Heft 
(1906) 05
Seite
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Sie las in seiner Miene, seinen: Blick. Noch nie war er ihr so lieb gewesen wie in dieser Sekunde. Es drängte sie auch, ihn anzuhören, und eine innere Stimme schien ihr zu sagen: sie müßte sich Zwingen, diese unbestimmte Qual, die ihr die Fassung raubte, zu überwinden. Es war gewiß nur eine krankhafte Störung, eine übertriebene Nervosität noch aus der langen Einsamkeit her.

Aber Sekunde aus Sekunde verstrich, ohne daß sie auch nur um Zollbreite von der Stelle gekommen wären. Und da sie's plötzlich fröstelte und sie dem Mädchen klingelte, um die Fenster schließen zu lassen, griff er leicht aufseufzend nach seiner Mütze. Nachdem er sich verabschiedet hatte, stand sie noch lange unter diesem seltsam bangen Druck. Aus Traum und Er­innerung wob ihre Phantasie ein Schreckgespenst zusammen, dem sie sich nicht entziehen konnte, das sie dann auch den ganzen Abend über verfolgte.

Astas Heimkehr verzögerte sich. Gegen acht Uhr traf Doktor Gernot von der Bahn ein. Sabine stürzte ihm ent­

gegen und warf sich schluchzend in seine Arme.

Er war entsetzt über ihre Aufgeregtheit.Schatz kleiner Schatz was hast du, was ist geschehen?"

Und in dieser Sekunde stand es plötzlich wieder ganz klar in seiner vollen, großen Bedeutung vor ihr: ihr Papa wollte sich wieder verheiraten, wollte Asta zur Frau nehmen, und man sprach so häßlich über sie, sie selbst, sein Kind, hatte es mit anhören müssen, damals, auf dem Morgenritt zur Havel . . .

Sie durchlebte im Geist die aufregenden Augenblicke vor ihren: Sturz noch einmal.

Vatting!" schrie sie auf, sich an ihn klammernd.

Er umfing sie, denn sie knickte plötzlich in sich zusammen. Ihre Hände waren kalt und feucht, auch auf ihrer blassen Stirn stand der Angstschweiß. Rasch bettete er sie auf der Chaiselongue. Dann klingelte er dem Mädchen, lief ihm aber noch in den Korridor entgegen und rief ihm erregt zu:Dem Arzt telephonieren, rasch, rasch, ich ließe ihn sofort bitten eine Ohnmacht!"

Es war aber keine wirkliche Ohnmacht, es entwickelte sich nur ein erschöpfter Schlaf daraus.

Gernot setzte sich zu der Kranken, nachdem er sie gut ein­gehüllt hatte, und strich ihr besorgt über Stirn und Schläfen.

Er zählte die Minuten, die Sekunden, bis Asta endlich da sein würde. Er fühlte sich schon ganz hilflos ohne sie.

Fester als je stand in dieser Stunde sein Entschluß, sie zu hei­raten. Vor allem, um Sabine eine mütterliche Freundin zu geben.

Als Sabine spät abends erwachte, war sie nur matt, sonst ganz ruhig. Eine rechte Vorstellung von dem, was sie so sehr geängstigt hatte, besaß sie nicht mehr. Bloß in der Erinnerung an den Besuch des jungen Seeoffiziers überkam sie eine eigen­artige Traurigkeit - eine seltsam süße, müde Traurigkeit. Sie liebten sich, das wußte sie jetzt. Aber warum sagten sie's ein­ander nicht? Es war so eine innige Sehnsucht in ihr, sich an­klammern zu können, denn sie fühlte sich doch sehr, sehr verwaist.

Wpschnewski war in tiefer Verstimmung von ihr gegangen. Er wußte aber nicht recht, wem er grollen sollte. Trug er die Schuld daran, daß der leidige Streit um Asta zur Sprache ge­kommen war? Die Vorstellung beunruhigte ihn, daß die Baronin durch Sabine davon erfahren würde. Sie konnte dann annehmen, daß er gleich seiner Schwester und seinem Schwager gegen sie intrigierte. Wie er jetzt mit Sabine stand, wollte er sich Frau von Gamps Protektion nicht verscherzen. Auch eine ganz un­egoistische Regung der Ritterlichkeit rückte ihm den Wunsch nahe, sich vor ihr von jedem Verdacht zu reinigen.

In solchen Gedanken war er tiefer hinein in den neuen Westen geraten. Unfern vom Viktoria-Luise-Platz blieb er stehen und überlegte. Vielleicht war Frau von Gamp noch in ihrer Wohnung anzutreffen? Ob er sie aufsuchte ihr eine ganz offene Beichte über alles ablegte? Wenige Minuten später stand er schon in dem Haus, dessen Nummer er gelegentlich gehört zu haben sich entsann. Er klingelte an der Portiers­wohnung und fragte den Mann nach der Baronin.

Ja, vier Treppen hoch, Herr von Soter. Rechts. Aber die Frau Baronin ist schon ein paar Wochen am Kursürsten- damm."

Nee, momentan is sie oben," rief die Helle Stimme eines halbwüchsigen Mädchens vom Fenster her,ich Hab sie vor 'ner guten Stunde ins Haus 'reingehen sehn."

Also begann Wpschnewski den Aufstieg.

Er erklomm gerade die oberste der mit breiten, dicken Läufern belegten Treppe aus imitiertem Marmor, als die Entreetür der Wohnung Zur Rechten sich auftat. Ein junger Herr kam gleich darauf auf dem Treppenabsatz an ihm vorbei. Nach Gang und Haltung erschien er ihm wie ein Kamerad in Zivil. Wenigstens ließ das schmale, so stark wettergebräunte Gesicht auf den Seemann schließen. Bei der hastigen Be­gegnung streifte er den Fremden nur mit einem flüchtigen Blick. Aber die schönen, ausdrucksvollen, hellgrauen Augen, die in dem knabenhaft hübschen Gesicht standen, fielen ihm auf.

Wpschnewski suchte in der Vrusttasche seines Überrocks nach einer Karte, um sie dem Mädchen Zur Anmeldung einzuhändigen. Er hörte, daß der Fremde gleichzeitig mit ihm auf einem unteren Treppenabsatz stehen blieb, vielleicht in einiger Neugierde.

Er nahm die letzten paar Stufen und klingelte zur Rechten.

Hastige, leichte Schritte näherten sich, er hörte das Rauschen seidener Röcke. Gleich darauf ward ziemlich ungestüm die Tür geöffnet.

Asta stand auf der Schwelle.

Der Ausdruck ihres Gesichts machte m blitzartiger Folge ein paar seltsame Wandlungen durch. Aller Glanz erlosch in ihren Augen, indem sie ihn anstarrte, Schreck malte sich in ihren Zügen, dann fand sich ein gezwungenes, verwirrtes Lächeln auf ihre Lippen.

Verzeihung, gnädige Frau, daß ich so spät noch wage. ."

Herr von Wpschnewski! O!" Ein paar Augenblicke Hielt sie ganz unschlüssig in der Tür.Mein Mädchen ist nicht da vielmehr in der Küche. . . Ich wollte gerade die Wohnung verlassen..."

Es lag etwas seltsam Abwesendes in ihrem Ton. Gewiß lauschte sie nach unten. Die Schritte des sich Entfernenden waren vielleicht nur des Teppichs wegen nicht mehr zu hören vielleicht auch hielt er wieder auf einem tieferen Treppenabsatz inne.

Der junge Offizier wußte selbst nicht, weshalb ihn mit einem Male das peinigende Gefühl überkam: hier stimmte irgend etwas nicht.Ich störe also, gnädige Frau?"

Nun lachte sie wiederum etwas gezwungen.Aber durchaus nicht. Ich bin bloß verwundert"

Ich war bei Fräulein Gernot. Dort erfuhr ich, daß Sie hier waren."

Ja die Schneiderin hat mich vor ein paar Minuten verlassen ... Ich war ganz allein und wollte gerade wieder nach dem Kurfürstendamm." Nun trat sie einen Schritt zu­rück.Aber es ist hübsch, daß Sie mir hier Muten TaP sagen kommen. Oder haben Sie etwas Besonderes?"

Er war nicht gewandt genug in der Verstellung. Sie mußte ihm zweifellos anmerken, daß er irgend einen Verdacht ge­schöpft hatte. Der äußere Schliff der Offizierserziehung half ihm über die seltsam häßliche Empfindung hinweg. Er sagte also so korrekt er konnte, daß er der gnädigen Frau nur seine Aufwartung hätte machen wollen.

Für eine offizielle Visite war es reichlich spät; es dämmerte bereits. Sie nahm keine Notiz davon, war nun scholl wieder ganz die Liebenswürdigkeit selbst. Er mußte eintreten und ihr in den Salon folgen. Fortgesetzt plauderte sie mit immer noch abwesender Miene freilich, aber bei anscheinend bestem Humor.

Kleinlich in äußerlichem Formenkram war er sonst ganz und gar nicht. Aber es fiel ihm auf, daß sie nicht das Mädchen kommen und Licht machen ließ. Und noch so mancher­lei mißfiel ihm. Sie hatte die Unwahrheit gesagt. Das Mädchen war keinesfalls da. Die Begegnung mit dem Fremden be­drückte ihn. Warum vertuschte sie's geflissentlich, daß sie bis Zur letzten Minute vor seinem Kommen Besuch gehabt hatte?