimme und ferne Worte über Verte und den Legationsrat lösten in ihrem Gedächtnis eine trübe, aber noch ganz dunkle Erinnerung aus. Sie hörte gar nicht mehr auf das, was er vorbrachte, um den peinlichen Eindruck zu verwischen.

Da war etwas mit Asta, irgend etwas," sagte sie un­sicher.Sie mochten einander nicht. Oder so etwas war's. Es ist ganz seltsam an einzelne Dinge ist mir die Er­innerung wie ausgeschaltet."

Nein, ich dulde auch nicht, daß Sie sich damit quälen. Das ist es ja gar nicht wert. Liebstes gnädiges Fräulein, bitte, bitte, denken Sie doch gar nicht mehr daran!"

Lassen Sie mich bloß einmal in aller Ruhe überlegen." Sie ließ den Kopf zurücksinken und sah mit großen, offener: Augen durch die Balkontür ins Baumgeäst. Ein mattes, hilf­loses Lächeln zeigte sich auf ihrem plötzlich ganz blaß gewordenen Antlitz.Seltsam," flüsterte sie,ganz seltsam."

Er ward immer untröstlicher.Nun Hab ich mich auf das Viertelstündchen so unsagbar gefreut, die ganze Zeit, und eine ungeschickte Bemerkung verdirbt mir alles." .

Wenn nur Bizemama da wäre!" sagte sie bang auf­seufzend. Sie blickte sich unruhig um.Um vier Uhr war sie nach Hause gegangen. Sie erwartet dort die Schneiderin. Aber sie wollte bald zurück sein."

So unzufrieden mit sich war er noch nie in seinem Leben gewesen. Er hatte vorgehabt, ihr sein ganzes Herz aus­zuschütten, anzupochen, ob sie denn auch etwas für ihn übrig hätte, ihr zu gestehen, wie er ihr Bild immer und überall im Herzen mit sich herumgetragen, wie er unter der langer: Trennung während ihrer Krankheit gelitten, wie tief ihn der Unglücksfall damals erschüttert hatte. . .

Ach liebstes gnädiges Fräulein," begann er von neuern, seinen Stuhl näher zu ihr rückend, indem er ihre matt aus der Lehne liegende blasse Hand bittend berührte,Sie Haber: mich so glücklich gemacht damit, daß Sie mich empfangen haben. Nun gönnen Sie mir doch die Freude. Ich mein Gott ich Hab' Ihnen ja so unendlich viel zu sagen. Und Sie zu fragen. Und wenn doch Frau von Gamp so bald wiederkommt: jede Minute ist mir kostbar! Wer weiß, wann ich Sie wieder einmal sprechen darf, und allein und ungestört wie jetzt müßte es schon sein denn ach. .

Er brach ab, ganz unfähig, die Worte zu finden, da er merkte, wie stark auch in ihr die Unruhe zitterte.

Sie erhob sich. Beide Hände gegen die Schläfen pressend, wandte sie sich dem Zimmer Zu. Sie fühlte, daß ihre Srirn feucht geworden war.

Ich bin ja selbst ganz traurig darüber," sagte sie stockend, mit einem beginnenden Weinen in der Stimme.Aber diese Angst, diese plötzliche Angst!"

' Er folgte ihr. Sie zuckte jäh zusammen, als sie die Schritte hörte, und kehrte sich rasch nach ihm um. Wie be­schwörend schlang sie die Hände ineinander.

Ein paar Sekunden lang stand er schweigend, mit sich kämpfend, ihr gegenüber. Jetzt müßte er sie in seine Arme pressen, sagte er sich, sie küssen und die große, entscheidende Frage tun. Aber der Mut fehlte ihm dazu.