Warum erwähnte sie sofort mit so auffälliger Hast, daß die Schneiderin bei ihr gewesen wäre und sie soeben erst verlassen hätte? Er saß einen kurzen Höflichkeitsbesuch ab. Bon dem, was ihn hergeführt hatte, sagte er keine Silbe.
Als er dann die Treppe wieder Hinabstieg, hatte er das Gefühl einer tiefen Beschämung. Er wußte selbst nicht weshalb.
Ein peinigendes Mißtrauen gegen Frau Asta brannte in ihm. Hunderterlei siel ihm wieder ein, was seine Verwandten über die Baronin sagten oder klatschten.
Unschlüssig wanderte er durch die dunkelnden, unbehaglichen, noch wenig bewohnten Straßen an der Weichbildgrenze.
(Fortsetzung folgt.)
Künstlich erzeugtes Eiweiß.
Nach dem Experimentalvortrage Emil Fischers in der Deutschen Chemischen Gesellschaft.
Von vr. S. Saubermann.
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/^eheünrat Professor Dr. Emil Fischer ist unzweifelhaft einer der größten lebenden Gelehrten; — vielleicht, wenn man eine Leistung nach der Schwierigkeit der gelösten Probleme beurteilt, der bedeutendste Chemiker der Gegenwart. Tatsächlich erhielt er den ersten Nobelpreis für Chemie, und es konnte auch kein anderer als er dieser Auszeichnung würdig befunden werden.
Fern von jeder Reklamesucht gibt er die Resultate seiner Forschungen fast nur in den „Berichten der Deutschen Chemischen Gesellschaft" kund.
Noch nicht 27 Jahre alt, wurde er Professor in München und schon dreizehn Jahre darauf als der einzig würdige Nachfolger des berühmten August Wilhelm von Hofmann Vorstand des Ersten Chemischen Institutes der Berliner Universität. Bon den vielen sogenannt organisch-chemischen Verbindungen, die er in dieser Periode entdeckte, ist die wichtigste das Phenylhydrazin, eine Substanz von ganz besonderer Eigenart aus sechs Kohlenstoff-, acht Wasserstoff-und zweiStick- stoffteilchen, und seine Glanzleistung die Anwendung dieses Stoffes Zur Klarstellung der Art und Weise, wie die Natur die Zuckerarten aus den Elementen aufgebaut hat, welche Arbeit er durch künstliche Darstellung des Traubenzuckers aus einfacheren chemischen Substanzen krönte. Bor ungefähr sechs Jahren wandte er sich der Chemie der Eiweißstoffe, einem von der Forschung infolge der erkannten ungeheuren Schwierigkeiten arg vernachlässigten Gebiete zu, und was man in dieser Zeit hin und wieder von ihm hörte, war geeignet, den großen Hörsaal des Hofmannhauses Anfang Januar mit einer Hörerschar zu überfüllen, zu der Fischers namhafteste Mchkollegen ein großes Kontingent gestellt hatten. Sie waren nicht nur die angesagte Übersicht seiner bisherigen Resultate, sondern auch eine bedeutsame Offenbarung Zu hören gekommen. Und das eine soll gleich gesagt sein: auch die kühnsten Erwartungen wurden nicht getäuscht.
Mir ist seitens der Redaktion der „Gartenlaube" die Aufforderung zuteil geworden, ihren Lesern die großartige Kundgebung des Gelehrten zu Libermitteln. Das ist an
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Professor IW Emil Fischer
gesichts der Tatsache, daß das von Fischer behandelte Gebiet der organischen Chemie zu den allerschwierigsten zählt, keine leichte Ausgabe. Zum Beweise dafür eine kleine Anekdote, die den Vorzug, wahr zu sein, besitzt: Eine Dame, die mein Laboratorium besuchte, fragt mich, was ich in einem Gefäße schüttle.
Ich antworte kurz und bündig: „Das ist 3,6 — cliamicko — 2,7 — äi- metllzck — 0 — ptwnvl- aerläin." — „Um Him- mels willen," ruft der Gast, „das versteht doch kein Mensch!" — „Ei, gewiß versteht er es," erwidere ich; „die für Sie unaussprechliche Formel sagt dem Chemiker nicht nur, was für Farbstoff die Substanz ist, sondern auch, wie seine Konstitution lautet, das heißt, wie wir uns das innere Gefüge der chemischen Verbindung vorstellen, in welcher Weise die Atome an- und urm einander gelagert sind, manchmal sogar, aufwelche Weise der Stoff gemacht worden sein kann." Sprach loses Erstaunen auf seiten der Besucherin. Was aber geschehen wäre, wenn ich ihr, frei nach Fischer, den ungefähr richtigen che mischen Namen eines halb wegs einfacher: Eiweiß körpers vorgesprochen hät te, das male sich der in seinem Laboratorium. phantasievollere Leser selbst
aus. Denn die Eiweißkörper sind die allerkompliziertesten Angehörigen der organischen Chemie. „Organische Chemie?" Hier stock ich schon—. Eigent lich gibt es keine. Allerdings, früher, noch vor hundert Jahren, unterschied man deutlich zwischen Anorganischem und Organischem. In die erste Gruppe schob man alle Stoffe, die gewissermaßen aus mineralischen Bestandteilen zusammengesetzt waren, in die zweite jene Substanzen, deren Herstellung in Pflanzen- oder Tierkörpern durch die schaffende Natur selbst erfolgt und bei denen die Mitwirkung einer unerklärlichen, ewig unerforschlichen „Lebenskraft" als unerläßlich gedacht war. Da gelang es Wöhler 1828, den Harnstoff, ein ausschließlich tierisches Pro dukt, aus Salmiakgeist (Ammoniak) und wasserstofffreier Blausäure (Cyan) zu fabrizieren. Seitdem ist der Unterschied zwischen beiden Chemiegattungen nicht mehr vorhanden, aber wir sagen trotzdem noch „organische und anorganische Chemie" ebenso wie: „die Sonne geht auf". Denn die Forschung hat.