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insbesondere in den letzten vier Jahrzehnten, hunderttausend und mehr sogenannte organische (im engeren Sinne Kohlenstoff-) Verbindungen zu gewinnen verstanden, von denen ein großer Bruchteil in der Natur trotz aller Lebenskraft nicht entstehen, sogar nicht einmal bestehen könnte. Ganz abgesehen davon, daß Zehntausende für unser Dasein höchst wichtiger Substanzen, insbesondere aus dem Pflanzenreiche, der Natur nachgemacht werden. Man denke nur an das Kokain, Atropin, Chinin, Salizyl und andere mehr; man beachte, daß Veilchen, Jasmin, Vanille und Hunderte anderer Pflanzen nicht mehr zu duften brauchten, weil wir ihren Geruch besser zu machen verstehen; daß fast alle Farbstoffpflanzen wegen der Anilinfarben aus der Agrikultur verschwunden find und eben dem Anbau natürlichen Indigos das Zügenglöcklein läutet. Wie von den Landkarten ferner Weltteile die weißen Stellen hinweggeschwunden sind, so gibt es nur noch wenige Gebiete im Reiche der angewandten Chemie, die noch keines Forschers Fuß betreten hat; auch das unzugänglichste von allen, der Bezirk der Eiweißkörper, wird bald zu den bewohnten gehören.
Was wir der Arbeit Fischers verdanken, läßt sich vom Nichtchemiker, wie schon erwähnt, nur schwer erfassen. Als er vor sechs Jahren den mutigen Entschluß faßte, das innere Gefüge der pflanzlichen und tierischen Eiweißkörper zu erforschen, war, wie gesagt, noch wenig Pionierarbeit getan. Das heißt, von welcher Bedeutung sie für alles vegetabilische und animalische Leben seien, daß sie den Hauptbestandteil der Pflanzen und Tiere bilden, wie sehr ihre Umsetzungen das Leben an sich darstellen, also fast alles, was sich mit dem Worte „Biologie" umfassen läßt, das wußte man. Ebenso, daß Lebensprozesse ohne Eiweiß undenkbar sind, daß die Pflanzen die bewundernswerte Fähigkeit besitzen, aus den relativ einfachen chemischen Substanzen, die sie aus Luft und Erde aufnehmen, Albumine herzustellen, daß bis zum heutigen Tage das Sein der Tiere eben wegen dieser Eiweißstoffe von den Pflanzen vollständig abhängig geblieben ist. Schließlich war noch bekannt, daß das Eiweißmolekül aus vielen, vielen hundert bis zu viertausend und noch mehr Atomen von Kohlenstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff besteht — etwas Schwefel ist auch manchmal dabei — daß es sich durch Säuren, Alkalien und vergärende Fermente in kleinere Bestandteile zerlegen läßt, und daß diese Komponenten immer noch eiweißähnlich sind. Letztere, vor Fischer durch systematische Zersetzung (Abbau!) vegetabilischer oder tierischer Eiweißkörper, in ganz kleiner Anzahl auch durch Aufbau, das heißt Zusammensetzung aus ziemlich einfachen chemischen Verbindungen, gewonnen, benannte man Aminosäuren. Dieser Name ist gut zu merken. Er besagt, daß in allen diesen als Säuren anzusehenden Stoffen als charakteristischer Bestandteil das Amid oder Amin (ein Stickstoff- an Zwei Wasser
stoffatome gebunden) in bestimmter Weise enthalten sei.
Was Emil Fischer und seine Mitarbeiter in den sechs Jahren geleistet haben, ist nun folgendes: Vor allem erfand
er neue Wege und Arbeitsmethoden, um aus pflanzlichen und tierischen Produkten solche Aminosäuren, die vordem nie rein gewonnen worden waren, so zu erhalten, daß man ihre Konstitution (inneres Gefüge) studieren konnte. Daß dabei eine große Anzahl neuer, das heißt bisher unbekannter Aminosäuren gefunden wurden, ist bei Fischer selbstverständlich, ebenso, daß er ganz neue physikalische und chemische Eigenschaften an ihnen erkannte. Damit war aber auch schon die Möglichkeit gegeben, systematisch an die Herstellung von Aminosäuren nicht mehr durch Abbau von Eiweiß, sondern durch Aufbau aus einfachen Chemikalien zu schreiten. Mit anderen Worten: Es nützt der synthetischen Chemie (die sich mit solchem Aufbau befaßt) blutwenig, wenn sie aus der Elementaranalyse ersieht, daß z. B. Vanillin aus je acht Kohlen- und Wasserstoff- und drei Sauerstoffteilen besteht. Erkennt sie aber seine Konstitution, d. h., daß diese 19 Atome als Protokatechualdehydmethyl- äther miteinander vereinigt sind, so hat sie viele Anhaltspunkte, wie Vanillin durch Verbindung dieser genannten Komponenten,
was Professor Tiemann gelang, künstlich darzustellen sei. Tatsächlich folgte auch bei Fischer nach der Erforschung der Konstitution bald die Synthese fast aller bekannten Aminosäuren, von denen zugleich festgestellt wurde, daß sie insgesamt Bestandteile des natürlichen Eiweißes seien, bei einigen sogar, daß sie keinem Albumin fehlen.
Nun ist es gerade eine der wichtigsten chemischen Eigenschaften der Aminosäuren, die an sich schon ein klein wenig den weit atomreicheren Eiweißkörpern ähneln, daß sie, obschon Säuren, wegen des enthaltenen Amins (^Ho) auch mit anderen Säuren chemische Verbindungen eingehen können. „Warum nicht auch," folgerte Fischer mit der den großen Forscher kennzeichnenden Sicherheit, „untereinander?" Eine Aminosäure mit der anderen? Und so erhielt er dann Zweifachaminosäuren ^ Dipeptide. (Der Name Peptide kommt von Pepton, einen: der einfacheren Eiweiße.) Diese Dipeptide erwiesen sich schon peptonähnlicher als die einfachen, waren aber doch wieder Aminosäuren, daher befähigt, sich mit einer dritten, vierten usw. abermals zu vereinigen, Vielfachaminosäuren zu bilden. Diese Polypeptide sind es, die den derzeitigen Gipfelpunkt der Fischerschen Arbeit bilden.
Sie zeigen bereits alle Eigenschaften richtiger Peptone bis auf deren weit größere Anzahl verbundener Atome. Die vorgebrachten und experimentell bewiesenen Fähigkeiten der neuen, künstlich gewonnenen Substanzen lassen keinen Zweifel aufkommen, daß sie schon stark peptonähnlich sind. Sie geben fast alle für Eiweißsubstanz bezeichnenden physikalischen und chemischen Reaktionen, deren Anführung ebenso wie die Namennennung aller bedeutenden Vor- und Mitarbeiter Fischers zu weit führen würde. Nur die allerwichtigste muß angeführt werden: die Zersetzung der Polypeptide durch die Fermente der Bauchspeicheldrüse. Es gibt nämlich bisher kein chemisches Produkt, das durch den Pankreas fistelsaft, der nach Pawlow durch frisches Darmsekret in seiner Wirkung verstärkt wird, zersetzt zu werden vermag, ausgenommen Eiweißkörper. Diese von lebenden Tieren in ihrem Darmkanal durch geführte Zersetzung des durch den Magensaft peptonisierten Albumins (Albumosen, Albuminate, Proteine) nennen wir Verdauung, und ein solches Verdauungsbild im Reagenzglas zeigt uns Fischer, wenn er eines seiner Vielfachpeptide mit Pankreassaft versetzt.
Bis zu Sechsfach- und Siebenfachaminosäuren ist der Gelehrte bereits vorgedrungen, und trotz aller Bescheidenheit und Forschervorsicht bezweifelt er nicht, daß die Bildung noch viel größerer Gruppen von Peptiden sehr leicht und sehr bald möglich sein muß. Seiner maßgeblichen und von keiner Seite befehdeten Meinung nach dürfte man mit Fünfzehn- bis Zwanzigfachpeptiden schon in das Reich der Peptone, mit Dreißig- und Bierzigfachaminosäuren in das der Albuminate eindringen. Denn Eiweiß ist nur ein biologischer Begriff, der in chemischer Hinsicht jedoch als unreines Gemisch oder Konglomerat aller oder doch der meisten bekannten und unbekannten Aminosäuren aufzufassen wäre. Und da der Arbeitsgang der Aneinander- schweißung vieler Peptide zu einem sehr großen Molekül sich bisher so glänzend bewährt hat, so muß er zum Ziele führen, zu künstlichen Produkten, die vom Tier oder Menschen ausgenommen, im Darm mit Hilfe von Fermenten des Bauchspeicheldrüsen- und Darmsafts genau so gespalten und absorbiert (verdaut) werden, wie es seit unendlich langer Zeit mit den natürlichen Eiweißkörpern geschieht. Damit aber wäre der letzte Unterschied zwischen organischem und künstlichem Eiweiß gefallen und anstatt einem Kranken zur Nahrung und Stärkung irgend einen „Fleischsaft" oder ein -— gewöhnlich aus Tierblutkörperchen bestehendes — „Eiweißpräparat" einzugeben, würde man mit einer leichter und genauer zu dosierenden Menge synthetischen Eiweißes das nämliche Ziel erreichen. Und ob nicht auch wenigstens ein Teil der Nahrungsmittel, wie Eier, Fleisch, Fische u. dgl., die wir ja nur wegen ihres Eiweißgehaltes so teuer bezahlen, durch fabriziertes Pepton ersetzt werden kann: wer weiß, was in dieser Hinsicht die technische Chemie noch leisten kann?! Ist doch Alizarin richtiger