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Krappfarbstoff, Jonon vollständig echter Veilchendust, künstlicher Indigo physikalisch und chemisch Indigo, wirken doch künstliches Kokain und Salizyl wie natürliches, warum sollte denn künstliches Eiweiß, im Laboratorium aus den gleichen Grundstoffen gebildet, wie die Pflanze sie zum Aufbau benutzt, nicht ganz die gleiche physiologische Wirkung erzielen?
Wohl sind wir noch nicht so weit. Kein ernster Forscher wird außer acht lassen, daß die Verdauungsorgane an die Arbeit mit großen Mengenvon Nahrungssubstanzen gewöhnt sind und vielleicht gegen ausschließliche Fütterung mit künstlichen Eiweißpillen revoltieren würden. Was ihm zunächst liegt, das ist die Hoffnung, daß die Wissenschaft auf dem vorgezeichneten Wege und mit ge
nauer Kenntnis der Nebenpfade systematisch von einen: Peptid zum nächst höheren Vordringen und mit Substanzen arbeiten wird, deren Wesen und Eigenschaften von allen Seiten gründlich abgeleuchtet sind. Erweisen sich zu dieser Zeit die natürlichen Proteine wirklich als unreine Gemische, die vielleicht viel den: Organismus Schädliches enthalten, oder als Beimengungen, deren Zersetzungsprodukte nicht zuträglich sind — tatsächlich frondet die Niere unter der mühevollen Ausgabe, solche Zersetzungsgifte aus dem Körper auszuscheiden — so wird vielleicht Abhilfe geschaffen werden können. Dann, erst, nach Jahrhunderten vielleicht, kommt der Tag, da das größte menschliche Problem, die Unabhängigkeitserklärung von der Scholle, gelöst ist.
El Dorado und die Schätze des Sees von Guatavita.
Von Rudolf Cronau.
Mit Abbildungen nach Originalzeichnungen des Verfassers.
s ist fraglich, ob es irgendwo auf Erden einen zweiten Länderkomplex gibt, der von Schatzgräbern so überlaufen und durchwühlt worden ist wie das ehemalige Spanisch-Amerika. In manchen seiner Teile, vornehmlich in Peru, Bolivia, Ecuador und Kolumbien, bildet die Schatzsucherei ein förmliches Gewerbe, dem Leichtgläubigkeit und Beschränktheit jahraus jahrein reichen Tribut entrichten. Viele Hunderttausende Pesos und manches Menschenleben wurden geopfert, um fabelhafte Schätze zu heben, die angeblich während der Zeit der spanischen Eroberung von Indianern da oder dort verborgen oder von den Spaniern in Eile vergraben wurden, wenn diese vor der überschäumenden Wut der gepeinigten Eingeborenen flüchten mußten.
Namentlich von derartigen Plätzen gibt es eine ganze Menge, und die Überlieferung hat sie fast alle mit dem Nimbus eines fabelhaften Reichtums umgeben, der sich einst durch das Wiederaufsinden der versteckten Schätze offenbaren müsse. Villa Rica, die „reiche Stadt", die im Jahre 1692 den kriegerischen Araukanern in die Hände fiel, ferner Concepcion de la Estrella in Costarica, Gran Ouivira und viele andere jetzt von Urwald oder Wüstensand bedeckte Trümmerstätten bilden seit langer Zeit, bis auf die Gegenwart, den Traum und das Ziel zahlloser Schatzgräber. Wohl die stärksten Hoffnungen, die je gehegt wurden, knüpfen sich aber an ein Unternehmen, das die Trockenlegung eines in Wolkenhöhe auf dem Gipfel der Anden von Kolumbia ruhenden Sees, der Laguna de Guatavita, bezweckt.
Nach Ansicht aller „Sachverständigen" wäre nämlich der Boden dieses Wasserbeckens mit den wertvollsten Goldzieraten, mit Goldstaub, Smaragden und anderen Edelsteinen hoch bedeckt. Nach Veranschlagung eines Franzosen namens de la Kier sollen sich diese Schätze auf mindestens 1120 000 000 Pfund Sterling bewerten.
Ohne auf diese einer glühenden Phantasie entsprungene Berechnung weiter einzugehen, möchte ich feststellen, daß dem so abenteuerlich scheinenden Unternehmen doch gewisse Tatsachen Zugrunde liegen, die nicht weggeleugnet werden können.
Bald nachdem die Spanier den Nordrand Südamerikas entdeckt hatten, erhielten sie auf ihre Fragen nach Gold von den die Küsten bewohnenden Indianern allerhand Andeutungen über ein tief im Innern gelegenes Königreich, dessen Herrscher ungeheure Schätze an Gold und Edelsteinen besitze und, wenn er sich bei festlichen Gelegenheiten seinem Volke zeige, über und über mit Goldstaub bedeckt sei. Diese Erzählungen von dem vergoldeten Manne „ei llombro äoraäo" oder kurz „ei cioraäo", „dem Vergoldeten", verbreiteten sich nach allen in Amerika gelegenen spanischen Kolonien und nahmen immer bestimmtere Formen an, als verschiedene Chronisten sich des verlockenden Gegenstandes bemächtigten und wacker für seine Weiterverbreitung sorgten. , Einer von diesen, de Oviedo, versicherte sogar, Gonzalo Pizarro, ein Bruder des Franzisco Pizarro, habe de:: Dorado ausgesucht, der allezeit mit Goldstaub so bedeckt sei, daß er einer von einem trefflichen Goldschmied gearbeiteten
Goldfigur gleiche. Der Goldstaub werde jeden Morgen aus seinen mit wohlriechendem Harz bestrichenen Leib geblasen; da diese Art Kleidung den König aber am Schlafen hindere, so wüsche er sich abends und ließe sich am Morgen neu vergolden.
Auf viele der in den spanischen Kolonien lebenden Aben teurer übten diese Berichte eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Der erste, der sich anschickte, das Reich des güldenen Königs aufzusuchen und womöglich zu erobern, war ein aus Ulm gebürtiger Deutscher, Ambrosius Alfinger oder Dalfinger, der als Statthalter der berühmten Augsburger Kaufleute Welser in Venezuela tätig war.
Kaiser Karl V. von Spanien war den Welsern, diesen Rothschilds des 16. Jahrhunderts, stark verschuldet, denn erhalte im Laufe der Zeit nicht weniger als 12 Tonnen Goldes von ihnen vorgestreckt erhalten. Als Pfand für ein weiteres Darlehn hatte der Kaiser den Welsern das unlängst entdeckte Venezuela mitsamt dem Recht verschrieben, dieses Land zu kolonisieren und auszubeuten. Alfinger war von den Welsern mit der Zusammenstellung und Leitung einer Expedition betraut worden und im Jahre 1529 mit 400 Mann und 30 Pferde:: in der kurz zuvor an der Küste von Venezuela gegründeten Ortschaft Coro gelandet. Anstatt sich aber der Kolonisation des Landes zu widmen, ließ er sich durch die umlaufenden Gerüchte über das Reich des Dorado zu einem Eroberungs zug dorthin verlocken und drang unter beständigen Kämpfen mit feindlichen Indianern durch von Weißen nie zuvor betretene Urwälder bis in das Innere der heutigen Republik Kolumbien vor. Hier aber erlitt er durch die auf den Hochebenen vor: Kolumbien lebenden Muyscas so schwere Verluste, daß er sich zum Rückzug genötigt sah. Sein auf nur 100 Mann zusammen geschrumpftes Häuflein Reisiger brachte aber Gold in: Wert von über 40 000 Pesos zurück. Eine weitere Beute von Gold im Wert von 30 000 Pesos, die Alfinger mit einer kleinen Schar- Bewaffneter nach Coro gesandt hatte, ging mitsamt der Be deckung in den unabsehbaren Urwäldern verloren.
Das wichtigste Ergebnis der Expedition Alfingers bestand in der genaueren Festlegung des Reichs des Dorado. Alle Angaben der unterwegs angetroffenen Indianer stimmten dahin überein, daß dieses Reich auf einer Hochebene der Anden liege und von denselben Muyscas bewohnt werde, vor denen Alfinger hatte weichen müssen. Sobald Alfinger nun die in der Schar- feiner Landsknechte entstandenen Lücken wieder ergänzt hatte, brach er aufs neue Zur Unterwerfung des Dorado aus, drang bis in die an den Magdalenenstrom grenzenden Länder vor, erhielt hier aber in: Kampf mit Indianern eine so schwere Wunde an: Halse, daß er sich zun: zweitenmal zur Rückkehr nach Coro gezwungen sah, wo er bald nach seiner Ankunft starb.
Alfingers Nachfolger, Johann der Deutsche, setzte die aben teuerlichen Expeditionen nicht fort; mit desto größeren: Eifer taten dies hingegen die Statthalter Georg Hohemut von Speier, Nikolaus Federmann und Philipp von Hutten. Die Beschreibung