Heft 
(1906) 05
Seite
108
Einzelbild herunterladen

108

ihrer Züge zur Eroberung des vom Dorado beherrschten Reiches liest sich wie ein spannender Roman.

Georg von Speier brach am 13. Mai 1635 mit 100 Reitern und 300 Fußsoldaten von Coro auf, überschritt zunächst die Anden von Merida und kam unter beständigen Kämpfen mit den Eingeborenen nach acht Monate langem Marsche anr 5. Januar 1536 an den Apure, einen der mächtigsten Neben­flüsse des Orinoko. Nachdem man diesen sowie die gleichfalls dem Orinoko zuströmenden Flüsse Arauca, Camariruh, Lorabo und andere überschritten hatte, wurden die Mitteilungen, die man von Indianern über das Reich des Dorado erhielt, immer bestimmter. Sie wiesen sämtlich auf ein Hochland hin, das auf dem Rücken eines im Westen gelegenen gewaltigen Gebirges liege. Zugleich aber wuchsen auch die Schwierigkeiten des weiteren Vordringens ins Ungeheure. Volle acht Monate verstrichen, bevor es möglich wurde, den hochangeschwollenen Upia, einen Nebenfluß des Meta, zu überschreiten. Nachdem nmn endlich bis an den Fuß des Gebirges vorgedrungen war, vermochte man all den mit un­durchdringlichen UrwälOern be­deckten Abhängen .

nirgendwo einen Paß zu finden.

In der Hoffnung, . ^ .

einen solchen Auf­stieg weiter im

Süden zu ent- '5, -.-,- ..

decken, drang man in monatelangen Wanderungen bis zum Waviari oder Guaviari vor. Während dieses Zuges traf man wiederholt indianische Dör­fer, deren Be­wohner die Frage nach dem Gold­lande immer wie­der mit Hinweisen aus die westlichen Gebirge beantworteten.

Aber alle Versuche, diese zu übersteigen, schlugen fehl. Stets geriet man in Wildnisse, wo zahllose Ströme, Bäche und Sümpfe jedes Vorwärtskommen unmöglich machten. Ein in seiner Endlosigkeit und seinem Schweigen grauenhaft groß­artiger Wald bedeckte weit und breit die Landschaft. Seil­artige Lianen und Schlingpflanzen überwucherten die Bäume und versperrten auf jedem Schritt den Weg. Überall herrschte geheimnisvolles, beängstigendes Halbdunkel, denn nirgendwo vermochten die Strahlen der Sonne den Wust von Vegetation zu durchdringen. Nur wo unlängst ein morscher Urwald­riese zusammengebrochen war und in seinem Sturz die Aste der Nachbarn mit niedergerissen hatte, flutete das Tageslicht herein und bot den die Wälder bewohnenden Raubtieren, den gefährlichen Jaguars, sowie den erschreckend aussehenden Riesenschlangen, Gelegenheit, sich zu sonnen.

Die Leiden, denen die wackeren Deutschen in diesen Ein­öden ausgesetzt waren, stiegen ins Entsetzliche.Gott allein," so schrieb der an dem Zug teilnehmende Philipp von Hutten an seine in Deutschland weilenden Angehörigen,Gott allein und die gemein (Leute), so es versucht haben, wissen, was Not und Elendt, Hunger, Durst, Mühe und Arbeit die armen Christen in diesen drei Jahren erlitten haben; ist zu verwundern, daß es menschlich Körper so lang ertragen mögen. Ist ein Graun, was Ungeziefers als Schlangen, Kröten, Ottern, Lacerdas, Wurm, Kraut und Wurzeln die armen Christen auf diesem Zug gessen haben, nemlich ward ein Christ funden, so ein Viertel von einem jungen Kind mit etlichen Kräutern kocht hat.

MWW

Der See von GuataviLa.

Nach einer Ansicht in HumboldtsVues cie5 LoräiNeres" und nach photographischen Aufnahmen.

Auch die Pferd, die erschossen wurden oder an dein Schelm stürben, sind für 400 Pesos Gold verkauft worden und noch teurer, wo mans zugelassen hätt; ein Hund 100 Pesos, deren ich selbst einen mit etlichen Christen kaufst Hab; auch wurden viel Elends-Häut, wie sie an etlichen Orten die Indianer tragen für Schild, eingeweigt, gesotten und gessen, also daß von diesen: bösen, unkräftigen, unnatürlichen Essen, auch von der großen Arbeit, im Regen und Wind Liegen die Christen so gar ver- schmacht und ausgedorrt waren, daß uns Gott nicht geringe Gnad bewiesen hat, uns am Leben zu halten."

Die Lage wurde geradezu schrecklich, als die Regen­zeit hereinbrach und durch die unermeßlichen herabflutenden Wassermassen sämtliche Ströme und Bäche in meilenweite Seen verwandelt wurden. Wilde Verzweiflung bemächtigte sich aller. Jedermann erkannte, daß weiteres Vordringen mit sicherem Untergang gleichbedeutend sei, und so entschloß man sich am 13. August 1537 schweren Herzens zur Rückkehr.

Als die Abenteurer neun Monate später, am 27. Mai 1538,

nach dreijähriger Abwesenheit halbnackt wieder in Coro eintrafen,

> . belief sich ihre

Zahl nur noch auf160; dieübri- gen 240 waren dem Klima, den

. Indianern und

. . - -- Raubtieren zürn

Opfer gefallen. In Coro fan- H den die Heim-

kehrender:, daß ' Nikolaus Feder

mann, der Stell Vertreter Georgs von Speier, über das lange Aus­bleiben seines Herrn beunru­higt, bereits vor geraumer Zeit mit 200 Mann ausgezogen war, um diesen: zu Hilfe zu kommen.

Aber er hatte in den Urwäldern bald alle Spurei: der Aben­teurer verloren und nun auf eigene Faust die Suche nach

dem Dorado angetreten.

Glücklicher als Georg von Speier, entdeckte er weiter nördlich einen auf die Kordilleren hinaufführenden Paß und kan: im Jahre 1638 auf die von den Mupscas bewohnte Hochebene, in das Reich des Dorado.

Hier aber harrte seiner eine unangenehme Überraschung. Ein gleichfalls vom Goldhunger getriebener Spanier, Limenes de Ouesada, hielt die Hochebene bereits besetzt. Mit 700 Mann war dieser Abenteurer im Jahre 1536 den Magdalenenstrom heraufgekommen und hatte nach blutigen Kämpfen, während der er 500 seiner Leute einbüßte, das Reich der Mupscas be- zwmrgen.

Dabei waren ihn: ungeheure Schütze in die Hände gefallen. Die in den Tempeln zu Tunja erbeuteten Zieraten aus Gold bildeten allein einen so gewaltigen Haufen, daß ein auf seinen: Roß sitzender Reiter sich dahinter verbergen konnte; außerdem ergatterte man gegen 2000 Smaragden und viele andere Kostbarkeiten.

Ouesada stand gerade im Begriff, von der Küste Verstärkung herbeizuholen, als Federmann eintraf. Zur gleichen Zeit rückte aus dem Süden eine stattliche Schar spanischer Reiter heran, die von Sebastian Benalcazar, den: Eroberer von Ouito, befehligt wurde. Der letztere hatte gleichfalls von dem vergoldeten König vernommen und kan:, um seine Herrschaft über dessen Gebiet auszudehnen.